Studienteilnehmer Video
Scheinmedikamente wirken so nachhaltig, dass Forscher dies messen können
Tiefenwirkung im Gehirn
Placebos aktivieren die präfrontale Kontrolle
Placebos aktivieren im Gehirn den präfrontalen Kortex und das anteriore Cingulum, dieselbe Regionen wie echte Arzneien, sagt Paul Enck.
Diejenigen Probanden, die auf Placebos ansprechen, "zeigen eine Schmerzhemmung, die ungefähr so stark ist wie unter einem Opiod", so der Tübinger Psychologe.

Der präfrontale Kortex spielt eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Erwartungen wie einer Schmerzlinderung. Schaltet man dieses Areal aus, zeigten Probanden keinen Placeboeffekt mehr, so der Neuropsychologe Peter Krummenacher vom "Collegium Helveticum Zürich": "Die Werte der Schmerzschwellen und -toleranz liegen bei den Werten, die man so bei gesunden Leuten im Normalzustand messen würde." Gleiches gelte für Demenzkranke, bei denen dieses Gehirnareal durch die Krankheit zerstört ist.

Manche reagieren stärker auf Placebos auf andere
Studie Video
Auch in Doppelblindstudien zeigen Scheinmedikamente Wirkung
Auch einige Parkinsonpatienten sprechen auf die Behandlung an. Placebos regen im Gehirn die Ausschüttung von körpereigenen Schmerzmitteln an. "Das widerspricht der weit verbreiteten Annahme, dass der Placebo-Effekt rein psychologisch sei", so Jon-Kar Zubieta von der Universität Michigan in Ann Arbor. "Offensichtlich gibt es bei Placebos eine bestimmte Prädisposition", meint Enck: "Leute, die die Verantwortlichkeit für ihre Gesundheit sehr nach außen verlagern, die 'Externalisierer', reagieren stärker auf Placebos. Diejenigen, die 'internalisieren' und der Ansicht sind, sie könnten sich am besten selbst helfen, reagieren auf Placebos wahrscheinlich am wenigsten."

Experimente konnten zeigen, dass sich bei beiden Geschlechtern negative Wirkungen - also "Nocebo"-Effekte - einfacher erzielen ließen als positive Wirkungen. Auch zeigte sich, dass verschiedene Menschen auch unterschiedlich sensibel für bestimmte Stimuli sind.

Wer Placebos als solche erkennt, bei dem wirken sie nicht mehr. Im Gehirn gibt es Schnittstellen, an denen Wahrnehmungen und Gedanken in handfeste biochemische Prozesse umgewandelt werden. Eine wesentliche Rolle bei der Wirksamkeit von Placebos spielt dabei ein Teil der Großhirnrinde, der "Präfrontale Cortex". Dort werden Umweltsignale mit Erfahrungen und Emotionen abgeglichen.

Teure Medikamente helfen besser als billige
Forscherin betrachtet Gehirnscans Lupe
Gehirne unter Placebos schütten Endorphine aus
Je teurer ein Medikament ist, desto besser beurteilen Patienten seine Wirkung - selbst wenn es sich um ein wirkstoffloses Placebo handelt. Angesichts des Ergebnisses müssten Mediziner sich die Frage stellen, wie sich billigere Präparate verschreiben lassen, ohne dass die Patienten deren Wirkung infrage stellten. Dan Ariely von der Duke-Universität und seine Mitarbeiter hatten 82 Versuchsteilnehmern leichte Elektroschocks verabreicht, um die individuelle Schmerzempfindlichkeit zu bestimmen. Dann gaben sie allen Teilnehmern eine Tablette. Die Hälfte der Gruppe erhielt zudem eine Broschüre, in dem das wirkstofflose Präparat als neu entwickeltes Schmerzmittel angepriesen und ein Preis von 2,50 US-Dollar (1,64 Euro) pro Tablette genannt wurde. Die übrigen Versuchsteilnehmer erhielten eine Broschüre, die den Preis der Pille auf nur zehn US-Cent bezifferte.

Bei 85 Prozent der Patienten, die das vermeintlich teurere Präparat bekommen hatten, ließ das subjektive Schmerzempfinden nach der Tabletteneinnahme merklich nach. In der Gruppe mit dem billigen Präparat berichteten hingegen nur 61 Prozent, dass sich ihre Schmerzen gebessert hätten. "Der Placebo-Effekt ist eine der faszinierendsten und am wenigsten genutzten Kräfte im Universum", kommentierte Ariely.

Die Studie sei auch für praktizierende Ärzte interessant: Diese glaubten normalerweise, dass ein bestimmtes Medikament deshalb besser wirke als ein anderes, weil es tatsächlich besser sei. Möglicherweise übertrage sich aber die eigene Begeisterung für ein Mittel vom Arzt auf die Patienten, meint Ariely. "Über solche feinen Wechselbeziehungen zwischen Ärzten und ihren Patienten müssen wir uns wirklich Gedanken machen."

Selbst eine Scheinoperation kann Patienten helfen
Elektroden am Bauch Lupe
Jeder reagiert anders
Das gilt auch für Patienten bei der Chirugie, meint der US-amerikanische Orthopäde Bruce Moseley: In einer Studie operierte er die Hälfte seiner Patienten mit Knieproblemen nach allen Regeln der Kunst. Zerstörter Knorpel wurde abgetragen, die Oberfläche sorgfältig mit einer Fräse geglättet, das Gelenk gespült. Die andere Hälfte der Patienten bekam nur zwei kleine Schnitte am Knie. Auf einem Monitor sahen sie die Bilder aus einer echten Operation. Sie waren der festen Überzeugung, dass sie wirklich operiert würden. Zwischen der echten und der Scheinoperation gab es keinen Unterschied beim Heilungserfolg, auch zwei Jahre später nicht.

Placebo-Medikamente beeinflussen Gefühle positiv
Placebos können auch Gefühle positiv beeinflussen, haben Forscher des Karolinska-Instituts in Stockholm ermittelt. Das Scheinmedikament greift bei der Angstverminderung in dieselben grundlegenden Schaltkreise des Gehirns ein, die es auch bei der Schmerzerleichterung beeinflusst. Das Team um den Neurologen Predrag Petrovic testete die Placebo-Wirkung, indem es den Versuchspersonen unangenehme Bilder unter anderem misshandelter Körper zeigte. Nach der Ankündigung und Einnahme von angstmindernden Stoffen am ersten Tag erhielten die Probanden am folgenden Tag nach einer identischen Ankündigung Placebos.

Messungen der Hirnaktivität mittels Kernspintomographie zeigten, dass auch nach Einnahme der Scheinmedikamente die Hirnaktivität zur Vermeidung unangenehmer Gefühle deutlich gestiegen war. Von besonders hoher Bedeutung sei dabei die jeweilige Erwartungshaltung der Testpersonen gewesen, hieß es weiter. Die Probanden, die von den gegebenen Mitteln eine große Angstverminderung erwarteten, zeigten bei der Kernspintomographie auch die größte Aktivitätsänderung im Gefühlszentrum.

Infografik
Die Regionen des Gehirns
Glossar
Placebo
Als Placebo bezeichnet man Medikamente, die ohne Wirkstoffe sind - und von daher auch nicht wirken sollten.
Schwerpunkt
Das Gehirn: Regeneration, Operation und Medikation
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