"Das Artenschutzabkommen international umsetzen"
EU-Umweltkommissar Stavros Dimas fordert eine internationale Umweltverwaltung
Seinen Schutz will sich Europa etwas kosten lassen
"Wir haben unendlich viele internationale Abkommen - es gibt ein Leck in der Umsetzung", sagt EU-Umweltkommissar Stavros Dimas zum Schluss der Artenkonferenz der Vereinten Nationen. "Wir brauchen eine internationale Umweltverwaltung - und das ist der Grund, warum die Europäische Union verlangt, das UN-Artenschutzabkommen in der Umsetzung auf die Ebene der Vereinten Nationen zu verlagern." Nur so habe es eine Chance, dass die Vertragsstaaten es auch umsetzen.
"Naturschutz muss international die gleiche Bedeutung bekommen wie die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Welt." Als ein wichtiges Ergebnis hob Gabriel hervor, dass zahlreiche Länder im Rahmen der von Deutschland angeregten "Life-Web-Initiative" insgesamt 65 Millionen Hektar neue Schutzgebiete ausweisen wollten. Zur Finanzierung hatte die Bundesregierung zusätzlich 500 Millionen Euro für die kommenden vier Jahre und danach jeweils jährlich 500 Millionen Euro insgesamt angeboten.
Bedrohte Feuchtgebiete
"Schutzgebiete sind das Rückgrat für den Erhalt der Biodiversität", sagt Konrad Uebelhör, Experte für biologische Vielfalt bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Zwölf Prozent der Landfläche sind derzeit unter Schutz gestellt. Die meisten Arten sind in armen Staaten beheimatet, die für Naturschutz nur wenig Geld haben. "Die Entwicklungsländer drängen darauf, dass neue Mittel zur Verfügung gestellt werden", erklärt Uebelhör. "Wir sind weiterhin auf einem aufsteigenden Astes des Naturverbrauches und das wird sich nicht lösen lassen", sagt Tamás Marghescu von der Naturschutzunion "International Union for Conservation of Nature" (IUCN).
Der wirtschaftliche Verlust, der durch ungebremsten Artenschwund entstehen könnte, wäre hoch, meinen Umweltpolitiker und Naturschützer. Bundesregierung und EU haben den Deutsche-Bank-Manager Pavan Sukhdev beauftragt, die wirtschaftlichen Kosten des Artensterbens zu errechnen. Allein der Nutzen der weltweiten Schutzgebiete - etwa für die Trinkwasserversorgung - lässt sich nach ersten Ergebnissen der Sukhdev-Studie auf mehrere Billionen Dollar im Jahr beziffern.
Welchen Fundus bieten Insekten?
Ökonomische Bedeutung hat die Vielfalt der Arten und Ökosysteme auch für die Pharmaindustrie: Etwa 50 Prozent der Medikamente in Deutschland haben pflanzliche Grundstoffe. Eine reichhaltige Flora und Fauna gilt auch als unverzichtbar, um die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung zu sichern. Denn eine breite biologische Vielfalt erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Pflanzen- und Tierwelt an veränderte Umweltbedingungen anpasst. Neben Finanzierungsfragen wird voraussichtlich die kommerzielle Nutzung der Gene von Tieren und Pflanzen zum umstrittenen Thema in Bonn werden. Vor allem mächtige Schwellenländer mit hoher Artenvielfalt wie Brasilien wollen den Naturschutz nur dann voranbringen, wenn im Gegenzug verbindliche Regeln gegen "Biopiraterie" vereinbart werden.
Die Forderung: Pharma-Firmen etwa, die sich zur Herstellung von Arzneien aus dem Gen-Pool ärmerer Staaten bedienen, sollen von ihren Gewinnen abgeben - damit auch die Menschen dort von dem natürlichen Reichtum profitieren. Und ohne Zustimmung aus dem Herkunftsland soll die Patentierung pflanzlicher Wirkstoffe oder Erbanlagen verboten werden. "Das ist eine Frage der Gerechtigkeit", sagt Michael Frein vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED).
Zahlreiche Länder gehören der Naturschutzkonferenz an
Die Naturschutzkonferenz der Vereinten Nationen geht zurück auf das 1992 im brasilianischen Rio de Janeiro abgeschlossene Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD). Mittlerweile haben 189 Länder sowie die Europäische Union das Papier unterzeichnet, das mit dem Klimarahmenabkommen und der Wüstenkonvention zu den bekanntesten UN-Übereinkommen gehört. Die USA sowie einige kleinere Staaten sind dem Abkommen bisher ferngeblieben, können aber ebenso wie Nichtregierungsorganisationen als Beobachter an den Artenschutzkonferenzen teilnehmen.
Bei den alle zwei Jahre stattfindenden Treffen beraten die Delegierten über die konkrete Umsetzung der in der CBD definierten Ziele: die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt sowie eine gerechte Aufteilung der Vorteile, die sich aus der Nutzung der genetischen Ressourcen ergeben, zum Beispiel im Bereich der Pharmaindustrie. Das nächste Treffen wird im Jahr 2010 im japanischen Nagoya abgehalten.
Projekte bewahren genetische Vielfalt in Deutschland
Vertrauen erschließt den Seeadlern neuen Lebensraum
Zwergflusspferd überlebte Wilderei und Krieg in Liberia
Biologen wollen bedrohte Wisente fruchtbar machen
Adeliepinguine auf der antarktischen Halbinsel bedroht
Riesenratte und Mini-Opossum in Indonesien entdeckt
Mehr als 60.000 Schildkrötenbabys in Mexiko freigesetzt
Wildrind aus der Steinzeit wird zum Landschaftsgärtner
Rodungen rauben den Zwergelefanten den Lebensraum
Klimawandel ließ vielleicht Schneckenart aussterben
Britische Großtrappe legt die ersten Eier seit 175 Jahren
Rettung für bedrohte Suppenschildkröten auf Sri Lanka
Jagd per Hubschrauber auf Haustiere auf Galápagos
Lebensraum der Tiger ist auf sieben Prozent geschrumpft
Eine große Artenvielfalt an geschütztem Schiffswrack
Gefährdete Lebensräume Deutschlands weiter in Gefahr
"Politiker wollen Artenschutz nicht ernsthaft umsetzen"
In Indonesien wurde eine neue Großkatzenart bestimmt
Umweltgifte machen Froschenmännchen zu Weibchen
Wölfe könnten den schottischen Ökosystemen helfen
Neue Stachelratte in den peruanischen Anden entdeckt
Ein Leitfaden zum Wolfsmanagement in Deutschland
Willi Smits bereitet Schopfmakaken auf die Freiheit vor
Stefan Merker erforscht die indonesischen Koboldmakis
Forscher entdecken drei Halbaffen-Arten in Madagaskar
Bis zu 72 Prozent Vogelarten vom Aussterben bedroht
Kraniche finden ein Heim auf Bergbau-Brachen im Osten
Umweltzerstörung nimmt laut dem WWF dramatisch zu
Gesetze gegen Biopiraterie sollen Bevölkerung helfen
Konflikt um den einst bedrohten Graureiher in Österreich

30.05.2008 / dpa / mp
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / nano [E-Mail]