Forschung in Fesseln
Wie die US-Industrie die Freiheit der Wissenschaft bekämpft
Das Problem von Elite-Wissen in einer Demokratie wurde bereits im Talmud behandelt. Heute hat die Wissenschaft weitgehend Gott als Quelle der Weisheit abgelöst. Aber nicht immer passen ihre Erkenntnisse zu den politisch gewollten Vorgaben. Ein Beispiel dafür ist die US-Regierung unter George W. Bush. In den USA, dem Land der Freiheit, werden Informationen über wissenschaftliche Erkenntnisse manipuliert, um unbequeme Wahrheiten zu unterdrücken oder um eine konservativ-religiöse Agenda zu unterstützen.
Bilder von Hurrikanen sind im US-Fernsehen ein festes Ritual mit Spitzenquoten. Davor, dass Wetterkatastrophen durch die Erderwärmung begünstigt werden, hat die Forschung schon lange gewarnt. Vergeblich jedoch bei einer Regierung, die die Erderwärmung als "größten Betrug an den US-Bürgern" bezeichnet hat. Dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht beachtet, ja sogar bekämpft werden, ist nicht neu. Die Tabak-Industrie etwa bestritt jahrzehntelang, dass Rauchen ungesund ist. Und Ronald Reagan ignorierte bei seiner "Aktion Star Wars", dem gescheiterten Raketen-Abwehrsystem im All, die Kritik der Wissenschaftsgemeinde. Sie hielt das System für aberwitzig.
Wissenschaftliche Erkenntnisse verfälscht
Kurt Gottfried
Doch erst unter Bush sahen sich zahlreiche der besten US-Wissenschaftler genötigt, öffentlich gegen die Wissenschaftspolitik ihrer Regierung zu protestieren: "Die Bush-Regierung hat wissenschaftliche Erkenntnisse in einer Art verfälscht und fehlinterpretiert, wie wir das zuvor in der amerikanischen Geschichte noch nicht erlebt haben", sagt Kurt Gottfried vom Verband besorgter Wissenschaftler. "Man muss eines klar unterscheiden: Alle Regierungen treffen politische Entscheidungen, die mit dem Forschungswissen unvereinbar sind. Doch es ist etwas ganz anderes, wenn die Regierung wissenschaftliche Erkenntnisse verfälscht, um eine Entscheidung zu rechtfertigen, die sich wissenschaftlich nicht halten lässt."
Chris Mooneys Buch "The Republican War on Science"
Neben dem Big Business ist es die Religion, deren Erkenntnisse Bush mehr bedeuten als die der Wissenschaft. So befürwortete er etwa gerade das so genannte Intelligent Design für den Biologieunterricht. Es attackiert die allgemein akzeptierte Evolutionslehre von Darwin als ungenügend: Unsere komplexe Welt ließe sich nur durch einen "intelligenten Designer" erklären, sprich Gott. Nicht nur an Elite-Universitäten wie Princeton betrachtet man besorgt den saloppen Umgang der Regierung mit wissenschaftlichen Fakten. Der Journalist Chris Mooney hat Ende September ein vieldiskutiertes Buch zum Thema veröffentlicht: "Der republikanische Krieg gegen die Wissenschaft".
Chris Mooney
"Der Krieg gegen die Wissenschaft bedient sich verschiedener Techniken", erklärt Mooney. "Das Ziel ist immer das gleiche: Man attackiert die Information, die einem nicht passt oder den Wissenschaftler, der sie veröffentlicht. Bei der Studie einer Regierungsbehörde kann man die Studie redigieren, ihre Aussage verändern oder sie gleich ganz unterdrücken."
Techniken der Manipulation
Shiriki Kumanyika
