Schluss mit lustig
Wie der Karneval sich selbst zensiert
Angela Merkel als Superfrau ist erlaubt - Kritik an Religionen ist in diesem Jahr auf den Karnevalsumzügen tabu  © dpa
Es ist etwas faul - und nicht nur im Staate Dänemark, sondern auch in Mainz und in Köln am Rhein. Helau, Alaf kann einem im Mund stecken bleiben, denn die Narren haben Angst: keine satirischen Anspielungen auf Mohammed, die Ajatollahs und jetzt sogar keine Witze mehr über die katholische Kirche. Das geschieht ohne große Kämpfe. Die obersten Jecken, viele Komiker, sogar Programm-Verantwortliche des öffentlich rechtlichen Fernsehens geben ohne große Diskussionen klein bei. Narrenfreiheit war einmal. Die tollen Tage sind vorbei.
Unter den Karnevalisten hat der Karikaturenstreit seine Spuren hinterlassen. Angst vor Überreaktionen der Glaubensfanatiker hat sich breit gemacht. So wird es in Düsseldorf auf dem diesjährigen Rosenmontagszug keine Wagen mit Kritik an Religionen geben.
Aus Bedenken wird schnell Selbstzensur
In Köln hat die Narrentruppe Stunksitzung schon seit vielen Wochen einen Sketch über Schleichwerbung bei einem islamischen Selbstmordattentäter im Programm. Seit es vor wenigen Tagen die ersten Schlagzeilen gab, fordern Lokalpolitiker den Sketch abzusetzen. Die Macher halten an ihrem Programm fest, doch sie spüren auch, wie schnell aus Bedenken Selbstzensur werden kann. Auch ein Streit, den die Stunksitzung mit der katholischen Kirche hat, erscheint heute in neuem Licht. Als Kommentar zum Weltjugendtag hatten zwei Kabarettisten den Kölner Erzbischof und den Papst als selbstgefällige Popstars inszeniert. Die offizielle Kirchenzeitung protestierte gegen eine "fiese, unappetitliche Szene", mit der die Kirche in den Dreck gezogen würde und der WDR Fersehdirektor entschied, den umstrittenen Sketch nicht in der TV-Übertragung zu zeigen.
Auch das Kölner Schauspielhaus hat schon seine Erfahrungen im Streit um religiöse Symbole gemacht. Sein Erfolgsstück "Europa für Anfänger" wollte eigentlich Werbung für den EU-Beitritt der Türkei machen. Das Stück sollte in Istanbul aufgeführt werden, doch der deutsch-türkische Wirtschaftsverband hat die Kölner wieder ausgeladen - aus Angst davor, dass nach dem Karikaturenstreit manche Szenen zu provokant seien.
Die Bilder von brennenden Botschaften und wütenden Glaubensfanatikern sowie die Angst vor Missverständnissen haben in den Köpfen der Künstler und Narren Grenzen gezogen.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Wirbel um Mohammed-Karikaturen: Wie weit darf Pressefreiheit gehen?

24.02.2006 / Kulturzeit / hs
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