Wer hat Angst vorm schwarzen Würfel?
Gregor Schneider und sein "Cube Venice 2005"
Gregor Schneider konnte seinen "Cube" noch nicht verwirklichen
Der deutsche Künstler Gregor Schneider gewann mit seiner Installation "Ur" auf der Biennale 2001 den Goldenen Löwen. 2005 hatte er in Venedig weniger Glück. Sein Projekt "Cube Venice 2005" wurde - angeblich wegen Terrorgefahr - von der Stadtverwaltung abgelehnt. "Cube Venice 2005" war als schwarz verhüllter Kubus von 14 Metern Kantenlänge geplant, der auf dem Markusplatz in Venedig hätte stehen sollen - Assoziationen an die Kaaba in Mekka und an das schwarze Quadrat von Malewitsch ausdrücklich nicht ausgeschlossen.
Ein Würfel ist ein Würfel, ist - kein Würfel: Ein schwarzer Kubus versetzt die (Kunst)-Welt in Angst, obwohl er noch gar nicht gebaut ist. 2005 wollte Gregor Schneider auf der Biennale Venedig mit seinem "Cube Venice" auf den Markusplatz. Bewusst hat er in sein Konzept die Assoziation mit der Kaaba in Mekka einbezogen, dem heiligsten Ort des Islam, zu dem jährlich Millionen Gläubige pilgern.
Venedig fürchtete Terrorgefahr
In Venedig sollte der Cube ursprünglich stehen  © AP
Doch Venedig verhinderte das Kunstwerk, mit der Begründung: Terrorgefahr. Übrig blieb eine spärliche Videoprojektion. "Die Idee, mit dem schwarzen Kubus die Kaaba zu assoziieren, kam von einem Moslem", sagt Schneider. "Als Reaktion auf die negative Presselawine in Venedig hat der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime sich offen für dieses Projekt ausgesprochen. Er hat klar gesagt, dass es nicht verboten ist, die Kaaba darzustellen."
Hamburger Bahnhof gibt Absage
Auch vor das Museum für zeitgenössische Kunst Hamburger Bahnhof in Berlin darf Schneider den schwarzen Würfel nicht stellen. Nach anfänglich konstruktiven Gesprächen und Zusagen vom Leiter des Hamburger Bahnhofs, wurde der Plan von dessen Chef, dem Generaldirektor der Berliner Museen, Peter Klaus Schuster verworfen. Die offizielle Begründung: Der Hof vor dem Hamburger Bahnhof wäre eine Schwächung der Arbeit, Venedig der ideale Standort gewesen. Schuster selbst äußert sich zu seiner Ablehnung nicht.
Hamburger Bahnhof in Berlin
Der Leiter des Hamburger Bahnhofs, Eugen Blume, sagt, er habe mit Schuster gesprochen. "Ich habe die Bedenken gewissermaßen verstanden. Ich habe sie respektiert. Ich bin hier kein freier Mensch, der in seinem Bereich entscheidet. Es gibt eine gewisse Pflicht, gegenüber den Strukturen und ich akzeptiere die Strukturen."
Verdacht auf Angst und politisches Kalkül
Was bleibt, ist ein vermeidbarer Schaden, und der Verdacht, dass der Kubus - genau wie in Venedig - aus Angst und politischem Kalkül nicht gebaut wird. "Das heißt, die Idee, etwas zu zeigen, was die Kaaba sein könnte, hat schon zu einem vorauseilenden Gehorsam geführt", stellt der Projektleiter "Cube", Michael Staab, fest. "Zu sagen: Es könnte ja jemand abfackeln oder es könnte jemand Schneider bedrohen, oder die Biennale oder den Hamburger Bahnhof. Das finde ich schon einen sehr weitgehenden vorauseilenden Selbstschutz, der da stattfindet."
Gregor Schneider
Nachdem klar gewesen sei, dass der Kubus, so wie er für Venedig geplant war, verboten wurde, habe er alternative Vorschläge gemacht, berichtet Schneider. "Einen weiß verhangenen schwarzen Kubus, der auch dokumentiert hätte, dass ein schwarzer Kubus zur Zeit nicht gebaut werden kann. Ich hätte den Kubus so gebaut, wie er heute möglich ist, weil diese Form unsere Situation dokumentiert."
Diskussion wird unterdrückt
Das alles zeigt, wie schwierig es heute ist, ein Kunstwerk zu zeigen, das sich auf Motive der islamischen Welt bezieht. Momentan wird die Diskussion über Schneiders Werk unterdrückt. Je mehr der Konflikt zwischen den Kulturen sich aufheizt, desto mehr Angst vor dieser Diskussion entsteht. "Spätestens seit dem Angriff auf zwei Symbole der westlichen Welt, ist diese Symbolpolitik in ihre heiße Phase getreten", bemerkt der Philosoph Thomas Macho. "Vorher konnte man über Kopftücher und Kruzifixe heftig streiten, ohne damit Ängste zu schüren. Das hat sich massiv geändert. Seit den jüngsten Anschlägen, Aufregungen, Irritationen steht auch zu befürchten, dass die Panik im Bezug zu diesen symbolpolitischen Auseinandersetzungen eher zunimmt als abgeschwächt wird."
Die Kaaba in Mekka  © reuters
In dieser Situation erscheint ein Kunstprojekt sinnvoll, das subtil in den Kern einer Problemlage zielt. Dabei aber sowohl Bezüge zur Kaaba hat, als auch zur westlichen Moderne, eines schwarzen Quadrates von Kasimir Malewitsch. Gerade jetzt träfe ein solches Kunstwerk in die Mitte eines dringend notwendigen Diskurses.
Gregor Schneider gibt nicht auf
Gregor Schneider hat nicht die Statur, vorschnell aufzugeben. Schon sein "totes Haus Ur" war ein gewichtiges Projekt. Ein verbautes Haus, das den Betrachter in klaustrophobe Räume zwingt. Dafür bekam er in Venedig 2001 den Goldenen Löwen. Schneider beschäftigt sich manisch mit Räumen und ihren Wirkungen auf den Menschen. Er will den Kubus verwirklichen, auch wenn der Weg dahin mühsam ist.
"Bestimmte Sachen, die mich beschäftigen, muss ich machen, um sie loszuwerden", sagt er. "Auch erfolglose Projekte treiben einen weiter. Ich glaube an diese wunderbare Idee, dass diese freie Skulptur die Verbindung zwischen Kulturen dokumentiert." Wenn die angespannte Situation die Diskussion weiterhin lähmt, wäre das für die Freiheit der Kunst ein Desaster. "In gewisser Weise wäre das dann das Ende der Kunst, weil dann das eintritt, was manche Avantgardisten auch wollten, nämlich, dass die Kunst nur noch für sich selber da ist", sagt Macho. "Das heißt, losgelöst von Politik, Religion, Naturwissenschaften. In dem Augenblick wäre 'l’art pour l’art' vollendet, aber die Kunst selber so tot, wie sie toter nicht sein kann." Um das zu verhindern, sollte Gregor Schneiders Kubus nicht ein Opfer der Angst werden und zeigen können, ob er ein gutes Kunstwerk ist.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

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03.03.2006 / Peter Schiering (Kulturzeit) / hs
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