"So war es nicht!"
Wie ehemalige Stasi-Mitarbeiter die Vergangenheit beschönigen
Das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen
Das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen war Schauplatz eines der bittersten Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Am Anfang stand die stalinistische Entnazifizierung, ab 1951 die Einkerkerung so genannter Staatsfeinde und Saboteure. In Hohenschönhausen waren mehr als 40.000 Gefangene bis zum Ende der DDR inhaftiert. Das Areal - heute eine Gedenkstätte - bedeutete die Endstation für zahllose Oppositionelle und gescheiterte Flüchtlinge. Die Erinnerung an die Opfer ist für die Täter eine Provokation.
"Es war für die Betroffenen eine Stelle, wo sich die gesamte Gewalt und Macht des Staatssicherheitsdienstes für den Einzelnen, der dort eingesperrt wurde, offenbarte", erklärt der Historiker Jochen Staadt. "Der Gefangene hatte keinen Kontakt nach außen, wenn die Stasi es nicht wollte. Es sind dort Leute auch unter DDR-Gesichtspunkten unter gesetzeswidrigen Bedingungen festgehalten worden."
DDR ein Rechtsstaat?
Über 40 Jahre war Hohenschönhausen eine Tabuzone. Kein DDR-Stadtplan verzeichnete den riesigen Komplex aus Gefängnis, zahlreichen Dienststellen und mehr als 2500 Mitarbeitern. Jetzt sollen Informationstafeln das einst geheime Sperrgebiet im Dienste der kommunistischen Diktatur markieren. Für bis heute linientreue Genossen ist das ein Frevel. Die wenigsten haben sich wegen ihrer Stasivergangenheit vor einem Gericht verantworten müssen. Neu ist die Mobilmachung gegen eine öffentliche Geschichtsaufarbeitung im Bezirk. Sogar Ex-Mitarbeiter der DDR-Spionage, wie der letzte Leiter Werner Großmann, unterstützen die Front der Weißwäscher und Ewiggestrigen aus der Abteilung Inneres und Repression. Die DDR war angeblich ein Rechtsstaat.
Keinerlei Unrechtsbewusstsein mehr
Hubertus Knabe, Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen
Wolfgang Schmidt vom Insider-Komitee des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) hat es vom Stasi-Offizier inzwischen zum Filmberater geschafft. Er ist einer der rührigsten, wenn es darum geht, das Image seines alten Arbeitgebers aufzupolieren. Hubertus Knabe, der Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, glaubt, die Zeit der Scham sei vorbei. "Sie haben keinerlei Unrechtsbewusstsein. Das leichte schlechte Gewissen Anfang der 90er Jahre ist verflogen. Zum zweiten ist der Erfolg der Gedenkstätte eine Provokation. Die Reisebusse zu sehen und zu wissen, dass hier jedes Jahr 140.000 Menschen durchgehen." Und der Historiker Jochen Staadt ergänzt: "Man kann es historisch vergleichen mit der Zeit Anfang der 60er Jahre, wo man auch diese Stimmung hatte von ehemaligen Funktionsträgern des NS-Regimes, die den jungen Leuten immer erklärt haben: So war es nicht. Es ist im Grunde genommen eine Verzweiflungstat. Diktaturen hinterlassen solche Kreaturen, die nicht einsehen wollen, was sie angerichtet haben."
Noch immer an den Diensteid gebunden
Die Überzeugungstäter propagieren heute noch ein lupenreines "MfS-amtliches" Geschichtsbild, initiieren regelrechte Kampagnen gegen Historiker wie Hubertus Knabe, schreiben Briefe an Schulleiter, nennen die Gedenkstätte ein "Gruselkabinett voll lügnerischer Behauptungen". Die meisten leben noch im Gebiet rund um das einstige Gefängnis. Wie Günther Bohnsack, einst selbst im Dienste des MfS. Für ihn stehen seine Ex-Genossen im allerletzten Gefecht: "Der Knast ist ein Synonym für die ehemalige Existenz des MfS, ein unrühmlicher Fixpunkt. Er wird fast zum Monument der Gemeinsamkeit hochstilisiert. Die wollen, glaube ich, einfach einen Schlussstrich für sich selbst ziehen und werden unruhig und aggressiv über diese Rückblende in ihre Vergangenheit." In dem Film "Das Leben der anderen" von Florian Henckel von Donnersmarck hilft ein Stasi-Mann seinem Opfer, endet geläutert, aber als kleines Würstchen. Eine optimistische Prognose. Noch immer fühlen sich nämlich viele MfS-Mitarbeiter an ihren Diensteid gebunden, so der ehemalige Anstaltsleiter von Hohenschönhausen, Rataizik. 1959 verpflichtete er sich, auch nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst, nie auch nur ein Wort, das dem MfS schaden könnte, zu verlieren.
Als Zeitzeugen unentbehrlich
Jochen Staadt, Historiker
"Den Geist der Unterwerfung unter vorgegebene Befehle gibt es, glaube ich, noch", meint Bohnensack. "Der ist viel schlimmer als der Korpsgeist. Wenn der General X den Befehl gibt, dann rennen die Leute wieder los und glauben, der Eid sei wieder in Kraft, der Befehl hätte wieder Bestand." Sie haben sich immer an Recht und Ordnung gehalten, im Zweifel an Befehl und Gehorsam. Kameraderie steht Geschichtsaufarbeitung allerdings im Weg. "Wir befragen natürlich als Historiker auch Mitarbeiter als Zeitzeugen", so Jochen Staadt. "Und diese Aussagen müssen kritisch bewertet werden. Dazu gibt es genügend Unterlagen, die man beiziehen kann, um zu sehen, wo diese Leute die Wahrheit sagen, wo sie lügen. Aber als Zeitzeugen sind sie wichtig, weil es viele Dinge gibt, die nicht schriftlich festgehalten oder mündlich abgesprochen wurden. Nur wenn es um knifflige Fragen geht, schweigen die Zeitzeugen meistens."

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


"Das Leben der anderen"
Deutschland 2005
Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Darsteller: Martina Gedeck, Ulrich Mühe, Sebastion Koch, Ulrich Tukur
Kinostart D: 23.03.2006
A: 13.04.2006


Der "Ausschuss für Arbeit und Soziales" hat im Bundestag gerade mit den Stimmen aller Fraktionen außer der Linken beschlossen, dass ehemalige Stasi-Mitarbeiter Ausgleichs-
zahlungen für so genannte Dienstbeschädigungen bekommen, d.h. für Verletzungen waehrend der Arbeit. Sie würden damit behandelt wie Mitarbeiter der "Nationalen Volksarmee", der Polizei, Feuerwehr und des Strafvollzugs. Rund 800 Stasi-Leute erhalten diese Gelder. An einer Opfer-Rente werde noch gearbeitet.

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05.04.2006 / Benedict Maria Mülder für Kulturzeit / se
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