Gruppentherapie für Computerspielsüchtige in Mainz
Die Uniklinik hat die bundesweit erste Ambulanz zu Computerspielsucht eröffnet
Die Uniklinik Mainz hat am Montag, 3. März 2008 die bundesweit erste Ambulanz zur Behandlung von Computerspiel- und Internetsucht eröffnet. Wie der Leiter der Ambulanz, Klaus Wölfling, erklärte, können in der neuen Einrichtung bis zu 150 Betroffene pro Jahr therapiert werden. Internetabhängige und ihre Angehörigen können sich hier täglich von 10 bis 16 Uhr Rat holen. Die Hilfe erfolgt ambulant. Nach den Sitzungen mit den Psychologen fahren die Betroffen nach Hause. Bisher mussten sie in einer Klinik bleiben.
Die Ambulanz ist Teil eines klinischen Modellprojekts, um mehr über das zunehmende Problem der Computerspielsucht zu erfahren. "Bei uns häufen sich die Anfragen von Eltern und zum Teil auch von Betroffenen", sagte der Leiter der Klinik für Psychosomatische Medizin, Manfred Beutel. Betroffene litten unter einem unstillbaren Verlangen, im Internet zu spielen. Die Spielzeiten würden immer länger.
Wer am Spielen gehindert werde, reagiere mit Entzugserscheinungen wie Aggressivität, Nervosität oder Unruhe: "Es gibt heftige Reaktionen, wenn die Eltern versuchen, den Computer mal abzuschalten." Nach Angaben der Mainzer Experten sind vor allem Jugendliche und junge Erwachsene von Computerspielsucht betroffen. 85 Prozent der Süchtigen seien männlich. Nach bislang vorliegenden Studien gelten drei bis vier Prozent aller männlichen Jugendlichen als computersüchtig. Die Elterninitiative "Rollenspielsucht.de" schätzt die Zahl der Betroffenen auf 1,5 Millionen Menschen bundesweit. Nach Beutels Worten sind im Gehirn der Betroffenen Veränderungen zu beobachten, wie sie auch bei Alkohol- oder Cannabisabhängigkeit auftreten.
Wie Wölfling berichtete, lösen vor allem die Online-Spielwelten wie "World of Warcraft" ein Suchtverhalten aus. Hier werde ein hoher zeitlicher Einsatz dadurch belohnt, dass der Spieler vertiefte soziale Bindungen gegenüber anderen Spielern eingehe und steigendes soziales Prestige erwerbe. In Mainz sollen die Süchtigen durch eine Gruppentherapie und Einzelgespräche zu einem normalen Nutzungsverhalten von Computer und Internet zurückgeführt werden.
Die Sucht nach dem Internet ist nach Meinung des Psychologen Thomas Hintz in erster Linie ein Jugendproblem. "Betroffen sind vor allem junge Leute zwischen 14 und 20 Jahren. Es geht dabei zum Beispiel um Spiele, Chats oder das Spielen mit der eigenen Identität in einer virtuellen Welt", sagte Hintz, Psychologe am Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit. Häufig sei die Online- Sucht eine Folge von Problemen wie Angst vor sozialen Kontakten, fehlendem Selbstwertgefühl oder depressiven Neigungen.
Den Begriff einer Internet-Sucht gibt es seit 1996. Doch bis heute stritten Wissenschaftler darüber, ob es sich dabei um eine eigenständige Störung handele oder eher um den Teil eines tiefliegenderen seelischen Problems, erläuterte Hintz. Als Krankheitsbild anerkannt sei eine Online-Sucht in Deutschland nicht. Wie Spielsucht oder Kleptomanie könne sie aber in die Kategorie der "Impuls-Kontroll-Störungen" eingeordnet werden, ergänzte der Experte.
Nach Studien in den USA und in Berlin schätzten Forscher heute, dass rund zehn Prozent der Internet-Nutzer suchtgefährdet sind. Neben Jugendlichen seien es vor allem erwachsene Singles, berichtete Hintz. Ein Prozent der Nutzer sei durch diese Abhängigkeit in einen Teufelskreis geraten: Sie surften bis weit in die Nacht, fehlten in der Schule oder am Arbeitsplatz und hätten kaum noch Kontakt zu Freunden oder Familie. "Auch Offline kreisen die Gedanken um das Internet", sagte Hintz.
Durchschnittlich 35 bis 40 Stunden pro Woche verbrächten Süchtige im Netz; im Vergleich zu den vier bis zehn Stunden der üblichen Nutzer, die online vor allem nach Informationen suchten. "Süchtige befriedigen im Netz vor allem ihre sozialen Bedürfnisse", erläuterte Hintz. Sie suchten Gesprächspartner und Bestätigung in der virtuellen Welt und vernachlässigten darüber ihr soziales Leben in der Realität. "Vielen Süchtigen ist ihre Isolation bewusst und sie leiden darunter." Die Einsamkeit treibe sie dann aber wieder ins Netz - und wachse dadurch noch mehr.


Zum Thema sprachen wir mit dem Psychologen Klaus Wölfling, Leiter der Ambulanz für Spielsucht in Mainz

"Ambulanz zur Behandlung von Computerspiel- und Internetsucht eröffnet" vom Universitätsklinikum Mainz

"Wer gefestigt ist, wird nicht süchtig nach Spielen"
"Internetabhängigkeit ist ein deutliches Warnzeichen"
Knapp 58 Prozent der Deutschen sind bereits im Internet
Frauen favorisieren andere Internetseiten als Männer
Immer mehr ältere Menschen trauen sich ins Internet
Kinder ziehen nunmehr das Internet dem Fernseher vor
Jeder zehnte Teenager nutzt Computer exzessiv
Internet-Nutzer sind nicht sozial isoliert
Mehr als 60 Prozent der Schweizer nutzen das Internet
Onlinesucht als neues Krankheitsbild
Online-Sucht

03.03.2008, zuletzt aktualisiert am 11.06.2008 / mp mit Material von ap und dpa
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