Schwieriges Gedenken
Sinti und Roma kämpfen nach wie vor um Anerkennung
Modell der geplanten Gedenkstätte für die Sinti und Roma
Im Juni 1936, anlässlich der Olympiade, begann die Sammlung und Deportation der Berliner Sinti und Roma in das Lager Marzahn, wo zeitweise bis zu 1000 "Zigeuner" unter Extrembedingungen leben mussten. Nur zwei Familien blieben übrig, alle anderen wurden nach Auschwitz deportiert. Das offizielle Gedenken setzt erst jetzt ein. Ein Hinweisschild auf dem Marzahner Gelände soll an die Verbrechen erinnern. Der Berliner Landesverband erinnerte kürzlich mit einer Gedenkveranstaltung an die Deportationen vor 70 Jahren.
Marianne Rosenberg, die sich selbst vor nicht allzu langer Zeit als Sinti "outete" singt bei der Veranstaltung im Abgeordnetenhaus. Für die Sängerin und ihre Schwester Petra, die Vorsitzende des Landesverbandes, ist dieses Gedenken auch ein ganz persönliches: "Es ist für mich sehr bewegend heute hier im Namen des Landesverbandes deutscher Sinti und Roma, vor allem aber als Tochter meines Vaters Otto Rosenberg zu Ihnen zu sprechen", sagt sie bewegt.
Pünktlich zur Olympiade 1936 sollte die Reichshauptstadt von den so genannten Schandflecken gesäubert werden. Otto Rosenberg war neun Jahre alt, als er nach Marzahn verschleppt wurde. 1943 kam er nach Auschwitz. Für die meisten Sinti und Roma war das das Todesurteil. Rosenberg war einer der wenigen, die überlebten. Später verarbeitete er seine Erlebnisse in einem Buch und engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma. Petra Rosenberg zeigt uns das Gelände des Lagers, das erst 1987 als Zwangslager anerkannt wurde. Zynisch sprach man von einem "Zigeunerrastplatz".
Opfer zweiter Klasse
Petra Rosenberg, Vorsitzende des Landesverbandes Sinti und Roma, Berlin Brandenburg
"Das war ja ein Hohn! Das nannte sich Rastplatz", erklärt Petra Rosenberg. "Nach dem Motto, Sinti und Roma, die so genannten Zigeuner leben sowieso irgendwo auf Plätzen, machen dort Rast. Dieser Sprachgebrauch, dieses Wort, was sich eigentlich im Nationalsozialismus geprägt hat, das hat man dann auch noch nach 1945 verwandt, da sprach man ebenfalls noch von Rastplatz." Späte Reue. Erst seit Mitte Juni 2006 erinnert eine Tafel an das Lager. Es ist ein Erfolg für die Roma und Sinti, die sich noch immer als "Opfer zweiter Klasse" fühlen.
Erst 1982 Völkermord anerkannt
Wolfgang Benz, Historiker
"Bis Ende der 70ger Jahre war die Öffentlichkeit mehr oder minder davon überzeugt, dass es dieser Bevölkerungsgruppe ganz recht geschehen sei, dass sie diese Verfolgung erlitten habe, erklärt der Historiker Wolfgang Benz. "Die Sinti und Roma hatten keine Lobby. Bis zur Bürgerrechtsbewegung in den 70er Jahren kümmerte sich niemand darum. Deshalb dauerte die Diskriminierung dieser Minderheit unendlich lange an." Kaum zu glauben: Erst 1982, 37 Jahre nach Kriegsende, hat die Bundesregierung die Verfolgung und Ermordung der Roma und Sinti offiziell als Völkermord anerkannt. Jahrzehnte lang kämpften die Sinti und Roma für die Errichtung eines zentralen Mahnmals für die 500.000 Opfer. Im Jahr 2001 wurde endlich der Bau beschlossen. Hinter dem Reichstag soll es errichtet werden - nach einem Entwurf des israelischen Künstlers Dani Karavan. Doch es gab Auseinandersetzungen um die Inschrift: Wie sollte der Wortlaut heißen, mit dem alle Volksgruppen einverstanden wären? Die Bezeichnung "Zigeuner" möchte die Mehrheit nicht auf dem Mahnmal sehen. Für sie ist es eine Beleidigung. Sie selbst haben sich nie "Zigeuner" genannt.
"Zunächst einmal soll man ein Volk so bezeichnen, wie es sich selber bezeichnet", meint der Historiker Wolfgang Wippermann. "Wir möchten ja auch nicht als Bosch, Krauts, Hunnen oder dergleichen mehr bezeichnet werden. Das Volk heißt Roma, der Stamm, der hier zuerst war, Sinti, daher die Doppelbezeichnung Sinti und Roma. Alle Fremdbezeichnungen, auch Gypsy, sind negativ konnotiert. Es gibt im amerikanischen Englisch sogar ein Verb 'to gyp somebody', 'jemanden betrügen'."
Protest gegen Mahnmal-Kompromiss
Der Vorschlag von Kulturstaatsminister Bernd Neumann
Anfang Mai 2006 schien endlich ein Kompromiss gefunden: Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma einigte sich mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann auf folgenden Wortlaut: "Wir gedenken aller Roma, die im nationalsozialistisch besetzten Europa dem planmäßigen Völkermord zum Opfer gefallen sind." Nur von "Roma ist im Kompromiss die Rede. Sofort kam Protest. Die Sinti-Allianz besteht weiter auf dem umstrittenen Sammelbegriff "Zigeuner". Doch jetzt regt sich in den Landesverbänden, und damit auch in Teilen des Zentralrats Widerspruch. Man will die Formulierung Roma und Sinti durchsetzen. "Unser Berliner Landesverband ist damit nicht einverstanden, aber auch die anderen Verbände nicht", sagt Petra Rosenberg. "Und auch die Sinti und Roma sind damit nicht einverstanden. Wir haben diesbezüglich mit dem Zentralrat gesprochen. Der Zentralrat wird demnächst ein Treffen mit der Bundesregierung wieder neu vereinbaren."
Kulturstaatsminister Neumann wollte sich gegenüber "Kulturzeit" zum neuen Stand der Diskussion nicht äußern, der Streit um die Inschrift geht weiter. Ein für die Sinti und Roma verträglicher Konsens muss noch gefunden werden. Da ist es wenig hilfreich, wenn der Vorsitzende des Bundeskulturausschusses, Hans Joachim Otto, droht, dass man "das Ganze eben abblase, wenn ein Teil der Betroffenen gegen das Denkmal protestiere". "Dieser Standpunkt kann natürlich immer hervorgekehrt werden. Nach dem Motto: Wer zahlt, schafft an", so der Historiker Wolfgang Benz. "Aber er wird keinen Frieden bringen, und er wird nicht das, was die Mehrheit will, und das, was die Minderheit will, nämlich ein würdiges Gedenken an die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft und an die Opfer nationalsozialistischen Völkermords. Das kann man nicht erzwingen."
Erinnerungsdiskurse sind langwierig und schmerzhaft. Und so wird es vielleicht noch lange bei einem Entwurf bleiben, bis ein für alle Bevölkerungsgruppen der Sinti und Roma akzeptabler Wortlaut gefunden ist.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



"Kulturzeit extra: Feld der Erinnerung - das Mahnmal, der Holocaust und die Deutschen"


Otto Rosenberg
"A Gypsy in Auschwitz"
Allison & Busby 2002
ISBN: 1902809025
17,95 €

Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma / Zentralrat der Sinti und Roma

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20.06.2006 / Kirsten Esch für Kulturzeit / se
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