Im Rettungswagen Video
Mit Untersuchungen im Krankenwagen lässt sich im Notfall Zeit gewinnen
Zeit gewinnen mit der "Mobile Stroke Unit"
Die Patienten schon im Krankenwagen behandeln
Um Schlaganfälle noch schneller und gezielter zu behandeln, nutzt die Uniklinik Homburg im Saarland die "Mobile Stroke Unit".
Unter dem Motto "Das Krankenhaus kommt zum Schlaganfallpatienten" enthält ein spezieller Krankenwagen einen Computertomographen und ein Mini-Labor. Beides ist für die Diagnostik des Schlaganfalls notwendig. Per Telemedizin senden die Helfer vor Ort die Bilddaten direkt in die Klinik. Der Arzt im Krankenhaus kann eine entsprechende Behandlung vorbereiten. Sobald Rettungsteam und Patient in der Klinik eintreffen, müssen die Ärzte keine langwierigen Voruntersuchungen machen.

Die Computertomographie sei in der Akutphase des Schlaganfalls eine wichtige Untersuchung, so Dr. Jürgen Marx, Leiter der "Stroke Unit" der Uniklinik Mainz. Diese Klinikstation ist auf die Behandlung von Schlaganfällen spezialisiert. "Man kann damit unterscheiden, ob es sich bei dem Schlaganfall um eine Durchblutungsstörung, also einen Hirninfarkt, oder eine Blutung handelt. Bei der Durchblutungsstörung ist die Ursache ein Gerinnsel, das eine Ader im Gehirn verstopft. Bei der Blutung ist ein Gefäß geplatzt oder gerissen. Beide Formen unterscheiden sich gravierend in der Behandlung. Bei einer Durchblutungsstörung kann man blutverdünnende Maßnahmen einsetzen, was bei einer Blutung fatal wäre."

Einige Krankenhäuser nutzen schon länger das Stroke-Angel-Pad, das vom Einsatzort Daten an eine Spezialklinik weitergibt. "Früher hat man sich lange aufgehalten, hat ein Bett gesucht", sagt Notarzt und Anästhesist Christian Wunder Uniklinik Würzburg. "Die aufnehmende Klinik wusste nichts über den Patienten. Das hat sich mit dem 'Stroke Angel' wesentlich verbessert."

"Stroke Angel" für schnellere Hilfe bei Schlaganfällen
Lupe
Das Rettungsteam gibt wichtige Informationen weiter
Beim 2005 ins Leben gerufenen Projekt "Stroke Angel" übermittelt das Rettungsteam die Daten eines Schlaganfall-Patienten per Funk direkt an die Klinik. Die Station bereitet die Aufnahme vor, noch während der Rettungswagen unterwegs ist. "Das 'Stroke Angel'-Projekt hat die Kommunikation zwischen Rettungsdienst, Notarzt und dem Krankenhaus erheblich verbessert", schildert Prof. Bernd Griewing von der Neurologischen Klinik in Bad Neustadt. "Der Patient wird schneller in das Krankenhaus gebracht und kommt so schneller zu einer Therapie." Auf den spezialisierten Schlaganfall-Stationen können die Ärzte mit einem Medikament das Blutgerinnsel auflösen. Die Infusion muss allerdings innerhalb von drei Stunden nach dem Schlaganfall verabreicht werden. Dann bestehen große Chancen, dass der Patient wieder ganz gesund wird und keine bleibenden Behinderungen hat.

Je nach Bundesland werden auch Notärzte geschickt
Ist der Patient Bewusstsein, kommt nicht immer ein Arzt
Die Quote dieser Lyse habe sich "in unserem Haus innerhalb eines Jahres von anfangs sechs Prozent auf elf bis zwölf Prozent erhöht", sagt Griewing. In jeder Stunde nach dem Schlag sterben so viele Gehirnzellen wie sonst in dreieinhalb Lebensjahren, da Teile des Gehirns nicht mehr mit Sauerstoff versorgt werden. Die Länder Hamburg und Berlin schicken nicht in allen Fällen einen Notarzt, schildert Dr. Stefan Kappus von der Hamburger Feuerwehr: "Beim Akutbild Schlaganfall entsendet die Feuerwehr einen Rettungswagen, falls keine Bewusstlosigkeit oder erhebliche Bewusstseinstörungen vorliegen. Liegt eine zusätzliche Bewusstseinsstörung vor, wird zusätzlich ein Notarzt zur Einsatzstelle entsandt."


