Die Berliner Philharmoniker im "Outer Space"
Simon Rattle hat vier Kompositionen zum Thema Planeten in Auftrag gegeben
© AP
Für Gustav Holst waren die Planeten griechische Götter, astrologische Archetypen charakterisiert wie vertraute Gestalten der griechischen Mythologie. Was aber bedeuten Planeten für Komponisten von heute? Sind sie immer noch Mysterien in unendlichen Weiten oder berechenbare Größen, die analysiert und von den Astrophysikern systematisch durchnummeriert wurden? Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, hat sich nicht lange mit Vermutungen aufgehalten. Er wollte es wissen und hat vier der wichtigsten lebenden Komponisten mit Kompositionen zum Thema Planeten betraut.
Der deutsche Komponist Matthias Pintscher, der Brite Mark-Anthony Turnage, der Australier Brett Dean und die finnische Komponistin Kaija Saariaho haben sich auf Rattles Wunsch "in den Kosmos" begeben, um herauszufinden, was moderne Komponisten heute zum Thema Planeten zu sagen haben. "Es geht um die universelle Idee der Erforschung des Weltalls", erklärt Rattle. "Was ist da draußen? Wie hat es sich entwickelt? Je weiter man in den Kosmos hinein geht, desto weiter bewegt man sich in der Zeit zurück. Das ist gerade für Komponisten ein ganz starkes Thema".
Der Kosmos als Bedrohung
Mark-Anthony Turnage
Mark-Anthony Turnage ließ sich von einem Asteroiden zu seinem Werk "Ceres" inspirieren. Turnages Eigenart, traditionelle Formen zu verwenden, die Konventionen jedoch ständig zu durchbrechen, zeigt sich auch in diesem Werk. Klang-Blöcke treffen in einer intensiven Steigerung aufeinander und zerbrechen abrupt. Der Kosmos als Bedrohung? Er sei von der Idee fasziniert gewesen, dass die Erde jede Minute zerstört werden könne, sagt Turnage. "Mein Stück handelt davon, dass wir im nächsten Moment alle tot sein könnten."
Brett Dean
Die "unheimliche einsame" Schönheit der Signale der Raumfahrt-Telemetrie inspirierten Brett Dean zu seinem Werk "Komarov's Fall" über den Tod des sowjetischen Kosmonauten Wladimir Michailowitsch Komarow. Er starb 1967 beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. "Sie waren so sicher, dass ihm bei Wiedereintritt in die Erdatmosphäre etwas passieren würde, dass sie seine Frau holten, damit die beiden sich voneinander verabschieden konnten", berichtet Dean. "Das hat mich sehr gerührt und das drückt sich auch in meinem Werk aus." Der Asteroid 1836, der erst 1971 entdeckt wurde, erhielt zu Ehren des Kosmonauten den Namen Komarow.
Osiris-Mythos
Berliner Philharmoniker
Am nächsten dran an Holst ist Matthias Pintscher, der sich in seinem Werk "Towards Osiris" mit dem Osiris Mythos auseinandersetzt. Musikalisch paraphrasiert er über die Idee der Ganzheit, das Auseinanderdriften der Teile und das erneute Zusammensetzen. Pintscher versucht den Exoplaneten Osiris und Osiris als mythologische Figur in musikalischer Form zu erfassen.
"Toutatis" heißt das Werk der finnischen Komponistin Kajia Saariaho. Toutatis ist ein Asteroid, dessen Laufbahn sehr dicht an der Erde vorbeiführt. Er kollidiert ständig mit anderen Himmelskörpern.
Sir Simon Rattle
Die Planeten im Jahr 2006: Sind sie lebensbedrohlich? Und ist der Kosmos ein düsterer Ort, der sich anschickt, das zivilisierte Leben zu zerstören? "Ja klar, wir sind im 21. Jahrhundert und die Leute empfinden vor allem eine endlose Leere", meint Rattle. "Aber das Interessante ist: Man weiß eben nie, was man von Komponisten bekommt." In diesem Fall vier spannende Kompositionen über die Endlichkeit des Menschen in der Unendlichkeit des Kosmos.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


"Ad Astra"
Kaija Saariaho: "Asteroid 4179: Toutatis"
Brett Dean: "Komarov's Fall Music for Orchestra"
Matthias Pintscher: "Towards Osiris, study for orchestra"
Mark-Anthony: "Turnage Ceres"
Salzburger Festspiele
28.08.2006

Eine CD erscheint im Herbst 2006

Die Macht der Musik: Der Dokumentarfilm "Rhythm is it" zeigt Simon Rattles engagiertes Tanzprojekt

20.03.2006 / Gabi Schlag/Benno Wenz für Kulturzeit
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