Explosive Geheimsache
Wollte George Bush Al Dschasira bombadieren lassen?
Proteste gegen Bush vor Al-Dschasira-Zentrale Doha in Katar  © dpa
Im April 2003 wird das Büro des arabischen Fernsehsenders Al Dschasira in Bagdad bombardiert. Ein Korrespondent kommt ums Leben, ein Kameramann wird verletzt. Bereits im Jahr 2001 war das Al Dschasira-Büro in Afghanistan von den USA zerstört worden. Nur ein Unfall oder Teil der Kriegsstrategie?
Nicht nur große Teile der arabischen Welt glauben an Absicht. Präsident Bush persönlich soll dem US-kritischen Fernsehsender Al Dschasira gedroht haben. So geschehen im Gespräch mit Tony Blair im April 2004 in Washington, wie der britische "Daily Mirror" unter Berufung auf eine geheime Mitschrift des Gespräches berichtet. "Die geheime Gesprächsnotiz ist fünf Seiten lang und berichtet über ein Treffen zwischen George Bush und Tony Blair im Weißen Haus im April 2004", sagt Kevin Maguire, politischer Redakteur beim "Daily Mirror". "Es ist eine breitgefächerte Diskussion, in der es um den Irak und um den Mittleren Osten geht. Und es beinhaltet einen explosiven Inhalt: Bush droht damit, den Fernsehsender Al Dschasira zu bombardieren."
Al-Dschasira, Sprachrohr der Terroristen?
Kann jemand, der die Freiheit in die Welt tragen will, die Pressefreiheit bombardieren? Immer wieder hatte Al Dschasira, das arabische CNN und die Stimme von über 50 Millionen Arabern, kritisch über den Krieg gegen den Terror berichtet und so den Unmut der Bush-Administration auf sich gezogen. Die USA sehen Al Dschasira als Sprachrohr von Terroristen und als Erfüllungsgehilfen Osama Bin Ladens. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erklärte, Al Dschasira habe die Angewohnheit, immer und immer wieder Propaganda zu senden. "Wenn eine Bombe eingeschlagen ist, nehmen sie Frauen und Kinder und tun so, als ob Frauen und Kinder getroffen wurden."
Am 28. November, bei einer Konferenz im Londoner Presseclub, übergibt der Generaldirektor von Al Dschasira in der Downing Street Nr. 10 ein Memorandum. Darin fordert er eine sofortige Aufklärung der Vorwürfe und die vollständige Veröffentlichung der Geheimnotiz. "Ich will es immer noch nicht glauben", sagt Wadah Khanfar, Generaldirektor der Al Dschasira. "Aber ich fordere eine Untersuchung über die Angelegenheit. Und ich finde es wichtig für uns Journalisten, die Fakten zu kennen. Immerhin wurden unsere Büros bombardiert. Wir haben bis heute keine Untersuchung darüber. Wir fordern sie, wir werden sie weiter fordern, bis klar ist, was wirklich passiert ist."
Presse unter Druck gesetzt
Unklar ist bis heute auch, was in der streng geheimen Gesprächsnotiz noch steht. Bush und Blair sollen auch kontrovers über den damaligen Sturm auf die irakische Rebellenhochburg Falludja gesprochen haben. Der "Daily Mirror" wollte weitere Auszüge des brisanten Memos drucken. Doch die britische Regierung untersagt unter Androhung des Official Secrets Act, dem Gesetz über das Amtsgeheimnis, die vollständige Veröffentlichung. Obwohl das Dokument Blair entlastet, schlägt die Affäre hohe Wellen und könnte das Ansehen des Premierministers sowie das britisch-amerikanische Verhältnis weiter belasten. Daher wird die Presse stark unter Druck gesetzt.
"Wir hatten dem Büro des Premierministers gesagt, dass wir die Bush-Story über die Bombardierung Al Dschasiras drucken wollen", so Kevin Maguire vom "Daily Mirror". "Wir haben absolut keine Stellungnahme bekommen - weder offiziell noch inoffiziell. Nach der Veröffentlichung schlug die Stimmung dann um. Wir wurden plötzlich eingeschüchtert mit juristischen Mitteln, dem Official Secrets Act. Das ist das erste Mal, dass einer Zeitung damit gedroht wurde, seit Blair Premierminister ist. Entweder hat sich die Regierung geirrt, oder sie haben die Drohung der Veröffentlichung nicht ernst genommen. Oder das Weiße Haus ist aufgewacht und befürchtet, dass weitere brisante Einzelheiten des Treffens an die Öffentlichkeit kommen."
Druck auf Blair wächst
Mittlerweile gibt es erste Bauernopfer: Zwei Beamte stehen wegen der Weiterleitung und der Entgegennahme geheimer Regierungsdokumente vor Gericht. Die Affäre um das geheime Gesprächsprotokoll schlägt hohe Wellen. Auch der Druck auf Toni Blair wächst, das gesamte Dossier freizugeben. Denn: Es könnte fatale Folgen für das Engagement Großbritanniens im Irak haben. So wächst auch der Druck auf die USA, die beschuldigt werden, Al Dschasira, die freie Stimme der arabischen Welt, als Zielscheibe benutzt zu haben.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Islamwissenschaftler Michael Lüders im Gespräch über Al Dschasira und die erste deutsche Geisel im Irak (29.11.2005)

Bush, Islam und Video-Tapes: Wie Al Dschasira Nachrichten macht
Design für Al Dschasira: Münchner Agentur gibt Sendern neues Erscheinungsbild
Kurier des Propheten? Der arabische Sender Al Dschasira zwischen allen Fronten

29.11.2005 / Kamran Safiarian (Kulturzeit) / se
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / Kulturzeit [E-Mail]