"Gorleben wird höheren Ansprüchen genügen müssen"
Anders als im Lager Asse wurde in dem geplanten Endlager niemals Salz abgebaut
Experten streiten, ob Gorleben als Endlager sicher sein wird  © dpa
An Gorleben werden noch strengere Anforderungen als Atommüllendlager als an das Versuchsendlager Asse gestellt, meint Beate Kallenbach-Herbert vom Öko-Institut. Immerhin sei der Salzstock dort stabiler, weil anders als in Asse niemals Salz abgebaut worden sei, es gebe dementsprechend nicht solche Löcher, durch die Wasser eindringe. Angesichts der radioaktiven Flüssigkeit in Asse ist die Grundsatzdebatte über ein mögliches Endlager in Gorleben und die Nutzung der Kernkraft neu entbrannt.
Der Salzstock in Gorleben sei trotz Unterschieden vergleichbar, erklärte dagegen die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Auch Gorleben sei nach Erkenntnissen der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt "nicht hinreichend gegen Wasserwegsamkeiten abgeschirmt". Nötig sie ein Stopp der Endlagerpläne: "Aus der Asse lernen, heißt auf Gorleben verzichten."
Atomgegner forderten, auf Gorleben zu verzichten
Grüne: Alternativen prüfen  © dpa
Die Grünen warben erneut dafür, zumindest andere Standorte als Alternativen zu Gorleben zu prüfen. Die stellvertretende Fraktionschefin Bärbel Höhn sagte im Deutschlandradio Kultur: "Man muss wissen, dass Asse immer das Vorzeigeendlager war. Die Genehmigung von Gorleben wurde auch immer mit Asse begründet, wie gut das Ganze sei." In dem einsturzgefährdeten Salzbergwerk von Asse lagern 126.000 Fässer schwach- und mittelradioaktiver Müll. Seit Jahrzehnten strömt Wasser ein, und es sammeln sich inzwischen unter Tage verstrahlte Laugen. Atomgegner forderten, auf Gorleben zu verzichten oder zumindest Alternativen zu prüfen. Wirtschaftsminister Michael Glos warb erneut für längere Laufzeiten der deutschen Kernkraftwerke.
Der Komplex des früheren Salzbergwerkes Gorleben war einst als Nukleares Entsorgungszentrum für die Bundesrepublik geplant. Nahe der niedersächsischen Gemeinde gibt es vier verschiedene Großanlagen der Atomtechnik: das Zwischenlager für Castoren, das "Fasshalle" genannte Zwischenlager für schwach Wärme entwickelnde radioaktive Abfälle, die Pilotkonditionierungsanlage und das Erkundungsbergwerk im Salzstock. Alle vier Einrichtungen liegen in einem Wald, etwa zwei Kilometer südwestlich von Gorleben im Kreis Lüchow-Dannenberg.
Zwischenlager für Castor-Behälter: Die 182 Meter lange und 38 Meter breite Halle ist das Ziel der Transporte hochradioaktiver Abfälle aus der Wiederaufbereitung. Sie bietet Platz für 420 aufrecht stehende Castor-Behälter. Die Halle hat Lüftungsschlitze, um die Abwärme nach draußen zu leiten. Sie ist aber nicht für den Schutz der Stahlbehälter vor Flugzeugabstürzen ausgelegt. Zurzeit stehen nach Angaben von Atomkraftgegnern 56 Castoren in der Halle, fünf mit abgebrannten Brennelementen und 51 mit Wiederaufbereitungsabfällen. Dem Atomkonsens zufolge ist das Lager nur noch für Wiederaufbereitungsabfälle vorgesehen.
Fasshalle: So nennen die Wendländer eine Halle neben dem Castor-Zwischenlager, in dem schwach Wärme entwickelnder radioaktiver Müll in Fässern gelagert wird.
Pilotkonditionierungsanlage: Die PKA wurde als Probeanlage zum Umladen von Atommüll in Endlagerbehälter genehmigt und erbaut. Genutzt werden soll sie zunächst allerdings bei Störfällen als Reparaturstation für kaputte Castoren.
Erkundungsbergwerk: Seit 1977 wird untersucht, ob der Salzstock unterhalb von Gorleben als Endlager für Atommüll tauglich ist. Der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) wählte den Standort, der geologisch nur zweite Wahl war. Er ragte in die damalige DDR hinein, und in der strukturschwachen Region wurden keine Akzeptanzprobleme vermutet. Nach dem Atomkonsens zwischen der rot-grünen Koalition und der Energiewirtschaft wurden die Erkundungsarbeiten ausgesetzt.
Alle vier Projekte werden von der Energiewirtschaft und so letztlich von den Stromkunden bezahlt. Ursprünglich sollte das Entsorgungszentrum Gorleben auch noch eine Wiederaufbereitungsanlage für abgebrannte Brennelemente umfassen. Das Projekt wurde aber schon 1979 aufgegeben.


Sehen Sie die Statements von Beate Kallenbach-Herbert vom Öko-Institut in unserer Mediathek

Beate Kallenbach-Herbert wirkt im Öko-Institut
"Gefährliches Erbe - vom Atommeiler zur grünen Wiese" und
"Kernkraft ohne Reue?" von "Abenteuer Wissen"
"Wechsel bietet neue politische Basis für sichere Schließung der Schachtanlage Asse" vom Helmholtz-Zentrum München

Atomreaktor Vandellos in Spanien nach Brand stillgelegt
Steinmeier äußert sich gegen längere AKW-Laufzeiten
Der Streit über Atomkraft ist in Deutschland neu entfacht
Die Strompreis-Entlastung durch Atomkraft ist umstritten
Unfall konfrontiert Frankreich mit Risiko der Atompolitik
Langfristige Sicherheit für Atommülllager gefordert
Entwarnung nach dem Leck im Atomkraftwerk Krsko
Studie facht Debatte über Gefahren der Atomkraft an
Hochradioaktive Säuren werden in Glas eingeschlossen
Atomstrom ist nicht die Lösung für das Klimaproblem
Temelin-Störfall: leicht radioaktives Wasser ausgetreten
Zirkonbehälter könnten für Atommüll ungeeignet sein
Am Kraftwerkssimulator in Essen die Katastrophe üben
Umstrittenes Atomkraftwerk soll 2009 ans Netz gehen
Nach dem Ende der Atomkraft bleibt der Energiehunger
75.000 Fässer mit radioaktivem Material in Karlsruhe

04.09.2008 / mp mit Material von ap
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / nano [E-Mail]