Global Player auf der Couch
Der Film "The Corporation" setzt sich mit dem Monster Kapitalismus auseinander
In "The Corporation" kommen Konzerne auf die Psycho-Couch  © Nancy Bleck
Konzerne gibt es wie Heuschrecken. Man könnte meinen, Franz Müntefering habe sich mit seiner Kapitalismuskritik von diesem kanadischen Dokumentarfilm inspirieren lassen. "The Corporation" zeigt die Omnipräsenz und Allmacht der Konzerne. Der Clou daran ist, dass die Macher die Konzerne auf die Psycho-Couch legen. Da in Amerika Kapitalgesellschaften als juristische Personen gelten, wird folgerichtig ihr Charakter untersucht. Wie ist die Persönlichkeitsstruktur der Multis?
"Wenn wir einen Konzern als eine juristische Person betrachten, ist es nicht allzu schwierig, Parallelen zu ziehen, zwischen einem psychopathischen Individuum und einem psychopathischen Konzern", sagt der Psychologe Robert Hare. "Wenn man das genauer ansieht: Sie haben alle Charakteristika, und, in vielerlei Hinsicht, entsprechen Konzerne dem Prototyp des Psychopathen."
Joel Bakan (l.), Autor
Konzerne sind also rücksichtslos, beziehungsunfähig, betrügerisch. So simpel wie das Fazit klingt, ist "The Corporation" nicht. Der Autor des Films, Joel Bakan, hat auch ein fundiertes Buch zum Thema geschrieben: "Momentan bringt es politisch mehr, den Konzernen bessere Regeln staatlich zu verordnen", meint er. "Langfristig brauchen wir eine politische Bewegung. Sie muss versuchen, ökonomische Strukturen zu entwickeln, die demokratisch sind und auch anderen Zielen dienen, als ausschließlich dem, Geld zu machen."
Ausbeutung & Umweltzerstörung
Zum Beispiel die Ausbeutung der Dritten Welt: Menschen produzieren zu Hungerlöhnen Waren westlicher Unternehmen. Erstaunlich ist, dass manche das in einen Akt der Menschlichkeit umlügen: "Das einzige, was diese Leute der Welt zu bieten haben, ist ihre billige Arbeit", sagt Michael Walker, Präsident von Fraser-Institute. "Und was sie der Welt sagen, ist: Kommt her, und lasst uns arbeiten. Wir arbeiten für zehn Pence in der Stunde. Denn für zehn Pence in der Stunde können wir uns Reis kaufen, um nicht zu verhungern."
Nächstes Beispiel: Umweltzerstörung. Das Prinzip der Gewinnmaximierung nimmt keine Rücksicht auf "Nebenwirkungen". Der Film ist immer dann stark, wenn er konkrete Folgen zeigt: zerstörte Natur, genetisch deformierte Tiere, krank geborene Kinder. Stets wiegeln die Konzerne ab: Einzelschicksale, sagen sie, doch es sind Schicksale. Samuel Epstein, Arzt für Umwelt- und Arbeitsmedizin, kritisiert: "Wenn ich ein Gewehr nehme und Sie erschieße, dann ist das kriminell. Wenn ich Sie Chemikalien aussetze, von denen ich weiß, dass sie Sie töten werden - wo ist der Unterschied? Der einzige Unterschied ist, dass es länger dauert, Sie umzubringen."
Manipulation von Konsumenten
Besonders spannend ist, wie Konzerne Konsumenten manipulieren. Etwa die subtile Beeinflussung von Kinderwünschen, ein fieser Alltagshorror mit Folgen. "Man kann alle Konsumenten so manipulieren, dass sie ein Produkt wollen und deshalb kaufen. Das ist - ein Spiel", sagt Lucy Hughes, Vizepräsidentin der Initiative Media und Autorin des Buches "Der Quängelfaktor".
Die Schwäche des Films ist, dass er zuviel will. Das ist mitunter ermüdend und zuweilen eher bizarr. Etwa wenn Michael Moore über die Verbindungen von Kapital und Drittem Reich referiert: "Eine der größten nicht erzählten Geschichten des 20. Jahrhunderts ist die vom Zusammenspiel der Konzerne, vor allem der amerikanischen, mit Nazi-Deutschland", sagt er. "Firmen wie Coca-Cola konnten zwar Coke nicht weiterverkaufen, haben deshalb aber für die Deutschen Fanta entwickelt. Also: Wenn man Fanta trinkt, trinkt man das Nazi-Getränk."
Beide Seiten kommen zu Wort
Dennoch funktioniert "The Corporation" nicht wie die Filme von Michael Moore. Dieser Film argumentiert. Er lässt beide Seiten zu Wort kommen: Konzernchefs und Kritiker. Das Ergebnis ist ernüchternd und macht wütend. Doch Autor Joel Bakan gibt sich kämpferisch: "Das Römische Imperium ist untergegangen, genauso wie der Kommunismus. Die Kirche hat längst nicht mehr die Macht, die sie mal hatte. Monarchien haben an Bedeutung verloren. Ich glaube, dass kein autoritäres System - und als solches sehe ich das System kapitalistischer Konzerne an - ewig dauert."
Steht das System der Konzerne vor dem Untergang? Eine etwas verwegene These. Immerhin, der Film deutet Auswege an: Die Macht der Konzerne muss von Gesetzgebern beschnitten werden. Der konkrete Weg dorthin bleibt freilich unklar. Trotz einiger Schwächen, vor allem wegen seiner Überlänge, ist "The Corporation" ein spannender und ziemlich beunruhigender Film über die Macht und den Zustand der Konzerne.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



"The Corporation"
Regie: Mark Achbar
Kinostart in Deutschland: 16.06.2005
Ab 04.07.2005 auf DVD



Joel Bakan:
"Das Ende der Konzerne"
Europa 2005
ISBN: 3203755432
12,90 €



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28.06.2005 / Lars Friedrich für Kulturzeit / hs
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