Süchtig nach dem Cyberspace
Wie Internetjunkies in China von der Sucht befreit werden
Internetcafes öffnen das Tor in eine andere Welt  © ap
Versagensängste, Leistungsdruck - immer mehr chinesische Jugendliche flüchten aus der harten Realität in die virtuelle Welt des Cyberspace. Und viele davon verlieren die Kontrolle. Sie kapseln sich ab und tauchen ein in eine Scheinwelt, weil sie Angst haben vor der Wirklichkeit: Sie sind internetsüchtig. Im Militärkrankenhaus in Peking versuchen Ärzte wie Tao Ran, solche Teenager wieder zu resozialisieren. Denn "die Computersucht ist ein ernstzunehmendes Problem für die Gesellschaft", so Tao Ran.
Vielen der Cyberspace-Junkies fällt es schwer, sich die Sucht einzugestehen. Stundenlang sitzen sie täglich in Internetcafes, oft sogar tagelang vor dem heimischen Rechner, können nachts nicht mehr schlafen, werden aggressiv und verschließen sich völlig der Außenwelt. Denn die ist brutal und setzt Kinder und Jugendliche unter enormen Leistungsdruck - in der Schule wie auch zuhause.
Flucht in die Ruhe einer Parallelwelt
Das Milliardenvolk spaltet sich durch den chinesischen Wirtschaftsboom in Gewinner und Verlierer. Wer versagt, bleibt auf der Strecke. Daher flüchten sich die Einzelkinder der Nation - zumeist Schüler und Studenten - in die virtuelle Parallelwelt, wenn der (Lern-)Stress zu groß wird. Nur im Internet finden sie Ruhe. Und die ratlosen Eltern suchen in ihrer Verzweiflung Hilfe bei Dr. Tao Ran. Dieser tritt den Süchtigen mit einer Therapie und einer täglichen Injektion eines speziellen Cocktails entgegen, dessen Zusammensetzung unter das Militärgeheimnis fällt. Immerhin, so sagen die Ärzte, liegen die Heilungschancen bei 80 Prozent.
Das Erschreckende an den Internetjunkies sei vor allem der "Verlust von moralischen Werten", so Tao Ran. Die Jugendlichen seien extrem aggressiv und von großer Zerstörungswut. Die Schuld dafür sieht er in den Computerspielen: "Im Cyberspace ist alles erlaubt., Recht und Moral existieren dort nicht. Alles ist verfügbar: Frauen, Macht, Ruhm und Geld", erklärt der Miliärarzt. Die Helden der Internet-Spiele werden in China sogar verehrt wie Popstars. Einer dieser Internet-Idole unterrichtet die Ärzte des Militärkrankenhauses, damit diese die Sucht besser verstehen lernen. Er erklärt, dass bereits die Computerspiele-Hersteller ihre Produkte so konzipieren, dass man möglichst lange dabei bleiben muss. Denn je länger jemand online sei, desto mehr verdienten sie. Ein Teufelskreis - aus dem vor allem jüngere Spieler sehr schwer alleine wieder herauskommen, wie die Patientenzahlen bei Dr. Tao Ran belegen.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Rund 18 Millionen Amerikaner sind süchtig nach dem Internet. In Deutschland sind Schätzungen zufolge etwa drei Prozent aller Online-Nutzer kaum vom Computer wegzubewegen. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche, dabei vor allem männliche.

Die Arbeiter in der Fantasy-Welt - Können Computerspiele Kultur und Gesellschaft verändern?
Macht Computerspielen dumm? - Studie: Zu viel Medienkonsum lässt schulische Leistungen abfallen
Trash-TV als positive Gehirnwäsche - Bestsellerautor Steven Johnson glaubt nicht an die Verdummung durch Popkultur
Warum ich fühle, was du fühlst - Spiegelnervenzellen sind für unser Empfinden mit verantwortlich

26.01.2006 / Kulturzeit / se
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / Kulturzeit [E-Mail]