Schweinegrippeimpfung in der Schweiz © dpa Lupe
Auf einmal wollen sich viele doch impfen lassen - und schon wird es knapp
Massenweise Probleme bei der Massenimpfung
Kein Forscher weiß, wie sich H1N1 verhalten wird
Die Impfmüdigkeit der Bundesbürger scheint angesichts der immer stärker grassierenden Schweinegrippe mit mehreren Toten passé. Zwei Monate zuvor wollten sich nur 13 Prozent "auf jeden Fall impfen" lassen.
Nun läuft die Massenimpfung - und viele Impfwillige gehen zunächst leer aus. Vor allem für Schwangere gab es keine Klarheit über den mittlerweile von vielen ersehnten Piekser für mehr Sicherheit.

  • Beispiel Berlin: In 100 Arztpraxen sollte seit Montag, 9. November 2009 geimpft werden - bei vielen gab es aber Fehlanzeige. Der Serumkurier blieb im Verkehr stecken, kam außerhalb der Öffnungszeiten zu den Praxen oder lieferte weniger als gebraucht. Die Kinderärzte der Hauptstadt wollen wenigstens chronisch kranke Kleine in von der Stadt gestellten Räumen umsonst impfen - die Behörden prüfen das Angebot noch.
  • Beispiel Frankfurt/Main: Von den Landesbehörden bekamen die Schulleiter den Ratschlag, die Lehrer sollten sich impfen lassen. Die Gesundheitsämter teilten postwendend mit, dafür fehle es an Kapazitäten.
  • Beispiel Tübingen: Die meisten Praxen führen Wartelisten - Impfstofflieferungen blieben zunächst aus.

Die Schweinegrippe - ein guter Pandemie-Testfall
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Erst wollte sich kaum einer impfen lassen, aber jetzt kippt die Stimmung
"Wir haben die riesige Chance, mit einem relativ harmlosen Virus fast unsere ganze Pandemieplanung bis zum letzten auszutesten", sagt Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer. "Das wird uns sicher helfen, wenn ein wirklich gefähliches Virus kommt." "Aus politischen Gründen" habe man die Gefahr der Schweinegrippe höher eingeschätzt: So konnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zentral den Einsatz steuern.

"Wenn eine neue Gefahr kommt, die wir als unbeherrschbar einschätzen, dann schätzen wir sie deutlich höher ein, als es der Realität entspricht", sagt der Göttinger Angstforscher Borwin Bandelow. "Auch bei der WHO gibt es Menschen, die in einem Dilemma stecken: Sollen sie die höchste Gefährdungsstufe verlangen und damit teilweise Panik bei Menschen auslösen oder sollen sie 'locker dran gehen'? Das ist eine ganz schwierige Entscheidung, die ich auch nicht gerne treffen möchte."

"Nur weil dieses Virus relativ milde verläuft, heißt das nicht, dass es beim nächsten genauso sein muss", weiß der Amsterdamer Viruloge Albert Osterhaus. "Es kann wieder gut gehen, es kann aber auch schlimmer werden. Die Influenza ist unberechenbar." Statistisch gesehen könne ein "Killervirus schon morgen auftauchen oder auch erst in 20 Jahren".

Auch wenn von April bis November sich das Virus kaum verändert habe, heiße das wenig, sagt Dr. Brunhilde Schweiger vom Robert-Koch-Institut (RKI). "Wenn die Viren eine Zeitlang in der Bevölkerung zirkulieren, treffen sie auf eine Population, die immun ist und somit ist das Virus gezwungen, sich zu verändern."

Ärzte kritisieren die Impfung, andere raten zu ihr
Frau mit Spritze Lupe
Selbst einige Ärzte wissen nicht, was sie ihren Patienten empfehlen sollen
Der Karlsruher Allgemeinmediziner Matthias Frank kritisiert, dass das RKI von einer zweiten Welle der Schweinegrippe spreche. Dabei sei unklar, wie viele Menschen eigentlich mit dem H1N1-Virus infiziert seien. Zum sicheren Nachweis sei aus seiner Sicht ein teurer Test nötig, den die Krankenkassen jedoch nicht bezahlten. "Viele meiner Kollegen und ich sind selbst nicht geimpft, und wir haben auch noch keine Patienten geimpft." Montgomery rät aus "bevölkerungsmedizinischen Gründen" zur Impfung. "Unsere Chance, eine Viruserkrankung auszurotten, liegt darin, das Virus gar nicht zur Ausbreitung kommen zu lassen. Deshalb ist es sozialmedizinisch richtig, möglichst viele Menschen zu impfen", sagte er der Tageszeitung "Thüringer Allgemeine". Er selbst habe sich impfen lassen. Aufgerufen seien vor allem Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz viele andere anstecken könnten.

Der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) befürchtet, "dass sich die Schweinegrippe noch weiter ausbreiten wird", wie er der "Rheinischen Post" sagte. "Aus diesem Grund hoffe ich, dass viele Menschen ihre bisher skeptische Haltung jetzt noch einmal überdenken und sich impfen lassen." Der Präsident des Berufsverbands Deutscher Internisten, Wolfgang Wesiack, kritisierte seine Kollegen als schlechte Vorbilder: "Wenn sich die Ärzte nicht impfen lassen, kann man nicht erwarten, dass die Bevölkerung sich mehrheitlich impfen lässt", erklärte Wesiack in einer Pressemitteilung.

"Menschen, die etwas über die Schweinegripe lesen, sind keine Experten und deswegen verunsichert", weiß Bandelow. "Sie suchen jemanden, der ihnen ganz klar sagt, was zu machen ist. Wenn sie feststellen, dass die Wissenschaftler streiten, verunsichert das noch mehr."

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© ap
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27.04.2009, zuletzt aktualisiert am 09.12.2009 / mp mit Material von dpa und ap