Das andere "Reality TV"
"Slum-TV" zeigt das Leben in Nairobis Armutsvierteln
"Slum-TV"-Mitarbeiter in Krems  © NÖ DoFestival, Lackinger
"Fake Reality" lautet das Motto des Donaufestivals 2009 im österreichischen Krems. Die Medien sind für die "Unwirklichkeit der Wirklichkeit" ein Paradebeispiel. Bei dem Projekt "Slum-TV" etwa arbeiten die Künstler Sam Hopkins, Alexander Nikolic und Lukas Pusch in Kenia daran, eine "andere" Realität zu erschaffen. Sie initiierten "Slum-TV", damit die Bewohner der Slums über ihr alltägliches Leben berichten können. Jetzt hat das Projekt in Krems Station gemacht, um globale Phänomene unserer ganz persönlichen Wirklichkeit zu beleuchten.
"Afrika" heißt auch "Vorurteile". Auch wenn wir es uns selbst gar nicht eingestehen wollen, in unserer Wahrnehmung ist es oft der vergessene, der abgeschriebene Kontinent, wo Armut, Elend und Aids das Leben der Menschen bestimmen. So wird uns dieser Kontinent täglich in den Medien gezeigt. Und aus der so gezeigten Wirklichkeit wird auch vor Ort die ganz eigene Realität. Die Bewohner der Slums glauben, nur mit solchen Bildern mediale Aufmerksamkeit und somit finanzielle Unterstützung zu bekommen - ein Teufelskreis.
"Das nutzen, was sie selbst haben."
Aber wie sehen sich die Menschen in den Slums selbst? Zum alljährlichen Donaufestival im österreichischen Krems wurde "Slum-TV" aus Mathare, dem größten Slum Nairobis, an die Donau transferiert. "Slum-TV" ist Fernsehen von Slum-Bewohnern, für die Bewohner und für das World Wide Web. Im Sommer 2007 stellten Konzeptkünstler eine Kamera, Mikrofon und Schnittcomputer auf. So enstehen monatlich eine Nachrichtenschau und Sitcoms. Das Programm wird auf Leinwand unter freiem Himmel von einigen tausend Zuschauern verfolgt. "Die Slums sind nicht das, was du siehst, sie sind, was die Menschen dort sind", sagt "SlumTV"-Mitarbeiterin Esther Wanjiru. "Wir beschäftigen uns mit ihnen und schauen auf die andere Seite der Medaille. Die Menschen in Mathare sind glücklich, ihre eigene lokale Fernsehstation zu haben. Durch die Filme lernen die Bewohner, sich gegenseitig zu schätzen. Wir zeigen, was sie selbst tun können, dass sie nicht warten müssen, bis ihnen die Regierung oder jemand anderes hilft, herauszukommen aus ihren Problemen. Sie können das nutzen, was sie selbst haben."
Auch in Krems wird täglich Programm gemacht. Aus einem vor Ort improvisierten "Slum". Die Gründer von "Slum-TV" koordinieren in Österreich den Webauftritt sowie die Finanzierung und in Kenia die redaktionelle Arbeit und Themensuche. Seit 2007 ist diese Achse Nairobi - Wien, Basis für das Konzept einer anderen Art von "Reality TV". Langfristig möchten sich die Gründer von "Slum-TV" am liebsten überflüssig machen, so dass das Projekt von selbst gehen und bestehen kann. "Slum-TV" öffnet den Menschen die Augen für sich selbst. Gezeigt werden alltägliche Geschichten - und zwar aus der direkten Umgebung, Momentaufnahmen des tatsächlichen Lebens, anstatt geschönter Bilder einer anderen, fremden Welt, die mit dem afrikanischen Slum-Alltag nichts zu tun hat.
Slum-Bewohner wie unsichtbar
"Slum-TV" beim Donaufestival  © NÖ DoFestival, Lackinger
"In Kenia werden Medien nicht von diesen Randgebieten produziert", sagt "Slum-TV"-Mitbegründer Sam Hopkins, "sondern von der Mittelschicht, statt von Bewohnern des Slums. Es gibt eine Milliarde Slum-Bewohner, das ist ein riesiger Prozentsatz der Weltbevölkerung und diese Menschen sind wie unsichtbar, außerhalb der Wahrnehmung. Wir wollten ein System kreieren, in dem diese Menschen, die keinerlei Privilegien oder Möglichkeiten besitzen, selbst Inhalte erschaffen können über ihr eigenes Leben, für ihre eigene Gemeinschaft." Im Dezember 2007 brechen in Kenia nach den Wahlen wegen Wahlbetrugs massive Unruhen aus. "Slum-TV" ist mit seinen Kameras dabei, ist Augenzeuge aus dem Blickwinkel der namenlosen Slum-Bewohner, berichtet und dokumentiert aus einer ganz anderen Perspektive als die internationalen Reporter.
"'Slum-TV' bringt Stimmen, Ideen und Perspektiven, die nicht gehört werden würden zu einem internationalen Publikum", so "Slum-TV"-Mitarbeiter Biki Kangwana. "Ich habe 'Slum-TV' präsentiert in Toronto, Kopenhagen, Berlin und jetzt sind wir hier in Krems." Ist "Slum-TV" also der Kick für eine neue Medienwelt? Zumindest der Traum der Macher ist es, mit diesem Projekt Vorreiter auch für andere Kontinente zu sein - als Ergänzung und mögliches Korrektiv für die internationalen Berichterstatter. Und vor allem auch als Medium, in dem die Betroffenen selbst zu Wort kommen und erstmals ihre Sicht der Dinge vermitteln können - sei es nur sich selbst und der eigenen Community. Denn heute mehr als je zuvor gilt: Wir sind auch, was wir selbst von uns glauben. Das gilt nicht nur in Afrika, sondern bis zum 2. Mai 2009 auch in Krems - und überall dort, wo Menschen ihre Realität gestalten und nicht gestalten lassen.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Donaufestival
A-Krems
bis 02.05 2009

Ein Land in Aufruhr - Überleben im Slum von Nairobi
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24.04.2009 / Niki Popper für Kulturzeit / tm
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