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Den leisen Fragern Gehör verschaffen
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Ralf Schmerberg, Organisator
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"Die Leute, die hier herkommen, arbeiten alle zu Themen, die sie mit ihrem Geist, ihrer Stimme ausdrücken," sagt Ralf Schmerberg. "Es sind Leute, die sich mitteilen, für etwas kämpfen, für die Zivilgesellschaft stehen. Das ist eine Verstärkung, wie eine größere Wattanlage, die hier aufgebaut ist, damit man überhaupt noch in der heutigen Gesellschaft durchkommt." Es geht darum, denen Gehör zu verschaffen, deren Stimme meist untergeht. Auf der Suche nach dieser Gegenöffentlichkeit bereiste Schmerberg alle Kontinente. Einfache Menschen, Philosophen, Antiglobalisierer oder Kriegsgegner forderte er auf, die Frage zu stellen, die ihnen am drängendsten erscheint. Einige dieser Fragen lauten: Warum gibt es so viele Slums? Wie beeinflusst die Konsumgesellschaft unser Leben und unser Denken? Warum hat Gott Lenin und Hitler geschaffen? Und jemand sagt: "Was meine Frage ist? Ich habe keine Frage".
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"Ich heiße Michael Schmidt, mein Künstlername ist Smudo", sagt der bekannte Musiker. "Ist es wirklich so, dass jeder Versuch, die Welt gerecht zu machen, an der Kreativität des einzelnen scheitern wird?" Herausgekommen ist die vielleicht größte Fragensammlung aller Zeiten. Aus den 50.000 wurden per Internet-Umfrage 100 Fragen für den runden Tisch ausgewählt. Pro Frage hatten die Antwortgeber drei Minuten Zeit. "Man hat am Tisch gespürt, dass manche Fragen den Tisch brennender als andere beschäftigt haben", sagt Ralf Schmerberg. "Das kann man gar nicht 'mathematisch organisiert' sehen. Vieles ist intuitiv und zufällig, einfach zusammengekommen. Das liegt in der Natur des Projekts. Das ist auch nicht von irgendeiner Universität, die Leute jahrelang knechtet. Wir sagen auch nicht, dies sind die wichtigsten Fragen der Welt. Das macht die Presse gerade daraus. Wir sagen, das sind wichtige Fragen für die Welt."
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Dialog oder Monolog?
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"Warum gibt es so viele Slums?" fragt dieses Mädchen
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Die Fragen wurden verlesen, die Antworten zeitgleich in 100 Kameras gegeben:
"Sind Marken mächtiger als Regierungen?" Filmregisseur Wim Wenders sagt: "Noch sind sie es nicht, auch wenn wir uns auf dem besten Weg dorthin befinden." Alle reden nebeneinander her, und die Kameras zeichnen 11.200 Antworten auf. Marken kontrollieren die Medien, die Wirtschaft und die Politik, meint der amerikanische Schriftsteller Raymond Federman. Einige andere bezweifeln das. Und für Deutschlands Aktions-Künstler Jonathan Meese "ist diese Frage viel zu komplex, als dass ich sie beantworten könnte". Ralf Schmerbergs Tafelrunde wurde professionell vorbereitet und mit allen Mitteln der Werbekunst promoted. Es ist ein Projekt, von Eifer, Enthusiasmus und Überzeugung getrieben. Das Engagement ist einem deutschen Versicherungskonzern 2,5 Millionen Euro wert. Was bezweckt man? Neue Ideen für die Versicherungsbranche oder eine neue Firmenethik?
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"Es liegt in der Natur unseres Geschäftes, dass wir uns mit solchen Risiken beschäftigen", sagt Nicolai Tewes von der Allianz. "Das Neue ist hier wirklich die Chance, mit allen Menschen zu kommunizieren. Es geht um Themen, die auch uns interessieren, die uns aber nicht alleine gehören. Wir haben im vergangenen Jahr mit Nichtregierungsorganisationen an diesen Themen gearbeitet, Klima, Mikro- Finanzen, und sehen eine Chance, mit Öffentlichkeit in einen Dialog zu treten, den wir selber gar nicht organisieren könnten alleine." Die Sprecher der Tafelrunde geben ihr Bestes - parallel und immer in Richtung Kamera. Kein Monolog, so die Veranstalter, ein "Multilog". Es ist ein an- und abschwellender polyphoner Sprechgesang ohne Wortwechsel, ohne Meinungsaustausch.
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Die subversive Kraft des Denkens
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"Wir sprechen miteinander so gut wie überhaupt nicht", sagt der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor. "Es gibt keinen Dialog hier - Jeder ist für sich." "Der Nutzen ist in dem Willen, etwas zu formulieren", meint Regisseur Wim Wenders. "Wenn man da sitzt und all diese Stimmen hört, dieses Gebrummel von Stimmen, das ist schon erhebend. Und schließlich denkt der Physiker Hans Peter Dürr: "Wenn man nur von einer Kamera angeguckt wird, kann man keine Späße machen. Da fällt einem nichts ein. Wenn die Kamera ein lachendes Gesicht hätte, wären die Antworten wahrscheinlich besser geworden."
Über 600 Stunden Sprachaufnahmen sind das Ergebnis. Es ist ein Redefluss, der wenige Stunden später ins Internet eingespeist wurde und dort nun dank neuer Navigationshilfen leicht abrufbar sein soll. Was ist das Ergebnis? Eine Wissensplattform, wie die Veranstalter sagen, ein kollektives Gedächtnis "im aufkommenden Kampf der Kulturen", oder letztlich nur ein nicht zu durchdringender Dschungel von Antworten?
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