Beuys meets Barney
Der Versuch einer Zusammenführung in der Deutschen Guggenheim
Matthew Barney: "Cremaster 2" (1999)  © Deutsche Guggenheim
"all in the present must be transformed" lautet der Titel einer Ausstellung in der Deutschen Guggenheim in Berlin. Die Schau stellt Arbeiten von Matthew Barney Werken von Joseph Beuys gegenüber, um ästhetische und konzeptuelle Gemeinsamkeiten aufzuzeigen.
Joseph Beuys im Jahre 1979 und Matthew Barney 2003 - zwei Künstler und ein Museum: das Guggenheim in New York. Für Beuys war es damals der Durchbruch in der Neuen Welt. Tonnenschwere, eigentlich untransportable Skulpturen hatte er aus Europa mitgebracht. Barney, einer der spannendsten Künstler der Gegenwart, stellte 2003 den "Cremaster-Cycle" aus, jenes Gesamtkunstwerk, das aus Film und Skulptur besteht, die seine Bildwelt aus Privatmythologie, Sexualität und Schöpfungsfantasie spiegeln.
Zwei Kunst-Universen prallen aufeinander
Matthew Barney: "Chrysler Imperial" (2002)  © Deutsche Guggenheim
2006 wagt eine Guggenheim-Kuratorin der Deutschen Guggenheim das Experiment, beide Werke gegenüberzustellen und Beuys nach zahlreichen Doppelausstellungen mit Leonardo oder Rodin zum ersten Mal mit einem lebenden Künstler zu konfrontieren. Zwei Kunst-Universen prallen auf knappen 300 Quadratmetern aufeinander: Es ist ein ehrgeiziger Versuch und ein Lehrstück über den Umgang mit Kunst heute. Auf kleiner Fläche ist eine Werkauswahl von Beuys, die nur ausschnitthaft die Dimension seiner Arbeit zeigt, zu sehen. Barney hat die Ausstellung selbst mit eingerichtet, gibt jedoch kein Interview zu dem Projekt. Die Kuratorin ergreift das Wort für ihn: "Die Ausstellung könnte größer sein, aber so, wie ich es sehe, und wie ich glaube, dass Matthew es auch sieht ist, dass es ein Vorschlag ist", sagt Kuratorin Nancy Spector. "Es ist kein definitives Statement, aber es hat genau die richtige Größe für solch ein Experiment."
Barney ist mit dem "Chrysler Imperial" vertreten, einer Skulptur, die Resultat seines Filmes "Cremaster 3" ist, der im Chrysler-Building in New York spielt und in symbolstarken Bildern Chrysler-Karossen zu handelnden Objekten macht. Die Skulptur in Berlin ist eine befremdliche Arbeit, die subtil mit Materialien umgeht, mit Beton, Kunststoff, und Vaseline. Einiges erinnert an die großen Installationen von Beuys. In ihrer Monströsität erinnert sie an die Installation "Unschlitt Tallow" von Beuys, die nicht in der Ausstellung zu sehen ist.
Ausstellung wird den Werken nicht gerecht
Joseph Beuys: "Untitled" (1983)  © Deutsche Guggenheim
"Es ist überwiegend eine Sammlungsausstellung", erläutert Nancy Spector. "Das war die Grundvoraussetzung von Guggenheim. Wir hatten geprüft, ob wir Unschlitt Tallow bekommen können. Weil dieses Werk in direkter Verbindung vor allem zu Barneys aktueller Arbeit steht, wo er viel mit großen Mengen von Vaseline arbeitet, mit den enthropischen Qualitäten dieser Materialien. Doch Tallow ist nicht transportabel." Es handelt sich um eine Sammlungsausstellung, bei der pragmatische Fragen offenbar wichtiger waren als die freie Gegenüberstellung zweier großartiger Werke. Die beiden Künstler werden auch als Person nicht greifbar. Der wichtigste Unterschied ist dabei: Beuys ging sehr offensiv mit seinem Werk um, kommentierte es ununterbrochen.
Barney inszeniert sich im Gegensatz dazu nur innerhalb seiner Kunst, schon in der frühen Arbeit "Field Dressing". Er erklärt nichts. Heute scheint dies eine kluge Strategie zu sein. In Berlin scheuen Kuratorin und Künstler die Medienöffentlichkeit. Solange Kameras aufgebaut sind, bleibt das Podium, auf dem sie später die Ausstellung vorstellen, leer. Wo Beuys radikal war bis zur Selbstaufgabe, ist Barney konsequent bei der Verteidigung seiner ästhetischen Strategie. Die Ausstellung in Berlin zeigt den Besuchern wenig von den Gemeinsamkeiten der beiden Künstler. Beiden Werken wird sie damit nicht gerecht. Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass hier der Jüngere durch den Älteren aufgewertet werden soll. Den Markt würde es freuen. Die Kunst leidet.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


"all in the present must be transformed - Matthew Barney und Joseph Beuys"
Deutsche Guggenheim Berlin
bis 12.01.2007



Beuys und Beuys - "Kulturzeit extra": Zwischen Fettstuhl und sozialer Skulptur


Matthew Barney - Exklusiv-Interview von Daniel Fiedler mit dem Jury-Mitglied im "Berlinale Journal" 2006

Jeder Mensch ist ein Künstler - Zum 20. Todestag von Joseph Beuys

10.11.2006 / Peter Schiering (Kulturzeit) / lj
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