Die vergessenen Opfer
Stalin ließ fast 1000 Deutsche heimlich hinrichten
Dietrich Schopen in seiner ehemaligen Zelle im Schweriner Untersuchungsgefängnis
Seit kurzem gibt es auf dem Moskauer Friedhof Donskoi einen Gedenkstein für sie: die vergessenen Opfer der Stasi und Stalins. Bis 1953 wurden mindestens 927 Deutsche nach Russland verschleppt und hingerichtet. Russische Menschenrechtler und deutsche Historiker geben nun in einem Totenbuch den Opfern ihre Identität wieder und belegen, wie willkürlich die Stasi Menschen an Stalins Geheimdienst MGB auslieferte. Die Überlebenden Dietrich Schopen und Eduard Lindhammer, die als Oberschüler systemkritische Flugzettel verteilten und dafür verschleppt wurden, erinnern sich.
Eines Nachts im Sommer 1950 klopfte es forsch an die Pensionstür des Oberschülers Dietrich Schopen: "Ich schaute nach vorne raus, und da standen schon etliche Männer in langen, dunklen Mänteln. Da wusste ich: Jetzt ist Feierabend, jetzt holen sie dich ab." Der damals 19-Jährige wusste noch nicht, dass er die nächsten Jahre in einem sibirischen Straflager verbringen würde. Zunächst brachte ihn die Stasi jedoch in ein Schweriner Untersuchungsgefängnis. Und mit ihm auch viele andere Bürger, unter anderem seinen Mitschüler Eduard Lindhammer. Schopen und Lindhammer hatten nachts mit Schulkameraden Flugblätter verteilt, auf denen sie "Freiheit durch Freie Wahlen in Ost und West" forderten. Für die Stasi waren dies allerdings "antidemokratische Hetzzettel".
"Der wird wohl heimlich in den Westen abgehauen sein"
Der "antidemokratische Hetzzettel"
Als Handlanger Stalins erfüllte die Stasi dessen Auftrag, "Feinde des Kommunismus" zu jagen, äußerst gründlich. Anfang der 50er Jahre verschwanden Studenten der neugegründeten Freien Universität Berlin spurlos. Studentenzeitschriften gaben jahrelang Vermisstenanzeigen auf, besorgte Eltern schrieben Briefe an die DDR-Behörden. Was sie nicht wussten: Ihre Kinder und Kommilitonen waren in der Regel längst tot. Die Briefe blieben unbeantwortet oder es wurde lediglich ein lapidarer Kommentar abgegeben. Eduard Lindhammer dazu: "Nach meiner Inhaftierung in Schwerin saß ich unten im Keller, und meinem besorgten Vater haben sie gesagt: 'Der wird wohl heimlich in den Westen abgehauen sein'."
Noch im Schweriner Justizpalast wurden Dietrich Schopen und Eduard Lindhammer von einem sowjetischen Militärtribunal zu 25 Jahren Straflager verurteilt. Beide überlebten das Arbeitslager und kehrten mit den letzten Kriegsgefangenen Mitte der 50er Jahre nach Deutschland zurück. So viel Glück hatten die meisten anderen nicht.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

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06.12.2005 / kulturzeit / sl
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