Desertec-Anlage Video
Die Desertec-Anlage in der Sahara soll Strom für ganz Europa erzeugen
Strom aus der Sahara
Energie aus der Wüste soll nach Europa gelangen
Sauberer Strom aus der Wüste für die Menschen in Europa, Nordafrika und im Mittleren Osten - das ist das Ziel des Desertec-Projekts.
Der Gedanke dahinter: Wenn die Wüsten in wenigen Stunden mehr Energie von der Sonne empfangen, als die Menschheit in einem Jahr verbraucht - warum dann nicht in die Wüsten gehen und die Energie dort einsammeln? Dazu sollen riesige Solarkraftwerke in der Region entstehen, aber auch Windparks könnten das Netzwerk ergänzen. Die Vision: Bis 2050 sollen über die Anlagen neben Energie für die Region auch 15 Prozent des europäischen Strombedarfs produziert und über Fernleitungen transportiert werden.

"Die Sonne kann unseren Energiebedarf decken"
"Die Kosten für Desertec liegen im Bereich dessen, was wir ohnehin im Energiesektor ausgeben", sagt der Mitgründer, Dr. Gerhard Knies. "Die Frage ist doch nur, wofür wir dieses Geld ausgeben." In den Wüsten habe man eine viel bessere Solareinstrahlung als in unseren Regionen, sagt Knies. "Diese bessere Solareinstrahlung führt dazu, dass man aus dem gleichen Kraftwerk mehr Strom kriegt, als wenn es bei uns stünde." Die Sonneneinstrahlung auf einer Fläche von 500 mal 500 Kilometern wäre nach seinen Berechnungen ausreichend, um den Energiebedarf der ganzen Welt zu decken.

Aus der stärkeren Sonnenstrahlung in der Wüste soll mit Desertec Strom entstehen. "Die Rettung der Welt wird das ganz große Zukunftsgeschäft werden", sagt Knies. "Den können nicht nur wenige bewältigen, da müssen alle mitspielen, und je eher wir anfangen, um so besser, denn sonst verlieren wir Zeit."

Die Solarenergie von Desertec soll den Solarstrom ergänzen. Große Stromkonzerne sollen in einem globalen Verbund für erneuerbare Energiequellen eingebunden sein. "Es müssen nicht die Großen zu Verlierern werden", sagt Knies. "Wollte man die Großen aus dem Geschäft drängen, dann überlegen sie sich Strategien, wie sie die erneuerbaren auf der kleinen Ebene torpedieren. Lädt man sie aber ein, selbst dabei mitzuspielen, nehmen sie plötzlich eine andere Haltung ein und laufen und arbeiten mit."

Es gehe nicht darum, nur auf eine Energiefrom zu setzen, sondern auf den Mix komme es an, ergänzt Prof. Hans Müller-Steinhagen vom Institut für Technische Thermodynamik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). "Wir werden nach unserer Szenarien 15 Prozent der europäischen Stromversorgung aus solarthermischen Kraftwerken decken. Es bleiben 85 Prozent, von denen ein signifikanter Anteil durch Energie aus Wind, Wellen, Geothermie und Biomasse getragen werden wird."

Projekt hat sich aus einer Initiative entwickelt
Kamele Lupe
Aus der starken Sonnenstrahlung in der Wüste soll bald Strom entstehen
Das Projekt mit dem Namen "Desertec" geht auf eine Initiative des "Club of Rome" aus 2003 zurück, jener internationalen Vereinigung von Ökonomen, Unternehmern und Wissenschaftlern, die sich durch Studien zu Zukunftsfragen der Menschheit hervorgetan hat. Hinter dem Projekt Desertec steht zum einen die gleichnamige Hamburger Stiftung, die weltweit Wüstenstromprojekte voranbringen will. Um konkrete Nordafrikaprojekte bemüht sich dagegen das Industriekonsortium "Desertec Industrial Initiative (DII)", das bis Ende 2012 einen Gesamtplan durchrechnen und präsentieren soll. Zu den DII-Gründungsmitgliedern zählen der weltgrößte Rückversicherer "Munich Re", die Deutsche Bank, die Energiekonzerne Eon und RWE sowie die Technologiespezialisten Siemens und ABB. Der Klimawandel durch Treibhausgase sowie der steigende Strombedarf in Nordafrika und im Nahen Osten machen das Projekt attraktiv, argumentieren die Befürworter.

Die Initiatoren hoffen, dass bereits 2020 aus der Sahara über neue Hochspannungsnetze bis zu 20 Gigawatt Energie über Gleichstromkabel nach Europa fließen. Das entspricht der Leistung 20 konventioneller Kraftwerke und deckte 15 Prozent des Energiebedarfs Europas. Doch das ist Zukunftsmusik, noch etliche Fragen sind offen. "Zunächst werden wir prüfen, welche Länder und welche Regionen sich für die ersten Kraftwerke eignen könnten, und die Kosten, die Finanzierung und andere grundlegende Fragen erörtern", sagte ein Desertec-Sprecher.

"Es macht keinen Sinn auf solarthermische Kraftwerke in Wüsten verzichten zu wollen, nur weil sich daran auch Stromkonzerne wie RWE und Eon", beteiligen können", sagt Andree Boehling, Energie-Experte von Greenpeace. Die Umweltorganisation unterstützt Desertec, denn viele Volkswirtschaften und Firmen profitierten davon.

Das erste Desertec-Referenzprojekt ist in Planung: In Marokko soll ein Kraftwerkspark mit einer Leistung von 500 bis 1000 Megawatt entstehen. Der erste Strom könnte dort 2015 fließen. Als ein Knackpunkt gilt dabei das Geld. Laut einem DII-Szenario könnten bis 2050 rund 400 Milliarden Euro in Wüstenstrom-Projekte gesteckt werden. Das Problem: Bisher liegen die Kosten für die Stromgewinnung mittels Solarthermie und Photovoltaik noch über Marktniveau, wie DII-Chef Paul van Son im Herbst 2010 einräumte: "In Spanien kostet eine Kilowattstunde Solarthermie etwa 25 Cent. Strom wird an der Börse für fünf bis sechs Cent gehandelt." Vor diesem Hintergrund werde Desertec zunächst auf staatliche Subventionen in Form von Anreizprogrammen angewiesen sein.

Programmtipp
Wettlauf um die Wüste
Hitec-Dokumentation über Desertec und Strom aus Solarenergie: Montag, 21. März 2011 um 21.30 Uhr in 3sat. Rund um die Uhr in der 3sat-Mediathek.
Gast
VideoZu diesem Thema sprachen wir am 10. Mai 2010 mit dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Dr. Hermann Scheer MdB, Präsident der europäischen Vereinigung für erneuerbare Energien "Eurosolar" und Vorsitzender des Weltrats für erneuerbare Energie.
Mediathek
Sehen Sie einen Beitrag über Desertec vom 10. Mai 2010 in der Mediathek.
Mediathek
Sehen Sie einen Beitrag über Desertec vom 30. Oktober 2009 in unserer Mediathek.
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