Die "ars electronica" sagt "Goodbye" zur Privatsphäre
"Ich sehe unsere Gesellschaft bedroht", so US-Froscher Viktor Mayer-Schönberger
Unter dem Motto "Goodbye Privacy" beschäftigen sich Künstler und Wissenschaftler bei der "ars electronica" in Linz bis zum 11. September 2007 mit der zunehmenden Überwachung in der Gesellschaft und dem gleichzeitigen freiwilligen Exhibitionismus im Internet. "Überwachung ist überall", meint Kunstkritiker und Aktivist Brian Holmes. "Jeden Tag, wenn Sie Ihre Kredit- oder Kundenkarte benutzen, hinterlassen Sie Datenspuren. Videokameras sind nur die Spitze des Eisbergs."
"Die größte Gefahr der Überwachung sehe ich darin, dass die Schwachen ihre Privatsphäre gegenüber Regierungen und Firmen verlieren", sagt Internet-Aktivist Joichi Ito. "Wenn die Mächtigen Ihr persönliches Profil erstellen, trauen Sie sich nicht mehr frei zu reden und zu handeln. Die Gesellschaft wird konservativ und unsere Demokratie geht zugrunde."
"Ich sehe unsere Gesellschaft bedroht", sagte Viktor Mayer-Schönberger von der US-Universität Harvard. Das Internet als ewiges und umfassendes Gedächtnis sei ein Problem, das weit über Diskussionen um Datenschutz und Privatsphäre hinaus gehe. Der Wissenschaftler fordert deshalb künftig alle digitalen Daten nur ins Netz zu stellen, wenn sie sich nach einer bestimmten Frist von alleine löschen. Nur so könne der komplette Kontrollverlust und die verzerrte Darstellung persönlicher Informationen gestoppt werden. Die Menschen seien seit Jahrtausenden darauf programmiert, das meiste zu vergessen.
Durch diese natürliche Selektion von Informationen wirke gerade Erlebtes wichtiger und Vergangenes unwichtiger: "Vergessen ist Standard, Erinnern ist Ausnahme." Das Internet habe dies jedoch umgekehrt, im digitalen Netz sei jede noch so kleine Begebenheit für jeden zugänglich und für immer verewigt - eben auch Dinge, an die sich ein Mensch normalerweise nicht mehr erinnern kann. "Das führt dazu, dass Google mehr über uns weiß, als wir selbst", warnt Mayer-Schönberger.
Diese Entwicklung führt aus Sicht des Wissenschaftlers zu einem völligen Kontrollverlust über Informationen. Ist etwas erst einmal im weltweiten Netz, kann es bislang nicht mehr ausgelöscht werden. Da der Mensch jedoch auf Vergessen programmiert sei, könne er diese Flut von zeitlosen Informationen nicht verarbeiten, alles wirke gleich wichtig. Als Beispiel nennt der Wissenschaftler den Fall eines Kanadiers, dem die Einreise in die USA verweigert wurde, weil er vor 17 Jahren einmal wegen Drogenkonsums polizeilich erfasst wurde.
Ebenfalls in den USA wurde einer angehenden Lehrerin das Diplom verweigert, da die Universität im Internet ein Foto von ihr im Piratenkostüm mit einem Glas in der Hand entdeckte. Der Titel des Fotos sei "Betrunkener Pirat". Für ihre Schüler, die dies im Internet sehen könnten, könne sie nicht mehr als Vorbild gelten, so die Begründung der Universität.
"Wir müssen das Vergessen wieder in Erinnerung rufen", fordert der Medienexperte. Hätten Daten wie Milchtüten ein Ablaufdatum, müsse der Nutzer sich automatisch mit Fragen von Gewichtung und Selektion auseinandersetzen. Softwarehersteller sollten automatisch ein Verfallsdatum von Daten in ihre Produkte integrieren, das nach Bedarf vom Nutzer verlängert werden könnte. So könnten auch Probleme des Datenschutzes und des Schutzes der Privatsphäre gelöst werden.
