Grafik: Gehirn Video
Forscher suchen im Gehirn nach Besonderheiten jugendlicher Gewalttäter
Gestörte Verbindung
Gehirne von Gewalttätern zeigen Auffälligkeiten
Bei vielen "Amokläufern" ist offenbar im Gehirn die Verbindung zwischen der Region für Vernunftdenken und dem Emotionszentrum gestört, sagt der Hirnforscher Joshua Buckholtz.
Die Fähigkeit, nach einer Bedrohungslage auch wieder eine Entwarnung im Kopf einzuleiten, ist dadurch eingeschränkt, so der Wissenschaftler von der Universität Harvard. Allein auf die Gene könne man eine solche Gewalttat aber nicht zurückführen. Erbgut und äußere Einflüsse spielten immer zusammen, sagt Psychologe Paul Frick von der Universität New Orleans: "Es ist nie nur ein Aspekt allein. Nie."

Nach dem Stand der Forschung spielt etwa die Zuwendung in den ersten Lebenswochen eine wichtige Rolle. Sind die Mütter distanziert, wirkt sich das aus. Diejenigen Babys, die sich nur schwer beruhigen lassen, sind auch später als Schulkinder eher aggressiv. Der Harvard-Psychiater Martin Teicher geht davon aus, dass das Hirn in verschiedenen Phasen psychisch verschieden verletzlich ist. Vor allem in der Teenagerzeit sind Menschen empfänglicher für Angstzustände und Gewalt.

"Amokläufer haben oft Angst zu versagen"
Mann liest Blatt Video
"Vergleichbare Biographien"
"Amokläufe" haben nach Ansicht des Kinderpsychologen Wolfgang Bergmann viel mit Leistung und Versagensangst zu tun. Zwar gebe es bisher keinen wissenschaftlich belegten Typus des Amokläufers, sagte er, "aber die Täter von Littleton, Emsdetten, Erfurt und Winnenden haben vergleichbare seelische Entwicklungen und auch Biographien. All diese jungen Menschen waren schon in der Grundschule auffällig zurückgenommen und standen unter enormen Leistungsdruck."

Am Anfang stehe meist die Verlust des Selbstwertgefühls: "Die Schüler werden auf Leistung getrimmt, das erzeugt Angst." Dann folge die frühe Selektion in der Schule, was wiederum am Selbstbewusstsein kratze. Im Elternhaus werde von den Kindern erwartet, dass sie das perfekte Bild der heilen Familie präsentierten. Das überfordere sie und schaffe Versagensängste, so dass sie in virtuelle Welten flüchteten, in denen sie sich als Kämpfer stark fühlten.

Die Täter glichen sich darin, dass sie meist schon im Grundschulalter auffällig waren, sagte Bergmann. "Die Schule ist der Ort, an dem sich die Kränkung fokussiert. An der Schule erfahren diese Kinder: 'Ich kann nicht mithalten, die anderen schaffen die Leistung, ich schaff es nicht, ich bin ein Versager!' Und dann werden sie von den anderen Kindern auch noch ausgegrenzt. Sie sind nicht nur einsam, sie sind ganz verzweifelt. Kinder sind soziale Wesen. Ohne die anderen Kinder sind sie aufgeschmissen."

Amokläufer laut Polizeipsychologen lange unauffällig
Hinter einem Amoklauf verbergen sich meistens unbewältigte psychische Konflikte. Bei den Tätern haben sich Angst, Eifersucht, Scham oder Demütigung oft lange aufgestaut. Die Wut - das Wort Amok kommt aus der malaiischen Sprache und bedeutet Wut - wird unbeherrschbar. Fast alle Amokläufer sind männlich, häufig richten sie ihre Waffe auch gegen sich selbst und bringen sich um. Der typische Amokläufer ist nach Erkenntnissen von Polizeipsychologen eher unauffällig, zeigt seine Gefühle nicht und neigt zu Selbstüberschätzung. Neben psychisch schon länger kranken Tätern gibt es auch Amokläufer, die aus banalen Gründen plötzlich "ausrasten". Oft handeln die Täter aus Rache und töten ihre Opfer wahllos. Viele Amokläufer richten nach der Tat, die in bestimmten Fällen als "erweiterter Selbstmord" angesehen wird, die Waffe gegen sich selbst.

Der Kriminalpsychologe Adolf Gallwitz sagte, der Selbstmord des Amokläufers von Winnenden, Tim K., sei die beinahe logische Konsequenz seiner Bluttat gewesen. "Derartige Amokläufer haben mit der Welt abgeschlossen", sagte der Psychologe. Es sei zudem eine Fehleinschätzung, dass depressive Täter wie der 17-Jährige nicht auch zu gewalttätigen Ausbrüchen fähig seien. "Depression führt ja auch oft zu einer Autoaggression. Und an deren Ende steht mitunter der Suizid", sagte Gallwitz. Es wäre daher eher ungewöhnlich gewesen, hätte sich der Jugendliche nach seinem Amoklauf nicht erschossen.

