"Kinder sollen in ihrer Muttersprache unterricht werden"
Grundschüler lernen so den Zusammenhang zwischen Lauten und Buchstaben
Hauptsache lernen - egal, in welcher Sprache
"Wenn ein Kind in der Familie immer türkisch in gesprochen hat, dann ist es wichtig, den Prozess des Schriftspracherwerbs in der türkischen Sprache zu beginnen", sagt Bildungsforscher Prof. Jörg Ramseger von der Freien Universität Berlin. "So bekommt das Kind erst eine Vorstellung davon, was Schrift überhaupt ist. Hat das Kind das einmal begriffen und kann somit in seiner Sprache lesen und schreiben, dann kann es auch in jeder anderen Sprache lesen und schreiben."
Die Schüler der Europaschule Berlin sehen sich im Unterricht zwei Lehrern mit zwei unterschiedlichen Sprachen - Deutsch und Türkisch - gegenüber: In den ersten beiden Jahren unterrichten die Lehrer zunächst in der Sprache, in der ein Kind stärker ist. Die schwächere Sprache läuft dabei mit. Ab der dritten Klasse behandeln die Pädagogen beide Sprachen gleich.
Das helfe, die in der Pisa-Studie besonders schlecht abschneidenden Migratenkinder zu fördern, meint Ramseger. Denn die Frustration, die sonst einträfe, erzeuge "in den ersten Wochen der Grundschule das spätere Schulversagen." Der parallele Unterricht habe weitere Vorteile, meint Schulleiterin Christel Mettmann-Kontz: "Beide Sprachen werden so auch in Beziehung gesetzt, was in der Regelschule nicht geschieht. Den Kindern wird bewusst, welche Laute es im Deutschen oder im Türkischen gibt und welche nicht."
Pädagoge: "mehr Lehrer mit ausländischen Wurzeln"
An den Berliner Schulen gibt es nach Expertenmeinung zu wenig Lehrer mit ausländischen Wurzeln. "Leider ist es noch lange nicht so, dass an jeder Schule mit einer hohen Zahl von Migrantenkinder genügend viele Lehrer mit einem Einwandererhintergrund unterrichten", sagte der Abteilungsleiter der operativen Schulaufsicht in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Erhard Laube.
Zur Förderung der Integration seien Lehrer, die neben der deutschen auch eine andere Sprache und Kultur kennen, allerdings sehr wichtig. Es fehle jedoch an geeigneten Bewerbern. Der ehemalige Schulleiter der Spreewald-Grundschule in Schöneberg führt dies auf drei Gründe zurück. "Zum einen fehlt es den Jugendlichen an Vorbildern an den Schulen." Zum anderen machten immer noch zu wenige Einwandererkinder Abitur. Für diejenigen mit Abitur sei das Gehalt eines Lehrers dann oft nicht attraktiv genug. "Sie ergreifen Berufe, die besser bezahlt werden und werden zum Beispiel Arzt."
Angesichts der stetig wachsenden Zahl von Schülern mit ausländischen Wurzeln an Berliner Schulen suchten daher die Schulleiter vor allem in den innerstädtischen Bezirken dringend nach Lehrern mit einer Zuwanderergeschichte. " Mehr als jeder vierte Schüler in Berlin kommt aus einer Einwandererfamilie", sagte Laube.
"Schulabbrecher durch Integration verhindern"
Besonders an Schulen in sozialen Brennpunkten hätten Lehrer mit dem gleichen Hintergrund eine ganz hohe Bedeutung. "Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Integration und der Vermeidung von Schulabbrechern." Ganz wichtig sei ihre Vorbildfunktion. "Die Kinder und Jugendlichen sehen, dass sie auch mit einem Migrationshintergrund und den damit verbundenen Problemen Lehrer werden können. Das motiviert." Darüber hinaus seien Lehrer mit ausländischen Wurzeln in der Lage, bewusster bei Sprachproblemen zu helfen, die viele Kinder bei der Einschulung hätten. "Sie können auf die Unterschiede in den Sprachen hinweisen."