Alle neun Minuten sterbe in Deutschland jemand an einem Schlaganfall, weiß Charlotte Kögerln von der Stiftung "Deutsche Schlaganfallhilfe". "Jährlich erleiden 200.000 Menschen in Deutschland einen. Der Schlaganfall ist weltweit die Urasche Nummer eins für lebenslange Behinderung. Zwei Drittel der Patienten bleiben ein Leben lang behindert."

Schnelle Behandlung lindert die Schäden
Video
Frühe Behandlung und Untersuchung erleichtert die Behandlung
"Es ist wichtig, dass die Patienten auch bei leichten kurzen Ausfällen eine Spezialklinik aufsuchen, damit dort das Problem entsprechend behandelt werden kann", weiß Marx. "Es ist leider häufig so, dass sich nach so kurzen und leichten Ausfallerscheinungen schwere Schlaganfälle ergeben." Bei den Ausfällen könne es sich um Taubheitsgefühl, kurzfristige, vorübergehende halbseitige Lähmungen, kleine Sprachstörungen oder das Doppelsehen handeln. "All das sollte man ernst nehmen und in einer Spezialklinik abklären lassen, um im Ernstfall dort zu sein, wo entsprechend reagiert werden kann."

Bei Anzeichen eines Schlaganfalls sollte nicht erst der Hausarzt angerufen werden. "Der ist in der Regel beschäftigt, ruft Sie später zurück oder kommt abends nach seiner Sprechstunde vorbei - da vergeht zu viel Zeit", warnt der Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg, Werner Hacke. Stattdessen solle sofort der Rettungsdienst unter der Nummer 112 angerufen und dem Rettungsteam klargemacht werden, dass der Patient in die nächste "Stroke Unit" gebracht werden möchte.

Die dortigen Experten könnten die verschiedenen Formen des sogenannten Apoplex am sichersten diagnostizieren und die Therapie einleiten - je früher, desto erfolgversprechender. Hacke verweist auf die unter Schlaganfall-Experten gängige Losung "Zeit ist Hirn". Der prägnante Satz besage, dass das Gehirn die besten Chancen habe, einen Schlaganfall mit möglichst geringen Spätfolgen zu überstehen, je schneller der Patient entsprechend behandelt werde.

Vorboten des Schlaganfalls ernster nehmen
Einem schweren Schlaganfall gehen in aller Regel drei typische Symptome voraus: eine vorübergehende Schwäche eines Armes, eine kurzzeitig verwaschene Sprache und Gleichgewichtsstörungen, die bald wieder vergehen. Dahinter steckt häufig eine transitorische ischämische Attacke (TIA): Die Flüchtigkeit macht die TIA so gefährlich. Diese Attacke zeigt, dass die Durchblutung des Gehirns gestört sei. Meistens steckt eine Arteriosklerose dahinter, also ein bleibender Gefäßschaden.


Glossar
Schlaganfall
Etwa 20 Prozent aller Schlaganfälle werden nach Angaben der Deutschen Schlaganfallhilfe durch eine geplatzte Arterie im Hirn ausgelöst.
hitec-Dokumentation
60 Minuten zwischen Leben und Tod
Die Notfallversorgung in Deutschland gilt als vorbildlich. Doch Kostendruck und Ärztemangel gefährden den hohen Standard.
mehr zum Thema
Kalk in den Beinen erhöht das Risiko für Schlaganfall Eine "Arzneimittelfabrik im Kopf" nach Schlaganfällen Schlaganfall-Patienten lernen Sprechen durchs Singen Ein Magnetresonanz-Tomograph auf der Intensivstation Schlaganfallpatienten erholen sich besser mit Musik