Bildungsforscher sagt sinkende Studentenzahlen voraus
Dieter Dohmen: "Ein erheblicher Fachkräftemangel ist unmittelbar die Folge daraus"
Die Zahl der Studenten in Deutschland wird nach Auffassung des Berliner Bildungsforschers Dieter Dohmen entgegen den offiziellen Prognosen in den nächsten Jahren kaum noch steigen und bereits ab 2010 deutlich sinken. Eine rückläufige Studienneigung und die derzeit bundesweit laufende Umstellung der Studiengänge auf die Bachelor- und Masterabschlüsse würden den Anteil der Höchstqualifizierten pro Jahrgang deutlich verringen. Ein erheblicher Fachkräftemangel sei unmittelbar die Folge.
"Besonders exportorientierte Unternehmen wie der Maschinen- und Fahrzeugbau klagen über große Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung, aber auch die Medizin- und Elektrotechnik", sagt Dr. Oliver Heikaus vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag. "Wir schätzen, dass jedes Unternehmen Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung hat."
Nur 31 Prozent eines Jahrgangs entscheiden sich derzeit für ein Studium - dabei ist es das erklärte Ziel der Bildungspolitik, 40 Prozent eines Jahrgangs zum Studium führen zu wollen. "Die Zahl 40 Prozent geistert schon lange durch die Diskussion, um mit anderen mithalten zu können", meint Dohmen. "Dies hat sich aber schon völlig verschoben, wir haben in anderen Ländern mittlerweile schon 50 Prozent - insofern sind 40 ein erster Schritt, der aber nicht ausreichen kann." Dohmen verwies auf die in fast allen Bundesländern für den Masterabschluss vorgesehenen Zulassungsbeschränkungen, die es in dieser Art nur in Deutschland gibt.
Ab 2015 würden Masterabsolventen "zum knappen Gut, sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland", sagte Dohmen. Für die wenigen Absolventen würde ihr Masterstudium zu einer "glänzenden Investition". Zugleich entstünde für private Hochschulen ein neuer Markt, sollten die geplanten Zulassungsbeschränkungen an den staatlichen Hochschulen tatsächlich realisiert werden. Damit wollen die Universitäten sich davor schützen, zu viele Studenten bei zu wenig Professoren zu haben.
"Teilweise ändern wir Rahmenbedingungen, die dazu führen, dass es aufwändiger wird, Studierende zu betreuen", sagt Dohmen. "Früher haben wir nur die Hälfte Vollzeitstudierende gehabt - doch durch Bachelor und Master wird sich dieser Anteil auf 80 Prozent erhöhen. Diese Umstellung wird nicht mit finanziellen Mitteln begleitet: Faktisch müssen Hochschulen mehr mit weniger oder gleich viel Geld bewälten." Vertreter großer deutscher Universitäten haben mehr Freiraum bei der Verwendung von Studiengebühren gefordert, so dass beispielsweise von dem Geld neue Professoren eingestellt werden können.
"Es liegt doch auf der Hand, dass Studenten von nichts mehr profitieren als von zusätzlichen Hochschullehrern", sagte Bernhard Stöckhert, Prorektor der Ruhr-Universität Bochum. "Wir würden das Geld ja gerne einsetzen, um mehr Hochschullehrer einzustellen, aber genau das dürfen wir nicht", sagte Barbara Jürgens, Vizepräsidentin der TU Braunschweig.
Um öffentlicher Kritik vorzubeugen, haben die Länder bei der Verwendung der Gebühren enge Grenzen gesetzt. Studiengebühren dürfen demnach derzeit weder die Forschung noch die Grundausstattung einer Hochschule finanzieren, sondern sollen einzig und allein den Studenten zugute kommen, die sie bezahlt haben. Die Bezahlung hauptamtlicher Dozenten gehört demnach zur Grundausstattung, zudem enthält jede Professur einen Forschungsanteil. In einigen Ländern ist die Einstellung zusätzlicher Hochschullehrer über Studiengebühren zwar theoretisch möglich, hochschulrechtlich jedoch äußerst kompliziert.
So hätten sich die meisten Hochschulen zur Sicherheit darauf verlegt, die Studiengebühren für zusätzliche Tutorien, Mentorenprogramme, längere Bibliotheksöffnungszeiten und eine bessere technische Ausstattung auszugeben. Auf Dauer dürfte diese Strategie jedoch nicht funktionieren, wie Frank Ziegele vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) sagte: "Wenn der 20. Beamer angeschafft ist und überall neue Computer stehen, stellt sich die Sinnfrage."
Zuletzt hatte der Deutsche Hochschulverband (DHV), die Vertretung der Professoren, das schlechte Betreuungsverhältnis an deutschen Hochschulen kritisiert und gefordert, aus Studiengebühren neue Professuren zu finanzieren. Auf einen Professor kommen laut DHV derzeit 60 Studenten.


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18.10.2007 / mp mit Material von ap und dpa
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