Was können Privatschulen besser?
Die Pädagogin Enja Riegel tritt mit neuem Konzept der Pisa-Misere entgegen
Bildung an Privatschulen - ein Ausweg aus der Bildungsmisere?  © ap
Heruntergekommene Schulen, frustrierte Schüler, schlechte Leistungen: Pisa hat alarmierende Defizite der Schüler in Deutschland zutage gebracht. Die Pädagogin Enja Riegel will nun auf der Basis privater Finanzierung eine integrierte Gesamtschule gründen, die im Schuljahr 2006/2007 den Betrieb aufnehmen soll. Sind Privatschulen eine Antwort auf die Probleme, die durch die Pisa-Studie wachgerufen worden sind?
"Ich bin jetzt 66 Jahre alt. Ich kann keine öffentliche Schule mehr leiten. Aber ich habe noch Lust, Schule zu machen, deshalb eine Privatschule", begründet die Pädagogin ihre Entscheidung. "Ich finde, es ist notwendig, dass wir gerade jetzt etwas für Kinder und Jugendliche machen, und dass wir den Beweis antreten, Schule in Deutschland kann auch ganz anders sein und zu hervorragenden Ergebnissen führen."
Lernen für's Leben
Dass Schule gelingen kann, hat Enja Riegel bereits gezeigt. Mit einer staatlichen Einrichtung, die sie 20 Jahre lang geleitet hat: der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, integrierte Gesamtschule und Modellschule des Landes Hessen. Bei den Pisa-Tests hat sie als beste Schule Deutschlands abgeschnitten. Hier lernen Kinder selbständiges Lernen, unterstützt von einem Lehrerteam, das einen Jahrgang von der fünften Klasse bis zum Schulabgang begleitet. Das ermöglicht individuelle Förderung und verlässliche menschliche Beziehungen. Die Schule fungiert als Lebensraum und Ort für unterschiedlichste Erfahrungen. Ältere Schüler leisten Sozialarbeit - etwa in Altersheimen. Der alte Spruch, dass man "für's Leben lernt, und nicht für die Schule", macht hier plötzlich Sinn. Und das Modell hat längst Schule gemacht. Selbst aus Korea reisen Delegationen an, um das Erfolgsgeheimnis zu lüften. Warum etwa Schüler erfolgreich sind, obwohl oder gerade weil sie anstelle von Unterricht Theater spielen. Etwas, was die Schule nur dadurch finanzieren kann, dass die Schüler nach Schulschluss selbst putzen. Enja Riegel hat dieses Schulmodell entwickelt. Jetzt reicht ihr das nicht mehr.
"Ich denke, die Möglichkeiten einer Privatschule sind einfach die größeren Spielräume", so Riegel. Dort könne man Dinge erproben, "ohne durch lange Anträge und Wartezeiten und durch Erlasse gegängelt zu werden". Doch durch Schulgeld finanzierte Privatschulen sind nicht unumstritten. Für Bildungsforscher Frank-Olaf Radtke haben sie ihre reformatorischen Zeiten längst hinter sich gelassen. "In den 60er und 70er Jahren waren Privatschulen noch Alternativschulen, die ein reformpädagogisches Programm zu realisieren suchten", erklärt Radtke. "Heute sind Privatschulen ein Versuch von Eltern, sich aus dem unterfinanzierten, aus ihrer Sicht nicht besonders erfolgreichen Schulsystem herauszukaufen."
Bildungschancen abhängig von sozialer Herkunft
Pisa hat gezeigt: In Deutschland hängen Bildungs- und Lebenschancen wie in kaum einem anderen Land von der sozialen Herkunft ab. Dem gegenwärtigen Bildungssystem gelingt es nicht, diese Benachteiligung auszugleichen. Rund neun Millionen Schüler staatlicher Schulen standen im letzten Schuljahr zwar nur rund 600.000 Privatschüler gegenüber. Während aber in Staatsschulen, auch wegen der geringen Geburtenrate, die Zahl der Schüler weiter abnimmt, steigt die Zahl der Schüler an privaten Schulen jedes Jahr an. Ist das demokratische Ideal von der Schule für alle längst Vergangenheit? In der deutschen Bildungstradition ist Schule seit jeher eine staatliche Aufgabe gewesen. Doch die Ökonomisierung scheint nun auch hier Einzug zu halten. "Wenn man sich überlegt, dass Bildung ein besonderes Gut ist, das sich von den anderen Gütern, um die wir in Verteilungskämpfe eintreten - also auch Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, andere Konsumgüter - dann ist Bildung insoweit ein besonderes Gut, als es die Voraussetzungen überhaupt schafft, dass Menschen an den Verteilungskämpfen in der Gesellschaft teilnehmen können", so der Bildungsforscher Radtke. "Und deswegen sagen Bildungstheoretiker, Bildung sei so etwas wie ein vorgelagerter Bereich, der aus der Konkurrenz und aus der Verteilung eines knappen Gutes ausgenommen sein sollte."
Auch Enja Riegel sieht die Verantwortung für Bildung beim Staat. Ihre geplante Schule vergleicht sie gern mit einem Forschungslabor großer Industrieunternehmen. Im Kleinen wird hier erprobt, was später im Großen funktionieren soll. Im Modell klappt das schon gut - mit Schülern, die auch Tiere halten und Gemüse anbauen. Außerdem ist ein Gästehaus geplant, das von den Schülern bewirtschaftet werden soll. "Man lernt eher, dass man Verantwortung übernehmen muss", ist Enja Riegel überzeugt, "nicht nur für die nächste Klassenarbeit, sondern damit Pflanzen, Tiere und Menschen gedeihen können. Ich glaube, diese Realitätsnähe zeichnet die Privatschule gegenüber dem aus, was an staatlichen Schulen möglich ist".
Die Umsetzung allerdings ist kein einfaches Unterfangen, denn die ersten drei Jahre muss die Schule ohne staatliche Förderung auskommen. Auch das Grundstück ist noch nicht gekauft. Das alles verursacht Kosten, die auf die Schüler umgelegt werden müssen, und damit das Schulgeld in die Höhe treiben. Inwieweit Stipendien letztlich eine sozial ausgewogene Mischung schaffen, und es damit tatsächlich eine Schule für alle wird, muss sich in der Praxis zeigen.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



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07.02.2006 / Britta Nüsse (Kulturzeit) / se
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