Heilige und Hure
Ein Dokumentarfilm erinnert an die vergessene Hollywood-Diva Hedy Lamarr
Hedy Lamarr (1914-2000)
Sie war die erste Nackte der Filmgeschichte. In Gustav Machatýs Film "Ekstase" (1933) schwamm Hedy Lamarr mehrere Minuten lang nackt in einem See. 17 Jahre war sie jung, unerfahren, aber verliebt in einen Mann vom Film, der ihr die Rolle ermöglichte. Dass sie zudem den ersten weiblichen Orgasmus der Filmgeschichte auf Zelluloid bannte, verschaffte Hedy Lamarr Weltberühmtheit - und es erzürnte den Papst. Nun kommt der sehenswerte Dokumentarfilm "Hedy Lamarr - Secrets of a Hollywood Star" in deutsche Kinos.
"Ich habe nicht gewusst, dass es so etwas gibt wie eine Zoomlinse, aber jetzt weiß ich es besser, allerdings ist es harmlos", sagt Hedy Lamarr im Film über die Nacktbadeszene im See. "Ich bin einfach geschwommen, das würde heute überhaupt rausgeschnitten werden. Der Regisseur hätte mich beinahe erschlagen, wenn ich das nicht gemacht hätte. Ja, ich habe mich gewehrt, weil das nicht natürlich war, damals um die Zeit." Vielleicht gerade ob des Skandals, den er provozierte, wurde der Film ein weltweiter Erfolg. Für Lamarr bedeutete er allerdings auch einen ersten Einschnitt in ihre Karriere: In Deutschland lief er nur in gekürzter Fassung, sie erhielt zunächst keine weiteren Angebote und musste mit Kündigungen bestehender Engagements leben.
Glamouröse Lebensrollen
Hedy Lamarr hieß eigentlich Hedwig Eva Maria Kiesler, als sie sich 1937 aus einer desaströsen Ehe in die USA flüchtete. Die Waffengeschäfte ihres Mannes Fritz Mandl mit den Nazis sollen der Grund gewesen sein. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten schaffte es die Österreicherin, einen Zehnjahresvertrag mit Metro-Goldwyn-Mayer abzuschließen. Dort gab man ihr den Künstlernamen Hedy Lamarr in Anlehnung an die verstorbene Barbara LaMarr. Hollywood machte sie zur Diva mit glamourösen Rollen, in denen sie als dunkelhaarige Verführerin mit Schmollmund und katzenhaften Augenbrauen aufschien - Schlagzeilen machte Lamarr jedoch eher durch ihre Skandale und ihren Verschleiß an Ehemännern, als durch schauspielerisch gesetzte Glanzlichter.
Eine erwähnenswerte Episode ihres Lebens zeichnet Hedy Lamarr als Vorreiterin der Handy-Technik aus: Sie ist die Frau, die das Handy überhaupt ermöglichte. Lamarr entwickelte zusammen mit dem befreundeten Komponisten Georges Antheil ein abhörsicheres System zur Funksteuerung von U-Boot-Torpedos, das sie im Zweiten Weltkrieg der US-Marine schenkte. Später fand dieses System Anwendung bei der Entwicklung drahtloser Telefone. Möglicherweise halfen dabei geheime Papiere von Lamarrs Ehemann Fritz Mandl, dem Waffenhändler. Doch erst in den 1990er Jahren sollte die "Visionärin der modernen Kommunikation" für ihr Patent ausgezeichnet werden.
Der Preis des Ruhmes
Highlight des Dokumentarfilms "Hedy Lamarr - Secrets of a Hollywood Star" sind zum einen die Hochglanz-Starfotos der Diva. Heilige und Hure zugleich sollte sie sein, doch erzählen diese Bilder auch ohne Worte von der grausamen Seite der Inszenierung von Weiblichkeit. Es gibt ein einziges Interview mit Hedy Lamarr aus den 1970er Jahren, in dem sie unter straff gelifteten Gesichtspartien von ihrem Gefühl des Fremdseins in Amerika spricht. Als Schauspielerin in Hollywood hätte sie niemals ein Kind bekommen dürfen, hätte eine Abtreibung über sich ergehen lassen müssen - der Film erzählt davon, wie Lamarr heimlich ein uneheliches Kind zur Welt brachte und es unter Anwendung eines Tricks adoptierte. Hedy Lamarr soll den Kontakt zu all ihren drei Kindern verloren haben. Gestorben ist sie, wie so viele ihresgleichen, einsam und zurückgezogen in ihrem Haus in Florida. Nun erinnert ein sehenswerter Dokumentarfilm wieder an die Frau, die einst als schönste Frau der Welt galt.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


"Hedy Lamarr - Secrets of a Hollywood Star"
Schweiz / Deutschland / Kanada 2005
Regie: Donatello Dubini, Fosco Dubini und Barbara Obermaier
Kinostart:
Deutschland: 07.09.2006



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