"Second Life" wird in Linz Realität
In Linz spaziert eine Frau durch die Fußgängerzone - ihr Name prangt in Großbuchstaben auf ihrem Haarreifen, eine Sprechblase schwebt über ihr. Die Szenerie wirkt absurd, doch für die virtuelle Welt Second Life (Zweites Leben) ist sie tägliche Realität. In der österreichischen Stadt Linz hat der Berliner Künstler Aram Bartholl die virtuelle Welt in einer ganzen Straße für eine Woche real nachgebaut.
"Für mich ist Second Life ein guter Spiegel der Gesellschaft", sagt Bartholl, der das Projekt auch leitet. Wie in der Realität geht es in dem Internetspiel hauptsächlich um Konsum, Status, gutes Aussehen und Erfolg. Bisher habe jedoch immer nur die reale Welt die virtuelle beeinflusst. Statt sie neu zu erfinden, hätten Menschen meist die Realität kopiert: "Ein Nutzer kommt in eine virtuelle Welt, in der alles möglich ist - und als erstes baut er sich ein Haus und kauft sich ein Auto." Mit seinem Projekt in Linz lässt er dagegen echte Menschen eine künstliche Welt kopieren. Dabei interessieren Bartholl besonders die Momente, in denen das Zweite Leben anders ist als das Erste. "Ich versuche Realitäten zu brechen", sagt er.
In der Marienstraße in Linz ist jeder Laden auf die Bedürfnisse der Second Life Avatare ausgerichtet. In einem Geschäft können die Kunden sich die Haare so schneiden lassen wie ihr künstliches Ich, in einem anderen können sie sich ihren Namen ausschneiden und per Haarreifen auf den Kopf montieren. Zwei Techniker laufen Besuchern hinterher und halten ihnen ein Display über den Kopf, über eine Tastatur sollen sie ihre Unterhaltung notieren, die dann von allen mitverfolgt werden kann.
"In Chats und Second Life sind diese Sprechblasen über den Köpfen normal, in der Realität wirft das natürlich Fragen nach Datenschutz und Privatsphäre auf", sagt Bartholl. Pillen und Fitnessshakes türmen sich in der Auslage des Ladens von Joachim Stein. Er berät die Festival-Besucher, was sie tun müssen, um so auszusehen wir die Avatare von Second Life, die meist durch überperfekte Körper auffallen. In seinen Handlungsanweisungen schreckt der Künstler auch vor Geschlechtsumwandlungen, plastischer Chirurgie und illegalen Substanzen nicht zurück, damit die Nutzer auch wirklich die digital erwünschte Körbchengröße oder Muskelmasse erreichen.
In dem Workshop der Berliner Künstlerin Linda Kostowski bauen Besucher Objekte aus der Zweiten Welt - vom Fernseher bis zum Motorrad - als Bastelarbeit aus Papier nach. "Der hier ist in der echten Welt genauso sinnlos wie in der künstlichen", sagt Kostowski und hält einen dreidimensionalen Papier-Donut in die Höhe.
In Second Life sind die Bewohner von Grundbedürfnissen wie Essen und Schlafen befreit. Ein paar Häuser weiter können Nutzer in einem echten Laden, der so aussieht wie in Second Life, künstliche Produkte wie ein Auto für ihre Avatare erstehen. Techniker lassen die Waren dann in der künstlichen Welt erscheinen und der Kunde erhält in der Marienstraße einen Plastikchip in Form des Gekauften als Beleg. "Interessant ist, ob die Menschen dann mehr Interesse am Plastikchip oder an der künstlichen Ware haben", sagt Bartholl.
Auf dem Linzer Pfarrplatz treffen dann virtuelle und reale Welt endgültig aufeinander, den dort aufgeschütteten Strand mit Liegestühlen gibt es zeitgleich in der Internet-Erlebniswelt. Über ein komplexes Soundsystem hören die echten Besucher, wo die Internet- Gäste gerade gehen und stehen. Und wenn ein Avatar im virtuellen Pfarrplatz in das Wasserbecken schlägt, spritzen Düsen die echten Besucher in ihren Liegestühlen nass.
Die "ars electronica" zu8 ihrem Titelthema "Goodbye Privacy"

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10.09.2007 / mp mit Material von dpa
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