Ein Künstler in stürmischen Zeiten
"Goyas Geister" - der neue Film von Milos Forman
Stellan Skarsgard als Francisco Goya  © tobis
Nach "Amadeus" hat Star-Regisseur Milos Forman nun mit "Goyas Geister" seinen zweiten großen historischen Film gedreht. Forman nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise ins Spanien des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Das Land steht zwar auf der Schwelle zur Moderne, doch noch haben König und Kirche die Zügel fest in der Hand. Der begnadete Maler Francisco Goya, zugleich Aufrührer und tüchtiger Geschäftsmann, malt im Auftrag des Königshauses und bringt ketzerische Grafiken unters Volk, was die heilige Inquisition auf den Plan ruft.
Das 18. Jahrhundert ist eine Zeit des Umbruchs. Die Ideen der Aufklärung verbreiten sich auch in Spanien, und sowohl Staat als auch Kirche fürchten um ihre Macht. Während der König jedoch tatenlos verharrt, wollen die Kirchenoberen sich gegen den Lauf der Zeit stemmen. Sie beschließen, die mittelalterlichen Folter-Methoden der Inquisition wieder einzuführen. Besonders hervor tut sich hierbei ein aufstrebender Mönch namens Lorenzo. Ihm sind die ketzerischen Kupferstiche des berühmten Malers Francisco Goya ein Dorn im Auge, und so will er an dessen schöner Muse Ines ein Exempel statuieren. Ines wird vor das Tribunal gezerrt und mittels grausamer Folter zu einem Geständnis gezwungen.
Ines’ Vater, ein reicher Kaufmann, tut alles, um seine Tochter zu retten. Er setzt Lorenzo auf raffinierte Weise unter Druck. Lorenzo kann die Vollstreckung der Todesstrafe zwar gerade noch verhindern, doch bleibt Ines eingesperrt und er selbst hat nun die Kirche gegen sich und muss fliehen. 16 Jahre später ist Spaniens Krone am Ende. Im Gefolge der Truppen Napoleons kehrt Lorenzo, nun überzeugter Revolutionär, zurück und bekleidet erneut eine wichtige Position. Auch die heilige Inquisition hat ausgedient und die kirchlichen Kerker werden geöffnet. Ines ist endlich frei und es kommt zu einem folgenreichen Wiedersehen mit Goya und Lorenzo.
Goya als Statist
Der finstere Pater Lorenzo  © tobis
Nach Wolfgang Amadeus Mozart, Pornokönig Larry Flint und dem Komiker Andy Kaufman ist Francisco Goya nun die vierte berühmte Titelfigur des Regisseurs Milos Forman. Doch der Künstler steht in "Goyas Geister" nicht wirklich im Zentrum der Handlung. "Goyas Geister" zeichnet nicht, wie es der Titel vermuten ließe, das große Porträt des Künstlers Francisco Goya. Werk und Schaffen des querdenkerischen Malers bleiben bis auf Anekdoten im Hintergrund. Goya ist eher Aufhänger für einen aufwändigen Historienfilm. Seine Arbeit dient als Staffage. Die Figur "Goya" entwickelt keine Tiefe und man fragt sich am Ende des Films, ob er für die Handlung nicht sogar verzichtbar gewesen wäre. Unterstrichen wird dieser Eindruck durch Stellan Skarsgards streckenweise blasse Darstellung des Malers.
Den eigentlichen Mittelpunkt des Films bildet Lorenzo, gespielt von Javier Bardem. Weihevoll und leise sprechend mimt er zu Beginn den wunderbar dämonischen Pater, der sich dann zum Ende in den lauten und ideologiegläubigen Revolutionär verwandelt. In beiden Fällen schafft es Bardem, seiner Figur eine ordentliche Portion Widerwärtigkeit einzuhauchen, was ihn zum klaren Gewinner des Films macht. Auch die Figur der Ines, verkörpert von Natalie Portman, die in einer Doppelrolle zum Ende des Films auch noch als Ines’ Tochter zu sehen ist, kann über weite Strecken überzeugen. Die Entwicklung von der schönen, unschuldigen Muse des Malers zum verwahrlosten, wahnsinnig gewordenen Ex-Häftling gelingt und transportiert ein gutes Maß an Tragik.
Ein politischer Film
Natalie Portman spielt die schöne Muse Ines  © tobis
Die Handlung des Films ist besonders gegen Ende recht sprunghaft und verworren. Doch das waren die Zeiten, in denen der Film spielt, auch, und so könnte man sagen, dass der Verlauf lediglich das Tempo und die Wechselhaftigkeit aufnimmt, die das Zeitalter der Französischen Revolution kennzeichneten. Richter werden zu Angeklagten und umgekehrt. Könige werden abgesetzt und ersetzt. Alte Rechnungen werden beglichen und neue aufgemacht. Milos Formans erzählt in "Goyas Geister" nicht von der Kunst, sondern von der Macht - und was sie aus den Menschen macht.


Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


"Goyas Geister"
USA 2006
Regie: Milos Forman
Darsteller: Stellan Skarsgard, Javier Bardem, Natalie Portman
Kinostart D: 23.11.2006



Kino-Zeit: Die "Kulturzeit"-Filmkritiken

Francisco de Goya - Der Wegbereiter der Moderne in Berlin und Wien

18.10.2006 / Thorsten Scheu für Kulturzeit
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