Schutzgeld für alle
Wie sich eine sizilianische Satire-Zeitschrift über die Mafia lustig macht
Die Satire-Zeitschrift "Pizzino"
Die Festnahme von 13 Mafia-Bossen in Sizilien wird begleitet von einer Anti-Mafia-Front, die sich zunehmend neuartiger Formen des Kampfes bedient. Jahrzehnte hat man über die Mafia geschwiegen, jetzt wird ganz öffentlich geredet, diskutiert und angeklagt. In Palermo gibt es seit einiger Zeit die satirische Zeitschrift "Pizzino", die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den gefürchteten Bossen mit hinterhältigem Witz zuleibe zu rücken und die verängstigte Bevölkerung zum befreienden Amüsement über die kriminelle Krake einzuladen.
"Schutzgeld für alle!" fordert die Redaktion und dekliniert die Mafia-Kultur mit bösem Witz durch alle traditionellen Zeitungssparten durch: vom Kochrezept über Astrologie, Sport und Porträt bis zum Kommentar.Vom Mut, sich gegen die Schutzgelderpressungen zu wehren, sind auch Palermos Geschäftsleute ergriffen: mehr als hundert von ihnen haben sich in der Bewegung "Addiopizzo" ("Schutzgeld adieu!") zusammengeschlossen und weigern sich, auf die Schutzgeldforderungen der Mafia einzugehen. Immer mehr Ladenbesitzer - ob Reisebüro, Hotel, Bar oder Apotheke - schließen sich der Initiative an. Die Bevölkerung wird aufgefordert, kritisch zu konsumieren, das heißt, dort ihre Einkäufe zu machen, wo man sich dem Schutzgeldsystem verweigert.
Solidarität mit Schutzgeldverweigerern
Begonnen hat alles im Jahr 2005: Über Nacht wurde Palermo mit kleinen, schwer ablösbaren Aufklebern übersät. Darauf hieß es: "Solidarität mit denen, die das Schutzgeld verweigern: Zeigt die Erpresser an!" und "Ein ganzes Volk, das Schutzgeld zahlt, ist ein Volk ohne Würde."
Edoardo Zafferto, Initiator von "Addiopizzo"
"Wir waren eine Gruppe junger Leute, die eine Bar eröffnen wollte", erzählt Edoardo Zafferto, Initiator von "Addiopizzo". "Dabei haben wir uns gefragt, was passiert, wenn man von uns Schutzgeld verlangt. So entstand die Idee, diese Aufkleber zu drucken und sie in ganz Palermo zu kleben. Inzwischen gehören sie hier zum Alltag." Damit begann eine kleine Revolution. Geschäftsleute und Händler Palermos schlossen sich der Initiative an und erklärten, das Schutzgeld zu verweigern. So auch Piero Onorato von der Buchhandlung Broadway, der bekennt: "Ich denke einfach nicht an die Gefahr. Und ich glaube, für uns Geschäftsleute ist das etwas Unausweichliches, eine irgendwie natürliche Sache. Es ist ein Ausdruck von Zivilisiertheit."
Maurizio Vara, Hotelier aus Palermo
Zu denen, die der Mafia die Stirn bieten, gehört auch der Hotelier Maurizio Vara. "Für mich ist es so: Wer sich wehrt und wer die Mafia anzeigt, lebt besser", meint er. Der couragierte Widerstand ist die Antwort auf eine blutige Vorgeschichte, auf eine brutale Attentatsserie in den 90er Jahren, auf die empörende Hinrichtung der legendären Ermittlungsrichter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino. Seit 2005 erscheint monatlich in Palermo die Satirezeitschrift "Pizzino", die sich ausschließlich der Mafia widmet. Ihr mutiger Chefredakteur ist Gianpiero Caldarella. In der Redaktionstube in Palermos Altstadt gilt das Motto: Null Respekt vor der ehrenwerten Gesellschaft.
Böser Spaß mit der Mafia
Gianpiero Caldarella, Chefredakteur des "Pizzino"
"Pizzino ist eine satirische Zeitschrift, die nicht dafür betet, die Mafia möge verschwinden, sondern die die Mafia verflucht und verdammt", sagt Caldarella. "Denn die Mafia zu bekämpfen, können wir nicht nur jenen überlassen, die dafür zuständig sind. Unsere Aufgabe ist es, klarzumachen, dass die Mafia weniger wert ist als die Löcher in unserer Hosentasche." Die Pizzino-Redaktion ist ein kleines kreatives Team. Die Mafia wird für Pizzino zum bösen Spaß, gefürchtete Killer werden der Lächerlichkeit Preis gegeben. In der Anfangsnummer riefen sie den "Pizzo Day", den Schutzgeld-Tag, aus. Sie kümmern sich um korrumpierte Politiker, begrüßen den frisch inhaftierten Mafiaboss Provenzano in Form eines Fußabtreters.
Leonardo Vaccaro, ein weiterer Pizzino-Redakteur erklärt: "Wir benutzen die Ästhetik der Werbung. Wir locken den Leser damit auf unsere Spur. Vielleicht erkennt er erst langsam die Ironie. Was wir wollen, ist, den König, also den Mafiaboss, splitternackt zeigen."
Die Kampagne in Palermo zeigt erste Wirkungen. Die alte Angst vor den Mafiabossen hat sich in Empörung und Wut gewandelt. Endlich spricht man offen über die Mafia. Zwar kann man es nicht verhindern, dass die Geschäfte weiter laufen, doch ihre Macht in den Köpfen der Menschen ist gebrochen.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Der Bericht für "Titel, Thesen, Temperamente" von Reinhold Jaretzky

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29.06.2006 / Reinhold Jaretzky für ttt / bs
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