So hätten viele türkische Kinder im Mathematikunterricht Probleme, weil die Zahlen im Türkischen nach einem anderen Prinzip gesprochen werden. "Bei einer zweistelligen Zahl nennen sie zuerst die Zehnerzahl, dann die Einerzahl, zum Beispiel 30 und 5. Im Deutschen ist es genau umgekehrt. Das führt oft zu Rechenfehlern."
Darüber hinaus gebe es kulturelle Probleme, bei denen Lehrer mit den gleichen Wurzeln besser vermitteln könnten. "Während des islamischen Fastenmonats Ramadan gibt es Kinder, die nicht essen und trinken dürfen. Wenn ich als Lehrer mit einem rein deutschen Hintergrund den Eltern sage, dass das nicht im Koran steht, komme ich nicht weit. Das bekommt eine ganz andere Relevanz, wenn jemand mit türkischen Wurzeln und sogar der selben Religion darauf hinweist." Eltern könnten auf diese Weise besser in die schulische Arbeit einbezogen werden. "Für sie ist das ganz wichtig: Die Schule ist dann weniger die deutsche Schule, sondern die Schule in Deutschland. Das ist ein feiner Unterschied."
Laube wies darauf hin, dass Bewerber für Lehrerstellen perfekt Deutsch sprechen müssen. In den 1970er Jahren seien auch Lehrkräfte mit einer Lehrbefähigung nach dem Recht ihres Heimatlandes eingestellt worden, zum Beispiel aus der Türkei.
"Weil ihr Deutsch oft nicht gut war, konnten sie nicht in allen Fächern eingesetzt werden." Laube empfiehlt den jungen Erwachsenen daher, das Lehramtsstudium in Deutschland zu absolvieren. Bei der Bewerbung hätten sie später gute Chancen. "Es gilt immer noch das Prinzip der Bestenauslese. In der Realität ist es allerdings so, dass sie aufgrund der Zweisprachigkeit einen Eignungsvorsprung haben. Und das kompensiert oft eine schlechtere Note."
Im Kindergarten Deutsch über das Türkische lernen
Im Städtischen Kindergarten Heinrich-Will-Straße in Gießen sprechen die Erzieherinnen mit den Kindern sowohl deutsch als auch türkisch, denn Studien haben erwiesen, dass die Beherrschung ihrer Muttersprache Voraussetzung ist, wenn Migrantenkinder auch richtig Deutsch lernen sollen.
© dpa
Bei dem "Frühstart"-Projekt werden auch die Eltern der Migrantenkinder mit eingebunden. Sie arbeiten als "Elternlotsen" im Kindergarten mit, denn nur über die Eltern kann auch eine erfolgreiche Integration der Kinder stattfinden. Weil Deutschkurse speziell für ausländische Mütter in Deutschland bislang noch nicht verpflichtend sind, ist die Teilnahme auch gering. Bislang erkennen nur wenige Mütter, dass ihr Kind hierzulande nur dann eine Chance hat, wenn sie selbst Deutsch sprechen.
In der Rhein-Main-Region bei Gießen leben so viele Ausländer wie sonst fast nirgends in der Republik. In Deutschland erreichen nur 40 Prozent aller Ausländer einen Hauptschulabschluss, gerade mal fünf Prozent schaffen das Abitur. Das sind nur halb so viele wie unter deutschen Jugendlichen.

Deutsche Schulen in der Bildungs-Schieflage?


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Zum Thema sprechen wir mit der Bildungs- und Integrationsforscherin Prof. Ingrid Gogolin vond er Universität Hamburg


Ausländerkinder in Deutschland haben beim Pisa-Test drastisch schlechter abgeschnitten als die Kinder deutscher Eltern. Sie lagen 73 Punkte schlechter im Schwerpunktbereich Naturwissenschaften. Der Leiter des Berliner OECD-Büros, Heino von Meyer, erklärte, dieses Leistungsdefizit entspreche etwa zwei Schuljahren. Mit diesem Ergebnis ist Deutschland das Land mit den stärksten migrationsbedingten Unterschieden unter den 30 OECD-Industriestaaten.

"Türken an die Tafel" von "Die Zeit"
"Lehrer sollen Türkisch sprechen" von der "Berliner Morgenpost"

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26.11.2004 / mp mit Material von dpa und ap
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