Die neue Selbstzensur
Der Karikaturen-Streit und seine Folgen
Demonstration gegen Mohammed-Karikaturen  © dpa
Als Folge des Karikaturenstreits häufen sich die Fälle von Zensur und Selbstzensur. Fühlen sich einige bedroht, so geht es anderen auch um ganz andere Motive. Wenn der Kölner Kardinal Joachim Meisner Gotteslästerung als "Verbrechen gegen den Menschen" bezeichnet und sagt, die Meinungsfreiheit habe Grenzen, so möchte er auch eine mögliche Kritik an der katholischen Kirche in die Schranken weisen. Der Kampf um die Meinungsfreiheit ist viel grundsätzlicher, als es der Streit um die Mohammed-Karikaturen vermuten lässt.
Mit einem T-Shirt mit aufgedruckten Mohammed-Karikaturen hat der italienische Minister Roberto Calderoli Ende Februar bei einem Fernseh-Auftritt noch einmal kräftig nachgelegt. Mit fatalen Folgen: In Libyen stürmten Demonstranten das italienische Konsulat. Elf Menschen kamen dabei ums Leben.
Freiwilliger Verzicht auf Selbstverständlichkeiten
Der Karikaturen-Streit hat zu nie geahnten Dimensionen verletzten Stolzes geführt, zu Ausbrüchen von Hass, Handelsboykott und Morddrohungen. Jetzt üben wir Verzicht bei Dingen, die früher selbstverständlich waren. So gab es im Karneval dieses Jahr keine Wagen, die religiöse Gefühle hätten verletzen können - weder muslimische noch christliche.
Bei der Kölner "Stunksitzung" hielt man eine Papst-Szene für so provozierend, dass sie bei der Fernseh-Übertragung gestrichen wurde. Ist das vorauseilender Gehorsam? Vielleicht auch bei der Pop-Band Oomph. In ihrem Lied "Gott ist ein Popstar" singen sie: "Vater unser im Himmel, geheiligt werde die Lüge, mein Fleisch verkomme, mein Wille geschehe..." - und dürfen deshalb am 12. März doch nicht bei der Echo-Verleihung auftreten. RTL hat die Band wieder ausgeladen. Und der WDR hat das Lied aus seinem Radioprogramm verbannt.
Plötzlich wird mit Moral argumentiert
Auch bei Kinofilmen wird plötzlich mit Moral argumentiert. Den türkischen Film "Tal der Wölfe" nennen Politiker wie Edmund Stoiber "hetzerisch gegen den Westen". Er hat dazu gefordert, den Irak-Kriegs-Film abzusetzen. Gleiten wir ab in die Selbst-Zensur? Mit dem Argument, uns selbst und andere schützen zu wollen? Die FSK prüft bei "Tal der Wölfe", ob sie die Altersgrenze auf 18 heraufsetzt. Doch geht es in der Diskussion um den Film nicht eigentlich um viel mehr?
Auch Künstler bekommen die neue Vorsichtigkeit zu spüren. Gregor Schneider durfte im vergangenen Jahr bei der Biennale in Venedig aus Angst vor terroristischen Anschlägen seinen Kubus in Form der Kaaba nicht zeigen. Genauso wenig wie vor dem Museum Hamburger Bahnhof in Berlin.
Und es geht noch weiter: Die Inszenierung "Europa für Anfänger" des Kölner Schauspielhauses muss im März auf ein Gastspiel in Istanbul verzichten. Der deutsch-türkische Wirtschaftsverband hat den Auftritt untersagt. Aus Angst vor zu provokanten Szenen. Wo fängt Sensibilität im Umgang mit religiösen Themen an? Wo hört sie auf? Und wohin führt ein freiwilliger Verzicht auf künstlerische Freiheit?

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Das Kulturzeit-Gespräch mit dem Soziologen Armin Nassehi (09.03.2006)


Wirbel um Mohammed-Karikaturen: Wie weit darf Pressefreiheit gehen?

Wer hat Angst vorm schwarzen Würfel? Gregor Schneider und sein "Cube Venice 2005"
Groll auf den Westen: Serdar Akars umstrittener Film "Tal der Wölfe"

09.03.2006 / Sarah Zierul für Kulturzeti / hs
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