Für alle diese Techniken gebe es Beispiele: Beim Thema Abtreibung war es die Irreführung. Eine Regierungs-Internetseite erweckte wahrheitswidrig den Eindruck, als würde Abtreibung das Brustkrebsrisiko erhöhen. Ein anderes Beispiel ist die angesehene Ernährungswissenschaftlerin Shiriki Kumanyika von der University of Pennsylvania. In einer Studie für die Weltgesundheitsbehörde hatte sie Unglaubliches empfohlen: Gemüse und Obst seien gesünder als zu viel Fett und Zucker. Die Folge war eine Rufmord-Kampagne der Zuckerindustrie: "Für die Leute, die einen attackieren, gelten andere Regeln als für Wissenschaftler", sagt Kumanyika. "Ich mache nur Aussagen zu Dingen, für die ich Belege habe, und bin darin sogar noch konservativ. Aber die Ankläger behaupten wilde Dinge, alles, was ihnen in den Kram passt, und manchmal klingt das für Laien dann ganz glaubwürdig. Und wir müssen dann diese Behauptungen widerlegen und sind auf einmal in der Defensive."
Wissenschaftler, deren Erkenntnisse konservativen Christen oder der Wirtschaft missfallen, haben es in den USA heute erheblich schwerer als Lobbyisten: Ihnen gelang unter Bush ein wichtiger Durchbruch: das "Daten-Qualitäts-Gesetz". Es ermöglicht der Industrie, Forschungs-Studien früh zu kritisieren und neue Analysen zu verlangen, ein tödliches Rezept zur "Paralyse durch Analyse".
Geld vom Big Business
Jim Tozzi
Der Vater des Gesetzes ist Jim Tozzi, Leiter des Zentrums für effektive Regulierung. Das klingt unabhängig, doch Tozzi macht keinen Hehl daraus, woher der Dollar rollt: "Jeder steckt in der Tasche von irgendjemandem und bekommt einen Scheck, außer man ist reich und hat Geld geerbt, doch dann steckt man in der Tasche seiner Vorfahren", meint Tozzi. "Wir bekommen unsere Schecks von der Industrie. Doch sie schreibt uns nicht vor, was wir sagen sollen. Wir haben viel Ermessensspielraum. Natürlich: Sollten wir länger Dinge tun, die der Industrie nicht gefallen, würde uns zweifellos das Geld gestrichen. Ja, wir bekommen unser Geld vom Big Business." Und bislang war der Mann mit dem Fernrohr für die Investoren jeden Cent wert.
Ein wichtiges Instrument neben Gesetzesregelungen wie dem "Daten-Qualitäts-Gesetz" sind Think Tanks wie etwa das Enterprise- oder das Cato-Institut: Hier gelangen konservative Forscher zu oft eher dubiosen Erkenntnissen, die eines gemeinsam haben: Sie stützen auf wundersame Weise stets die Argumente von Big Business und Regierung.
Unerwünschte Ergebnisse werden bekämpft
An den Universitäten herrscht zwar immer noch die Freiheit der Forschung. Doch unerwünschte Ergebnisse werden ignoriert oder bekämpft. Und immer mehr Spitzenforscher scheiden als Berater für die Regierung aus. "Es besteht wirklich die Gefahr, dass die hervorragenden staatlichen Wissenschaftsorganisationen wie die 'National Institutes for Health' oder die 'Centers of Desease Control' untergraben werden", sagt Gottfried. "Das sind Weltklasse-Institute, die über Jahrzehnte, über Generationen hinweg aufgebaut wurden. Es dauert sehr lange, eine wirklich erstklassige Wissenschaftsorganisation aufzubauen. Doch wenn man sie demoralisiert, kann sie sehr schnell zerstört werden."
Viele US-Forscher hoffen, dass der Kampf der Republikaner gegen die Wissenschaft vorüber geht und bald wieder Fakten über Ideologie triumphieren. Doch auch nach der Katastrophe in New Orleans gilt für Bush immer noch das Motto: Im Zweifel für die Industrie.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



"Kulturzeit extra: Die Kultur der Freiheit"



"Freiheit" - Kulturzeit-Reihe im September 2005

Darwin als Sündenbock: Das "Intelligent Design" entfesselt Streit um die Religionsgeschichte
Gottes Werk und Darwins Beitrag: Über den Versuch, Evolution als Schöpfungsgeschichte zu erzählen

06.10.2005 / Dominique Gradenwitz für Kulturzeit / hs
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