"Die Öffentlichkeit wurde 30 Jahre über Asse getäuscht"
Wasserbauingenieur machte Gefahren eines Wasserbruchs schon 1978 bekannt
Asse: Die Container halten der Lauge nicht stand
"Der Öffentlichkeit ist über 30 Jahre hinweg gesagt worden, das sei ein normales und ungefährliches Projekt - das ist nicht so und das war auch nicht so", sagt Michael Sailer, Vorsitzender der Entsorgungskommission über die Sicherheitslücken im Atomendlager Asse. Nach Recherchen des ZDF-Magazins "Frontal21" habe der Wasserbauingenieur Hans-Helge Jürgens 1978 eine Studie vorgelegt, die die Gefahren eines Wasserbruchs schon damals öffentlich gemacht habe.
1979 sagte er dem NDR: "Wenn sich die Kammerhohlräume in diesem Gebiet zu sehr verformten, Wasser hereinbrechen ließen und das Wasser käme mit dem Atommüll in den unteren Sohlen in Berührung, dann gefährdeten Auslaugung und Fließvorgänge den Grundwasserhorizont."
Asse-Gutachter Ralf Krupp sagt heute dem ZDF: "Wenn man die Stellungnahme von Helge Jürgens sich ansieht, muss man sagen, dass er fast alle Probleme beim Namen genannt und vor Konsequenzen gewarnt hat. Er war damals der einzige, der den Mut hatte, hiermit an die Öffentlichkeit zu gehen und leider hat man ihn nicht ernst genommen."
1967 schreibt die Gesellschaft für Strahlenforschung in einer Gefahrenanalyse: "Der geologische Aufbau des Assesattels … [lässt] ... keinen Wasser- oder Laugeneinbruch von außen befürchten."
1972 verspricht der Wissenschaftsminister Klaus von Dohnanyi im Bundestag: "Eine Kontamination des Grundwassers ... durch radioaktive Stoffe ist ebenfalls ausgeschlossen."
1976 zitiert das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" Asse-Ingenieur Egon Albrecht: "Wir haben hier das einzige funktionierende Endlager der gesamten westlichen Welt."
1989 heißt es in einer Studie der Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung: "dass ein Wasserzutritt in das Salzbergwerk Asse im höchsten Maß unwahrscheinlich" ist.
Das Wasser kam früh
1989 floss bereits Wasser ins Bergwerk Asse. "Warum ist erst zehn Jahre nach Eintritt, dieser Zutritt der Lauge, dieser Gedanke an die Öffentlichkeit gekommen?", fragt Jürgens. "Man hat ganz viele Chancen jetzt frei handeln zu können, verstreichen lassen und plötzlich steht man vor einer Notsituation wie das, was wir jetzt mit der kontaminierten Lauge sehen, dass es auch noch zusätzliche Probleme geben kann."
Laut "Frontal 21" wissen die Betreiber seit 2004 von der radioaktiv verseuchten Lauge vor Kammer 12. "Wir haben die Kontamination der Lauge zwar mit der Behörde abgestimmt und auch, was wir dagegen tun sollen, haben das aber nicht veröffentlicht", sagt Hans-Jörg Haury vom Münchener Helmholtz-Zentrum heute. "Das war sicher falsch."
"Die verschiedenen Lösungen, die diskutiert werden, sind alle nicht optimal", so Sailer. "Man hat aber keine optimale Lösung. Das heißt, man muss sehr schnell das richtige kleinste Übel wählen. Das ehemalige Bergwerk mit Magnesiumchlorid-Lösung zu fluten, wäre billig, aber riskant. Auch eine Verfüllung mit Beton ist nicht sicher. Den radioaktiven Müll aus dem Salz wieder herauszuholen, erscheint nahezu unmöglich und wäre sehr gefährlich.
"Spiegel": "Risiken in Asse waren von Beginn an bekannt"
"Spiegel": Gefahren des Lagers früh bekannt
Die Betreiber des umstrittenen Atommülllagers Asse haben die gegenwärtigen Probleme mit dem Auslaufen radioaktiv verseuchter Lauge von Beginn an im Blick gehabt, schreibt auch das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" Ende August 2008. Die Risiken des Mülldepots bei Wolfenbüttel seien früh bekannt gewesen und bereits 1967 hätten die Betreiber gewusst, "dass für die Asse als möglicher maximaler Unfall nur das Ersaufen der Grube in Betracht kommt." Seit Jahren sammelt sich in der Asse radioaktiv belastete Salzlauge. Die Verseuchung stammt nach einer neuen Untersuchung aus den Atommüllfässern in einer Lagerkammer.
Nach Aussagen früherer Asse-Mitarbeiter wurden "in den ersten Jahren Fässer angeliefert, die zum Teil bereits durchkorrodiert waren und Flüssigkeiten verloren", so der "Spiegel". Fässer wurden "im Verlauf der Stapelung auch zerdrückt". Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) und die Landesregierung haben die Asse, in die bis 1979 Atommüll eingebracht wurde, untersuchen lassen und wollen in der kommenden Woche einen Bericht vorlegen.
Von Beginn an sei das 1965 offiziell zu Forschungszwecken in dem Salzbergwerk eingerichtete Lager faktisch als Endlager genutzt worden, schreibt der "Spiegel" weiter. Ein Rückholen der Abfälle sei nicht vorgesehen gewesen. Aus einem Brief der Asse-Betreiber von 1971 zitiert das Magazin: "Wie ihnen bekannt ist, handelt es sich bei der Einlagerung von Kernbrennstoffen und von radioaktiven Stoffen um die endgültige Beseitigung dieser Stoffe. Die Einlagerungsmethoden erlauben es nicht, diese Stoffe wieder auszulagern."
Die Asse: vom Salzbergwerk zum Atomendlager
Altes Bergwerk, neue Art von Abfallstoff
Die Schachtanlage Asse II bei Wolfenbüttel ist ein altes Bergwerk, in dem bereits seit 1906 Salze gewonnen wurden. Als die Grube 1965 unwirtschaftlich geworden war, erwarb die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung (GSF) die Anlage im Auftrag der Bundesrepublik. Seit 1967 wurde die Möglichkeit der Endlagerung radioaktiver Stoffe erforscht. Bis 1978 wanderten 125.000 Behälter mit schwach- und 1300 mit mittelradioaktivem Müll unter die Erde - insgesamt 46.900 Kubikmeter. Die Asse war das weltweit erste unterirdische Lager für Atommüll.
1995 begann die in GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit umbenannte Gesellschaft damit, das Bergwerk zu verfüllen. Bis 2004 wurde Salz aus einem Kalibergwerk in die als besonders instabil geltende Südflanke gekippt. Bis 2014 soll das Bergwerk nach den umstrittenen Plänen der Betreiber mittels einer Magnesium-Lösung geflutet werden, da die Sicherheit Fachleuten zufolge nur bis dahin gesichert ist. Studien über einen längeren Zeitraum liegen nicht vor. Kritiker fordern, den Müll zurückzuholen. Mittlerweile haben sich die Betreiber in Helmholtz-Zentrum umbenannt.
Bislang sind 200 Millionen Euro in die Schließung des Bergwerks geflossen, zum Ende sollen es rund 800 Millionen Euro sein. Da Asse II als Forschungsbergwerk gilt, ist formal das Bundesministerium für Forschung und nicht der Bundesumweltminister zuständig. Die Forschungen sollten zeigen, ob Salzstöcke - wie auch in Gorleben - als Endlager für Atommüll dienen können.
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04.09.2008 / mp mit Material von "Frontal 21" und von dpa
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