Die Hure im Himmel
Der terroristische Suizid als Lustakt auf der Bühne
Die Selbstmordattentäterin-in-spe flirtet mit einem Sprengsatz
Es ist ein Stück über Israelis und Palästinenser. Da wird behauptet, Jassir Arafat sei ein CIA-Mann gewesen, Juden seien Esel, und George W. Bush habe die Augen eines Behinderten. Hauptfigur Fatima ist eine von einem israelischen Soldaten vergewaltigte Araberin, die zuerst heiraten will, um ihre Ehre zu retten, dann aber gesagt bekommt, nur als Märtyrerin könne sie dies tun. Doch als sie ihren Selbstmord als Attentäterin plant, unken wiederum andere: Was willst Du denn als Hure im Himmel unter all diesen reinen Männern?
"Ihr habt mein Land geplündert, mich vergewaltigt", schreit es aus der Hauptfigur Fatima heraus. "Macht Euch bereit, meine starken Jünglinge. Ich komme in einer Minute nach oben!" Der terroristische Suizid wird als Lustakt auf der Bühne inszeniert. In "The Last Virgin" wird die Jungfrau Fatima von arabischen, jüdischen und christlichen Agenten belogen und missbraucht. Einziger Ausweg, um die eigene Ehre zu retten, ist für sie der Suizid.
Zur Premiere in Frankfurt waren Vertreter jüdischer wie auch islamischer Gemeinden geladen, doch nur wenige erschienen. Eine Komödie über Selbstmordattentäter ist für viele völlig unangemessen. Der Historiker Micha Brumlik flüchtete bereits nach dem ersten Akt. "Ich fand das richtig schlecht", so Brumlik. "Ich glaube, dass dieses sensible Thema, eine religiöse Ideologie, die zu Gewalt führt, nicht in Form einer solchen klamottigen Farce abgehandelt werden sollte. Mich hat vor allem irritiert, wie dieses Thema in Form sexualisierter Zoten auf der Bühne gezeigt wird - von Schauspielern, die gar nicht in der Lage gewesen sind, eine wirklich gute Farce auf der Bühne zu zeigen."
Folgen des Triebaufschubs
Provokation ist das Credo des jüdischen Autors Tuvia Tenenbom. Als Sohn orthodoxer Juden gründete er 1994 das Jewish Theatre in New York. Mit "The Last Virgin" hat er eine bizarre Verwechslungskomödie geschrieben, in der alle Religionen im Kreuzfeuer stehen. Tenebom zeigt den terroristischen Suizid als Ergebnis eines lebenslangen Triebaufschubs - ein brisanter Stoff, der die Doppelmoral religiöser Indoktrination zu Recht bloßstellen will. Der Autor übertritt mit seinem pornographischem Blick auf die Religion jedoch die Grenze zum Voyeurismus. Das ist eine eindeutige Schwachstelle des Stücks. "Tod und Sex - welch eine Beziehung", sagt Autor Tuvia Tenenbom. In der Realität ist es so, dass ein Selbstmordattentäter, ein Märtyrer vor seiner Tat Klopapier um seinen Penis herum wickelt, damit er im Himmel mit demselben Penis Jungfrauen beglücken kann. In einer Gesellschaft, in der Sex so tabuisiert wird, treibt die geringste Aussicht auf sexuelle Befriedigung Menschen in den Wahnsinn."
Es ist alles andere als eine leichte Aufgabe für Fatima-Darstellerin Géhane Strehler. Anfangs scheute sie sich davor, als Muslima halbnackt auf der Bühne zu stehen. Ihre Mutter weigert sich bis heute, die Aufführung zu besuchen. Im Theater wie in der Realität - das Paradoxon weiblicher Selbstmordattentäter bleibt. "Wenn sie sich für eine Sache umbringen und ihnen 70 Jungfrauen im Paradies versprochen werden, was würde ich denn als Frau bekommen? fragt Strehler. "Auch 70 Jungfrauen? Ich stehe aber nicht auf Frauen." Am Ende wird - allem Voyeurismus zum Trotz - die ganze Sinnlosigkeit von Selbstmordattentaten deutlich. "The Last Virgin" ist ein Stück, das polarisiert, anregt, aber mitunter auch abstößt. Ein explosives Thema, doch auf der Bühne wäre weniger mehr gewesen.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


"The Last Virgin"
English Theatre, Frankfurt/M.
Vorstellungen:
dienstags bis samstags um 19.30 Uhr
sonntags um 18.00 Uhr
noch bis 27.10.2006



Pulverfass Nahost

15.09.2006 / Kamran Safiarian (Kulturzeit) / lj
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