Allein gegen die Mafia
Italiens Bestsellerautor Roberto Saviano im Visier der Camorra
Mitten in Europa, in Italien, gibt es eine Gegend, die eigentlich ein Paradies sein könnte. Aber hier in der Campania, zwischen Neapel und Caserta, kann es passieren, dass ein Schriftsteller mit Mord bedroht wird. So geschehen im Falle des 27-jährigen Roberto Saviano. Mit seinem Buch "Gomorra" schrieb er einen Bestseller. Nur leider über das falsche Thema: über die Machenschaften der Camorra.
Öffentlich sprach er außerdem aus, was viele in Casal di Principe, der Hochburg der Camorra, wissen: "Der Clan der Casalesi stammt von hier und ist heute ein weltweites Imperium. Francesco Schiavone Cicciariello wurde in Polen verhaftet. Und vor wenigen Monate wurde Michele Zagaria als Clanchef überführt", sagte Saviano öffentlich. Er bekam Drohbriefe und mysteriöse Anrufe. Seitdem ist er untergetaucht und lebt unter Polizeischutz. In seinem Buch "Gomorra" hat er zu präzise Namen und Zahlen genannt über das immense, international verzweigte, verbrecherische Finanz- und Wirtschaftsimperium "Camorra".
"Eine fast physische Provokation für die Bosse"
Roberto Saviano  © dpa
Ein junger Schriftstellerkollege und Freund von Saviano, Maurizio Braucci, sagt: "Roberto Savianos Geste, die dann zu den Todesdrohungen führte, war eine fast physische Provokation für die Bosse. Ganz offen ihre Namen zu nennen, das ist für viele immer noch ein Frevel. Savianos Aktion ist sehr mutig, sehr riskant."
Zu diesem delikaten Thema will das italienische Innenministerium uns leider kein Statement geben. Aber im Internet hat die Morddrohung einen Dominoeffekt ausgelöst. Tausende haben einen Appell an den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano unterzeichnet. Für viele ist "der Moment gekommen, endlich die Macht der Camorra zu brechen".
Problemfall Neapel
Bandenkriege, Schießereien, Mord und unschuldige Opfer - so sieht die heutige Realität aus. Auch im Jahr 2006 zeigt sich Neapel als Problemfall. Und die Polizei wird immer schwächer. Denn ihre Mittel werden seit Jahren gekürzt. Statt mehr Polizeischutz gibt es weniger, und weniger Sicherheit. Auch der Präsident der parlamentarischen "Antimafiakommission" in Rom, Giuseppe Lumia, muss mit einer Polizeieskorte leben. Oft steht er auf verlorenem Posten. "Wir brauchen unbedingt einen Qualitätssprung", fordert er. "Der Staat und seine Institutionen müssen rigoroser, aufmerksamer werden. Wir müssen neue Strategien entwickeln und im Kampf gegen die organisierte Kriminalität noch kontinuierlicher und kohärenter sein. Es gibt Institutionen, die ihre Aufgabe erfüllen, andere aber sind in die Machenschaften der Camorra direkt verstrickt."
Beamte und Polizisten sind oft Mitwisser
Im Hafen von Neapel gehen 60 Prozent der Waren am Zoll vorbei
Wie im Hafen von Neapel 60 Prozent der Waren am Zoll einfach vorbeigehen, mit dem Wissen der Beamten und Polizisten, das beschreibt Saviano in seinem Buch. Er beschreibt auch, wie Textilien in chinesischen Fabriken produziert werden, die der Camorra gehören. Und von China gelangt die Billigware über den Hafen von Neapel nach Frankreich und Deutschland. Der Hafen von Neapel als Umschlagplatz der Camorra: Von dort gehen Kleider nach München oder Kokain nach Paris. Das bedeutet in Neapel Arbeitsplätze und soziale Sicherheit. Denn der italienische Staat kann das nicht leisten. Die Camorra schon. Für die nationale Antimafiabehörde in Rom, die dem Justizministerium untersteht, ist dies ein unlösbares Problem.
"Das Hauptproblem sind die vielen Menschen ohne Arbeit", sagt Lucio Di Pietro von der nationalen Antimafiabehörde. "In der Campania ist die Arbeitslosenrate enorm hoch. Vor allem unter den Jugendlichen. Sie sind vom schnellen Geldverdienen fasziniert. Den Menschen bleibt oft nichts übrig, als für die Camorra zu arbeiten."
Der Staat kann nicht mithalten
Dem schnellen Geld der Camorra hat der Staat wenig entgegenzusetzen. Einen Posten als Carabiniere vielleicht? Als Laufbursche oder Handlanger für die Camorra ist da mehr drin. Das haben auch schon die illegalen Einwanderer aus Afrika verstanden. Sie verschachern gefälschte Lederjacken. An ihrer illegalen Einreise hat das weltweit operierende Netz der Camorra schon lange mitverdient.
Auch Handtaschen gibt es zum Schleuderpreis. Die besten Stücke zum besten Preis finden schnell ihre Käufer. Touristen oder biedere Damen mit schmaler Rente, die auch gern mal eine Tasche von Gucci oder Prada tragen möchten, bekommen sie leicht auf der Straße. Eigentlich ist das verboten. Jetzt wäre eine saftige Strafe fällig und die Beschlagnahmung der getürkten Ware. Aber: Nichts passiert. Man toleriert.
Die großen Modemarken halten bei Fälschungen still
Warum die großen Modemarken nicht protestieren, das wird nach der Lektüre von Roberto Savianos Buch ganz klar. Eine perfekte Fälschung ist eben keine Konkurrenz, sondern Werbung. Allein der Name zählt. Auch für den Käufer. Die billige Produktion scheint für alle ein Vorteil zu sein.
"Ein Unternehmer muss endlich mehr Vorteile von Seite des Staates erhalten, als er von der organisierten Kriminalität erhält", sagt Giuseppe Lumia. "Die allerwichtigste Regel muss lauten: Wir dürfen nie mit der organisierten Kriminalität zusammen leben, auch wenn sie noch so große Vorteile verspricht. Eisern müssen wir uns daran halten, damit diese Verbindung zwischen Wirtschaft und organisierter Kriminalität unterbrochen wird." Maurizio Braucci meint: "Roberto Saviano darf einfach nicht Zielscheibe für die Rache der Kriminellen werden. Roberto hat eine Lunte angezündet, jetzt muss eine generelle Welle der Empörung folgen. Und diese Empörung darf nicht den Namen Roberto Saviano tragen."
Neapel sehen und sterben. Keiner hat die Machenschaften in dieser wunderschönen Stadt in der letzten Zeit besser beschreiben als Roberto Saviano. Und dafür ist er in Lebensgefahr. Die inzwischen internationale Vernetzung der Camorra müsste ein Alarmsignal sein. Nicht nur für Neapel, wo die Camorra zu einem der erfolgreichsten italienischen Unternehmen geworden ist.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

Schutzgeld für alle: Wie sich eine sizilianische Satire-Zeitschrift über die Mafia lustig macht
Kampf dem Schweigen: Marco Tullio Giordanas preisgekrönter Mafia-Film "100 Schritte"
Der Pate ist gefasst: Mafia-Boss Bernardo Provenzano nach mehr als 40 Jahren verhaftet
Bella Napoli: Eine Stadt in der Hand der Camorra
Schmierige Kungelei: Korruption an italienischen Universitäten beschäftigt die Staatsanwaltschaft

26.10.2006 / Thomas Radigk für Kulturzeit / hs
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / Kulturzeit [E-Mail]