Wohlhabend lernt leichter
Neue Pisa-Studie belegt, dass Akademikerkinder bessere Bildungschancen haben
Muss man reich sein zum Schlauwerden?  © dpa bildfunk
Die am 3. November veröffentlichte Pisa-Studie belegt längst Bekanntes: Akademikerkinder haben in Deutschland weitaus bessere Bildungschancen als Kinder aus Arbeiterfamilien. Zudem leben im Osten verhältnismäßig wenige Ausländerkinder, die vielerorts in West-Deutschland besonders schlecht schulisch integriert werden. Hierzulande sind Schulleistungen wie sonst nirgendwo an die Herkunft gekoppelt.
Biologie-Unterricht in der 12. Klasse an der Sophie-Scholl-Oberschule in Berlin-Schöneberg, einem Bezirk mit großen sozialen Unterschieden. Das zeigt sich auch bei den Schülern. Melina ist 17 Jahre alt, ihr Vater ist Elektriker, ihre Mutter Hausfrau. Ihre Mitschülerin Nadja ist ebenfalls 17, die Eltern sind Akademiker, der Vater Lehrer, die Mutter Schulleiterin. Melina hat noch drei Geschwister - zu viel Ablenkung, um dort zu Hause zu lernen, sagt sie. Außerdem gibt es auch kaum Bücher oder Lernhilfe durch die Eltern.
Da hat es Nadja eindeutig leichter, wenn sie im Unterricht etwas nicht verstanden hat, kann sie zu Hause mit Hilfestellung rechnen. "Meine Mutter kann mir Materialien aus der Schulbibliothek mitbringen", sagt sie. Bezahlten Nachhilfeunterricht hätte sie auch schon gehabt. Egal ist das Thema Schule weder den einen noch den anderen Eltern. Aber während im akademischen Lehrerhaushalt Unterstützung selbstverständlich ist, sehen das Melinas Eltern anders. "Meine Eltern finden Schule schon wichtig", sagt Melina, "aber so wirklich interessieren sie sich nicht dafür, ich habe immer alles alleine gemacht."
Eigener Wille gleicht vieles aus
Die finanziellen Verhältnisse der Eltern sind sehr unterschiedlich, entsprechend sind auch die Möglichkeiten der Kinder. Die sozialen Unterschiede und ihre Auswirkungen beobachten auch die Schüler selbst in ihrem Umfeld. "Leute mit wenig Geld haben es schwer", erklärt Nadja. "Sie kriegen keine Nachhilfe und sind in der Oberstufe fast alle weg." Melina kann ihrer Situation aber auch einen Vorteil abgewinnen: "Das bereitet einen auf das spätere Leben vor, das muss man ja auch selbst in die Hand nehmen." Der Praxistest beweist die These: Kinder gebildeter, finanziell besser gestellter Familien haben es leichter, gute Leistungen zu erbringen. Aber auch wahr ist: Der eigene Wille der Jugendlichen gleicht vieles aus. Dennoch: Wird Bildung jetzt Privatsache? Und verkommt Chancengerechtigkeit zu einer Utopie?

Kulturzeit: montags bis freitags um 19.20 Uhr



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03.11.2005 / Annette Poppenhäger (Kulturzeit)
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