Regierungskoalition streitet über Anti-Terror-Befugnisse
Schäuble fordert neue Gesetze, aber Kriminalbeamte sehen "marode Struktur"
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"Schäuble hat sich verrannt", sagte der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Klaus Jansen. "Es ist alles andere als seriös, wenn er in atemberaubendem Tempo immer neue Gesetze fordert, unser Sicherheitsapparat gleichzeitig aber eine alarmierend marode Struktur aufweist." Der Vize-Fraktionschef der Union, Wolfgang Bosbach, hat im Koalitionsstreit um eine Verschärfung der Anti-Terror-Befugnisse der Polizei eine harte Verhandlungsführung angekündigt.
Die Union werde "für jeden einzelnen Punkt kämpfen, den Wolfgang Schäuble zur Erhöhung der Inneren Sicherheit vorschlägt", sagte Bosbach. Die Gespräche mit der SPD würden nicht leicht, "aber ich möchte, dass wir für unsere Positionen kämpfen". Wichtig sei, dass die Union gegenüber der SPD ein unterscheidbares Profil behalte, betonte der CDU-Innenpolitiker: "Wir müssen begreifen: Koalition heißt nicht Fusion."
Peter Struck  © dpa
Die zum Teil heftige Kritik an den Plänen von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble wies Bosbach erneut zurück: "Unsere Vorschläge sind nicht überzogen - überzogen ist die Kritik an ihnen." Die SPD will die Anti-Terror-Pläne von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) nicht mittragen. Seine Fraktion werde sowohl einen Einsatz der Bundeswehr im Inneren als auch eine Änderung der Passgesetze nach Schäubles Vorstellungen im Koalitionsausschuss ablehnen, sagte der Fraktionsvorsitzende Peter Struck am Donnerstag, 19. April 2007 in Bremerhaven am Rande einer SPD-Veranstaltung.
Bei dem geplanten Spitzentreffen der zuständigen Minister im Kanzleramt will die SPD-Fraktion laut Struck Schäubles Vorschläge grundsätzlich ablehnen und keine Kompromisse schließen. "Ich kann terroristische Gefahren nicht mit allen Mitteln bekämpfen", sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende.
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"Eine Datensammlung wie von Schäuble geplant wird es mit uns nicht geben", sagte Struck zu den Überlegungen des Innenministers, künftig elektronisch gespeicherte Passbilder und Fingerabdrücke in den Meldebehörden der Polizei zugänglich zu machen. Zu den Plänen Schäubles, die Bundeswehr innerhalb des Landes zur Terrorbekämpfung einzusetzen, sagte Struck: "Da würde eine Tür weit aufgemacht. Wir haben aber aus der Nazizeit gelernt, was eine Vermischung von Polizei und Militär bedeuten kann." Die Bundeswehr werde weiterhin nur zur Friedenssicherung im Ausland gebraucht.
Schäuble: "nicht vom persönlichen Schicksal beeinflusst"
Der wegen seiner Vorschläge zur Terror-Abwehr in die Kritik geratene Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble sieht keine Verbindung zwischen seinen politischen Äußerungen und seinem Privatleben. "Das hat mit meinem persönlichen Schicksal ... überhaupt nichts zu tun ... Das hat mich eher gelassener gemacht", sagte der CDU-Politiker laut einem Interview mit dem "heute-journal" des ZDF.
Wolfgang Schäuble  © reuters
Schäuble war am 12. Oktober 1990 bei einer Wahlveranstaltung in Oppenau von einem psychisch kranken Mann angeschossen und lebensgefährlich verletzt worden. Er sitzt seitdem im Rollstuhl. "Ich spüre die Verantwortung als Innenminister für die Sicherheit unseres Landes", sagte Schäuble weiter. Er versuche, seine Arbeit ohne jede Hysterie zu machen. "Ich versuche, den Menschen nicht dauernd Angst und Besorgnis einzureden. Aber wir müssen natürlich Entwicklungen in der Welt, Bedrohungen und veränderte technologische Möglichkeiten der Bedrohung wahrnehmen und uns darauf angemessen vorbereiten."
Schäuble hatte zuvor erklärt, das Prinzip der Unschuldsvermutung dürfe bei der Abwehr terroristischer Gefahren nicht gelten. Politiker des Koalitionspartners SPD und der Opposition reagierten mit massiver Kritik. Ein "Klärungsgipfel" im Kanzleramt soll jetzt die Wogen glätten.
Die strittigen Anti-Terrorprojekte
Bundeswehreinsätze Im Innern
Seit mehr als einem Jahr versucht die Koalition, einen Konsens über den Einsatz der Bundeswehr im Innern zu finden. Strittig ist insbesondere, ob die Luftwaffe entführte Passagier-Flugzeuge abschießen darf, die für Terroranschläge wie in New York im September 2001 benutzt werden sollen. Das Verfassungsgericht hat ein entsprechendes Luftsicherheitsgesetz aus rot-grünen Tagen aufgehoben. Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) meint jedoch, dass mit einer geänderten Fassung einschließlich einer Ergänzung des Grundgesetzes dennoch der Abschuss legalisiert werden kann.
Online-Durchsuchungen und Rasterfahndung
Das Bundeskriminalamt (BKA) hat seit dem In-Kraft-Treten der Föderalismus-Reform seit Herbst 2006 erstmals auch die Zuständigkeit zur Terrorabwehr. Deshalb muss das BKA-Gesetz geändert werden. Nach Schäubles Vorstellung sollen der Behörde künftig zur Gefahrabwehr heimliche Online-Durchsuchungen von Computern erlaubt sein. Diskutiert wird, ob es dazu einer Grundgesetzänderung bedarf. Strittig ist auch, ob das BKA die Kompetenz zur Rasterfahndung erhalten soll. Datenbestände werden dabei im großen Stil nach bestimmten Kriterien durchsucht, um Personen herauszufiltern, die möglicherweise gefährlich sein könnten.
Zugriff der Polizei auf digitale Passbilder
Das Bundeskabinett will der Polizei den automatischen Zugriff auf die Passfotos der Bürger erlauben. Bereits heute können die Beamten in bestimmten Fällen die Bilder nutzen. Neu an den Plänen ist zum einen, dass die Passämter die Bilder nicht wie bisher per Fax, sondern digital senden können. Zum anderen soll der Polizei ermöglicht werden, außerhalb der Öffnungszeiten der Passämter online auf die jeweilige Datenbank zuzugreifen.
Zentrale Speicherung der Fingerabdrücke
In der zweiten Generation der biometrischen Pässe werden auf Grundlage einer EU-Richtlinie auch die Fingerabdrücke der Passbesitzer gespeichert. Schäuble will diese Daten jetzt - unter Hinweis auf die Fälschungssicherheit der Dokumente - bei den Meldeämtern speichern. Von Unionsseite gibt es die Forderung, eine Zentraldatei mit den Fingerabdrücken einzurichten. Allerdings soll die Polizei nach den derzeitigen Plänen nicht darauf zugreifen können.
Daten aus der Lkw-Maut-Erfassung
Zudem will die Union die Daten aus der Lkw-Maut zur Aufklärung schwerer Verbrechen nutzen. Ein Referentenentwurf ist in Kürze zu erwarten. Als weitgehend unstrittig gilt in der Koalition, dass diese Daten bei der Aufklärung besonders schwerer Verbrechen wie Mord, Totschlag oder terroristischen Anschlägen genutzt werden sollen. Eine Verwendung bei der Verbrechensvorbeugung ist dagegen strittig.
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20.04.2007 / dpa / ap / mp
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