"Mehr schuften als schaukeln"
Ein Kommentar von Wladimir Kaminer
Wladimir Kaminer, selbst Vater eines schulpflichtigen Kindes  © dpa
Der Besuch eines Sonderberichterstatters der Uno-Menschenrechtskommission löste bei vielen Bildungspolitikern in Deutschland Verunsicherung aus. Der Vorsitzende des Bundeselternrats, Steinert, sagte hingegen, die unzureichende Förderung von Migrantenkindern und Schülern aus armen Familien sei durch Studien immer wieder belegt worden. Die Inspektionsreise von Munjoz sei ein Signal an Bund und Länder, endlich die soziale Schieflage zu beseitigen. Ein Kommentar des deutsch-russischen Schriftstellers Wladimir Kaminer:
Nun ist es so weit, der Revisor kommt. Die internationale Gemeinschaft macht sich Sorgen um Deutschland. Sie schickt einen Sonderbeauftragten aus Costa Rica hierher, der vor Ort klären muss, ob das deutsche Bildungssystem nicht Menschenrechte verletzt. Ob das im Grundgesetz eingeschriebene gleiche Recht auf Bildung tatsächlich gewährleistet ist.
Lernen, lernen, lernen!
Diese Schmach haben wir der Pisa-Studie zu verdanken, bei der die deutschen Schüler traditionell schlecht abschneiden. Zum Glück hatte sich die Uno noch keine Pisa-Tests für Erwachsene einfallen lassen, sonst wären die Blauhelme hier schon längst einmarschiert. Ich als zweifacher Vater, der täglich mit dem deutschen Schulwesen zu tun hat, kann diese internationale Aufregung gut nachvollziehen. In der totalitären Sowjetunion wurden wir als Kinder in der Schule gedrillt ohne Ende, mit sechs Unterrichtsstunden ab erste Klasse. Auf den Wänden unseres Klassenzimmers hing ein Bild von Lenin statt Mickey Maus mit Unterschriften wie "Bildung ist alles" und "Lernen, lernen und lernen". Hier im demokratischen Deutschland, traue ich mich oft gar nicht, die Kinder zu fragen, was sie heute gelernt haben.
Seit drei Jahren geht meine Tochter zur Grundschule. Sie schleppt jeden Morgen einen schweren Ranzen mit sich, doch jedes Mal, wenn ich sie frage: "Was habt ihr denn heute gelernt?", sagt sie entweder "gebastelt" oder "gemalt" oder - ganz altklug: "Wir machen ein Projekt". Fast jeden Tag bekommen wir die Früchte dieser Bastelei geschenkt. Zusammen mit dem Brief der Klassenlehrerin, wir sollen dringend noch mehr Papier, Plastilin und Farben kaufen, die sind nämlich schon wieder alle. Die eigentliche Ausbildung geht nur sehr langsam voran. Anstatt alle vorhandenen Wissensbestände der Gesellschaft mit dem Hammer der Pädagogik in die kleinen Köpfe reinzuhacken, wird gesungen und getanzt und auf dem Hof herumgehopst.
Erwachsene lassen sich nicht umerziehen
Natürlich kommen die Kinder aus unterschiedlichen Familien in die Schulen, natürlich sind sie unterschiedlich vorbereitet und haben nicht die gleichen Vorkenntnisse. Es würde einem leicht fallen, die Eltern für das schlechte Abschneiden ihrer Kinder verantwortlich zu machen. Doch die Erwachsenen lassen sich leider nicht mehr umerziehen, die Kinder dagegen schon. Es wird kein Menschenrecht verletzen, wenn in den Schulen mehr geschuftet als geschaukelt wird. Dann werden auch die Bürger und vielleicht sogar die Uno den pädagogischen Absichten des deutschen Staates mehr Vertrauen schenken.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Bildungsbarometer - Kulturzeit macht eine bildungspolitische Bestandsaufnahme


Der Kommentar von Wladimir Kaminer als RealVideo(13.02.2006)

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13.02.2006 / Wladimir Kaminer für Kulturzeit / se
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