Frühwarnsystem gegen Amokläufe an Schulen
Video
Darmstädter Psychologen wollen per Computer potenzielle Amokläuer erkennen
Die Darmstädter Psychologen Jens Hoffmann und Karoline Roshdi wollen potenzielle jugendliche Amokläufer mit ihrem Frühwarnsystem rechtzeitig erkennen. Lehrer könnten mit dem Frühwarnsystem einschätzen, ob ein Schüler es mit einer Gewalttat tatsächlich ernst meine oder bloß drohe, sagte Roshdi. Sie haben ein Warnsystem entwickelt, das bereits an Schulen eingesetzt wird.

Mit dem "Dynamischen Risiko-Analyse-System" (Dyrias) könne anhand eines Fragenkataloges die Situation des jeweiligen Jugendlichen und dessen Verhalten eingeschätzt werden, hieß es. "Warnsignale, die wir bei fast allen finden, sind Drohungen, Waffeninteresse und Hoffnungslosigkeit, die sich durch Selbstmordgedanken auch äußert", so Roshdi.

Bessere Ausbildung könnte viele Taten verhindern
Die meisten Amokereignisse treten nach Erkenntnissen der Weltgesundheits-Organisation (WHO) ohne Vorwarnung auf. Wenn die Lehrer besser psychologisch ausgebildet wären und Eltern genauer hinsähen, könne man präventiv tätig werden. "Ich sage nicht, die Eltern haben ihre Kinder nicht geliebt, aber es war eine hektische und drängende Liebe: Du musst etwas leisten, du musst ganz toll sein." Ganz verhindern ließen sich Amokläufe wie die von Winnenden, Emsdetten oder Erfurt jedoch nicht. "Familienpolitik muss dafür sorgen, dass Bindung herrscht und nicht Erschöpfung und Hektik regieren." Die öffentliche Diskussion nach jedem Amoklauf sei ein Ärgernis: "Von Computerspielen ist die Rede, die die Ursache sein sollen - das ist die Vermeidung der Ursachenforschung."

Ein großer Fehler ist es nach Hoffmanns Ansicht, nach Profilen zu suchen. "Wenn man beispielsweise sagt, potenzielle Täter sind Einzelgänger, männlich und spielen gerne Videospiele, hat man wahrscheinlich zehn Prozent der Schulbevölkerung in Deutschland im Verdacht." Man kenne nur den Verhaltensweg dorthin, die Warnsignale seien immer sehr deutlich zu erkennen.

"Wenn wir früh Warnsignale erkennen und helfen, kann es sein, dass der Jugendliche sich wieder stabilisiert", sagte Hoffmann. "Man muss vor allem vor Ort sensibel sein, beispielsweise an allen Schulen ausgebildete Krisenteams aufbauen, die Muster und Warnsignale erkennen", forderte Hoffmann. Gallwitz forderte zudem, Jugendliche darin zu stärken, mit Konflikten umzugehen.

Konflikte dürften nicht verschwiegen werden, sondern müssten offen angesprochen und ausgetragen werden. Dabei gelte es, sensibel mit Schülern umzugehen, die ein Problem hätten, sagte Gallwitz. Junge Leute verrieten viel stärker als Erwachsene ihre Pläne und kündigen die Tat am Ende oft auch an, mahnte Hoffmann. "Es ist besser, einmal zu viel als einmal zu wenig hinzuschauen."

Interaktiv
Zwei Hälften, ein Denken
Unser menschliches Gehirn hat drei Hauptstrukturen: den Hirnstamm, das Kleinhirn sowie das Großhirn, das aus zwei Hälften mit unterschiedlichen Funktionen besteht.
Mediathek
VideoAmokläufer erkennen
Am 11. März 2009 erschoss der 17-jährige Tim K. an der Albertville-Realschule in Winnenden und im nahe gelegenen Wendlingen 15 Menschen, bevor er sich selbst richtete. Seitdem sollen unter anderem ein schärferes Waffenrecht und mehr Sicherheit in Schulen helfen, solche Taten zu verhindern. Zum Thema sprach nano am 11. März 2010 mit der Kriminalpsychologin Karoline Roshdi vom...⊕
Amoklauf in Winnenden
Aufmerksamer sein
"Unsere Kinder dürfen nicht umsonst gestorben sein. Es darf kein zweites Winnenden geben", fordert Gisela Mayer.
Links
Infos zum Ablauf einer Dyrias-Analyse bei den Darmstädter Psychologen