Jeder hört seinen eigenen Film
Funkkopfhörer statt teurer Konzertkarten - eine Wiener Akustik-Performance
Zwei junge Wienerinnen, ganz "On Ear"
Seit einiger Zeit ist wieder Leben in den Glaskubus unter den Wiener Stadtbahnbögen gekommen: Nachts versammeln sich hier junge Österreicher mit Funkkopfhörern. Sie tanzen lautlos, jeder für sich - wie es scheint - und doch im Kollektiv. Angetrieben von den nächtlichen Konzerten des Künstlers Oliver Hangl. Eine ungewöhnliche musikalische Performance, die immer mehr begeisterte Zu- und Mithörer unter den Bewohnern der österreichischen Hauptstadt findet.
Auf dem so genannten Wiener Gürtel, nachts um halb eins: Die vom Architekten Wagner zur Jahrhundertwende entworfenen Stadtbahnbögen befinden sich heute inmitten einer Verkehrshölle. Darunter liegt ein gläserner Würfel, der kaum von den Passanten wahrgenommen wird. Für den Künstler Oliver Hangl ist die Insel im urbanen Dschungel der ideale Ort für eine Performance, bei der jeder mitmachen kann. Akustisch isoliert von der Umwelt spielen Musiker im Kubus. Draußen tanzen oder lauschen die Besucher - vorausgesetzt, sie haben einen Funkkopfhörer, mit dem sie die richtigen Frequenzen empfangen können: "Von außen sieht das etwas merkwürdig aus - denn tanzende Leute ohne Musik wirken immer seltsam für den Betrachter", erklärt Hangl sein Konzept. Wer sich jedoch mit einem Kopfhörer eingeklinkt hat, wird Teil eines einmaligen medialen Erlebnisses.
"Eine lebendige Installation"
"On Ear"-Initiator Oliver Hangl mit der Erfinderin des Wiener Glaskubus, Valie Export
Stars der einheimischen Szene wie die Chanteuse Gustav und der international bekannte Jazz-Gitarrist Wolfgang Muthspiel lockte es schon in den Glaskubus am Wiener Gürtel. Statt teuren Tickets für ausverkaufte Konzerthallen mietet man sich hier lieber günstig einen Funkkopfhörer. Die Idee zum Glaswürfel in der Mitte Wiens stammt von der österreichischen Künstlerin Valie Export, die in den 60er Jahren ebenfalls Passanten zu Teilnehmern ihrer Kunstaktionen machte. Von Hangls Performance 40 Jahre später ist sie begeistert: "Es war von Anfang an geplant, dass der Kubus nicht allein für sich stehen sollte. 'L'art pour l'art' hatten wir nie im Sinn." Es sei schön zu sehen, dass ihre Glaskonstruktion nun auch genutzt werden würde, freut sich die Künstlerin. "Drinnen und draußen tut sich etwas - das ist eine lebendige Installation."
Zum vermeintlichen Sound der Straßengeräusche tanzen
Das Spiel mit der Wahrnehmung funktioniert nirgends besser als im Kino. Das dachten sich auch Oliver Hangl und seine Akustik-Mitstreiter: Bei ihnen fehlt allerdings die Leinwand. Zu hören sind bei "On Ear" neben Musik auch Spielfilme in der Fassung für Blinde. Ausgestattet sind diese Filme, wie zum Beispiel der Hollywood-Klassiker "Die Reifeprüfung", mit einem zusätzlichen Erklärungstext. "Jeder sieht seinen eigenen Film", sagt Hangl zu dieser Idee." Dabei entstehen die Bilder im Kopf und vermischen sich mit der Realität. Genau diese Mischung finde ich besonders spannend." Zusammen mit dem Radio-Moderator und DJ Kristian Davidek erobert Oliver Hangl aber auch unangekündigt den öffentlichen Raum: Soweit sie ihr alter Radioübertragungswagen fährt, suchen die beiden nach geeigneten Orten, um für eine Guerilladisco die Flagge zu hissen. Nach einer kurzen Lagebesprechung folgt der Aufbau. Bei diesen spontanen Aktionen wollen die DJ-Pulte gut getarnt sein, während die Fauna für die Licht-Show herhalten muss, sagt Hangl. Lärmbelästigung kann man den "On Ear"-Guerilleros aber nun wirklich nicht nachsagen: Verkehrsteilnehmer sind höchstens einmal leicht abgelenkt von den Gestalten, die - vermeintlich - zum Sound der Straßengeräusche wippen und hüpfen.
"Love ist in the Ear" ist eine Bewegung zwischen Kunst und Populärkultur, die bereits viele Nachahmer gefunden hat. Demnächst möchte Oliver Hangl mit seinen Funkkopfhörern die Bühne erobern: Theater im Zweikanalton - man darf gepannt sein.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

Guerilladisco
Oliver Hangl

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15.09.2006 / Nicola Eller für Kulturzeit / sa
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