Gigantisch große und unterirdische Sondermülldeponie
Seit 35 Jahren verschwindet hochgiftiger Abfall im Kali-Bergwerk in Herfa-Neurode
Das Kali-Bergwerk Herfa-Neurode in Hessen beherbergt die weltweit erste und größte Untertagedeponie für Giftmüll. In 800 Meter Tiefe lagern insgesamt 2,6 Millionen Tonnen Giftmüll. Mit dem Quecksilber, Dioxin, Furan und Arsen ließe sich problemlos die ganze Menschheit ausrotten. In den ausgeräumten, leeren Grubenfeldern von Herfa-Neurode verschwindet seit 35 Jahren der gefährlichste Abfall unserer Zivilisation. 50.000 Tonnen kommen pro Jahr im Kali-Bergwerk an.
Bevor die Giftstoffe eingelagert werden, wird überprüft, ob es sich um radioaktive, flüssige oder leicht explosive Stoffe handelt, denn diese dürfen dort nicht eingelagert werden. Auch der Anteil an Gasen wird genau kontrolliert. Als Maßstab gilt das feuergefährliche Toluol, dessen Anteil zehn Prozent der "unteren Explosionsgrenze" nicht übersteigen darf.
Nach dieser Prüfung kommt das Material zum Schnelltest ins Labor. Dort wird es nach den Kriterien basisch oder sauer einsortiert. Innerhalb von Sekunden liefert die Röntgenfluoreszenz-Analyse einen chemischen "Fingerabdruck". Ist der Müll im erlaubten Rahmen, geht es in neunzig Sekunden in 660 Meter Tiefe. Breite Schichten aus Bundsandstein, Ton und Steinsalz dienen dabei als natürliche Barrieren zur Außenwelt. Während der Ton besonders Wasser-undurchlässig ist, gilt das Salzgebirge als enorm dicht und erdbebensicher.
Der in Herfa-Neurode gelagerte Giftmüll kommt auch aus Frankreich, Italien, Österreich oder der Schweiz und kostet die Lieferanten um die 260 Euro Einlagerungsgebühr pro Tonne. Ist die Tonne unten angekommen, ist die Fahrt aber noch nicht zu Ende. Vom Schacht aus geht es durch ein Gewirr verzweigter Verkehrswege hinab in 800 Meter Tiefe. Über 25 Quadratkilometer erstreckt sich dieses unterirdische Straßennetz, in dem die Temperatur konstant bei 23 Grad Celsius liegt.
Weil die Stahlblechcontainer nicht geruchsdicht sind, können geübte Nasen erkennen, was wo gelagert wird. Bis zu fünfzig Meter dicke Steinsalz-Säulen stützen die Decke ab. Ist eine Kammer voll, verschwindet der gefährliche Inhalt zunächst hinter einer Ziegelmauer. Wenn irgendwann die Mauern zerbröckeln und die Tonnen verrosten, wird das Salz als eigentliche Schutzhülle den Giftmüll fest umschlossen haben. Für die Sicherheit der Mitarbeiter wurden Feuerschutztüren eingebaut.
In der Tiefe werden auch mehr als 50.000 Proben bereits verbrannten Mülls gelagert, die Reste beinahe vergessener Giftmüll-Skandale oder gewöhnlicher Industrieprozesse wie chromhaltiger Galvanikschlamm, Dioxin-verseuchter Boden, hochgiftige Pflanzenschutzmittel und quecksilberverseuchtes Erdreich aus der Ex-DDR. Wenn aber ein Stoff wie das in Trafos verwendete Kupfer knapp wird, besinnt man sich wieder auf die unterirdischen "Schätze".
Seit der Weltmarktpreis für Kupfer binnen Jahresfrist um hundert Prozent stieg, werden Trafos wieder aus dem Untergrund ans Tageslicht befördert. Dass sie noch Reste von PCB-verseuchtem Kühlmittel enthalten, erscheint da zweitrangig - wohl auch, weil das Recycling Fortschritte macht. Das meiste der einmal eingelagerten "Rohstoffe“ aber wird wohl weiter in der gigantischen Gifthöhle in 800 Metern Tiefe bleiben.
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15.05.2007 / mm
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