Perverses Glück
DVD-Diary: Liliana Cavani thematisiert in "Der Nachtportier" den Eros der Gewalt
Wien 1957: Ein ehemalige SS-Mitarbeiter trifft in dem Hotel, in dem er mittlerweile als Nachtportier arbeitet, auf die Frau, die er als 15-Jährige im KZ missbraucht hat. Überraschenderweise entbrennt zwischen den beiden ein sadomasochistisches Machtspiel - bis die Kameraden von damals die Zeugin von einst töten wollen. Die morbide Erotik und Brutalität von Liliana Cavanis Film "Der Nachtportier" sorgte im Erscheinungsjahr für einen Riesenskandal. Eine Kolumne von Achim Podak:
Was für ein feines Gesicht, denke ich immer, wenn ich Dirk Bogarde in "Der Nachtportier" sehe. Dann erschrecke ich. Denn das feine Gesicht des Herrn Max war die makellose Visage eines SS-Offiziers, der so gerne junge Mädchen im KZ filmte. Nun versucht dieser Max Aidorfer als Nachtportier im Nachkriegs-Wien vor seiner Vergangenheit zu fliehen, vor jener Zeit, als er als Herrenmensch und Sadist seine Neigungen auslebte und Menschen quälte.
Verzweifelte Obszönität
Aber die Vergangenheit kommt zurück: Lucia erscheint, das Mädchen, das er einst missbrauchte. Fabelhaft finde ich Charlotte Rampling. Ein Blick nur. Der sagt alles. Aber auch Max ist erschreckt. Sie könnte ihn auffliegen lassen. Max, der Geläuterte, ist fassungslos. Sein Hitlergruß war eine Provokation, die aber unbemerkt geblieben ist. Im KZ musste Lucia vor den SS-Schergen singen. Sie, die Gefangene, tritt auf wie eine Nachtclubsängerin. Lasziv und bestimmend. Offenbar genießen beide die Situation wie ein sadomasochistisches Machtspiel. 1974 war das ein Skandal. Es ist eine Schlüsselszene voll verzweifelter Obszönität, die mich jedes Mal wieder berührt.
Wenige Filme, meine ich, thematisieren den Eros der Gewalt so raffiniert und provozierend, wie dieser. Auf der DVD äußert sich die Regisseurin, Liliana Cavani, in einem kurzen Interview zu den Reaktionen auf den Film. Zweideutig, mehrdeutig, genau das ist "Der Nachtportier". Denn die beiden können nicht voneinander lassen. Offenbar waren die Misshandlungen von einst auch ein Wechselspiel, beiden - Täter und Opfer - zum sadomasochistischen Vergnügen. Das geht ans Eingemachte.
Überragende Schauspieler
Der ehemalige SS-Mann und das Mädchen sehen wir in gieriger Umarmung. Dass das Unfassliche fassbar wird, liegt für mich allein an den beiden überragenden Schauspielern, Dirk Bogarde und Charlotte Rampling. Ihnen nehme ich diesen Spagat ab. Max und Luzia haben sich in seiner Wohnung verbarrikadiert. Die ehemaligen SS-Kameraden planen, Lucia, die Zeugin ihrer Verbrechen, umzubringen. Max wird das nicht zulassen. Sie leben wie Gefangene. Plötzlich sind beide Opfer. Und ein unerwartetes Gefühl macht sich breit: Aus Ekel wird Sympathie für diesen Max. Merkwürdig, aber mir geht es so. Mutig wagen die beiden die Flucht. Aber wohin fliehen? Der Weg zum Glücklichsein ist nicht ausgeschildert.
Auf einer Brücke endet die Fahrt. Noch einmal tragen sie die Uniform und das Kleid von damals, jene Kostüme eines perversen Glücks. Für mich lässt dieser Film viele Fragen offen. Zu viele? Vielleicht. Aber hier gehen kalkulierte Obszönität und kluge Provokation Hand in Hand. Ich finde diesen Film noch heute erschreckend und stark.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


"Der Nachtportier"
Italien 1974
Regie: Liliana Cavani
Darsteller: Dirk Bogarde, Charlotte Rampling, Philippe Leroy, u.a.
Verleih: zyx music



DVD-Diary - Kulturzeit taucht nach Film-Perlen

16.01.2007 / Achim Podak für Kulturzeit / se
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