Abstieg in die Armut
Arbeitslosigkeit als Grund für die soziale Verelendung
Warten auf Arbeit  © ap
Das Kapital braucht seine Arbeiter nicht mehr: Ihre Arbeitsplätze sind ins Ausland ausgelagert, die Menschen aber bleiben hier. Rund 4,8 Millionen Deutsche sind ohne Arbeitsplatz - eine Belastung gerade für die Familien. Es gibt immer mehr Hartz IV- Empfänger, dabei ist nur die Hälfte von ihnen nicht ausgebildet: Das birgt sozialen Sprengstoff und private Tragödien.
Ist das monatliche Einkommen der richtige Maßstab, um die Situation der Arbeitslosen einzuschätzen? Arbeitslosengeld II: Das bedeutet 345 Euro plus Miete und Heizkosten im Monat. Wie soll man davon leben? Besonders hart trifft es die Kinder der Arbeitslosen. Sie träumen davon, regelmäßig essen zu können zu Hause, dass die Mütter sich um sie kümmern können und es weniger Stress gibt.
Die Ausgegrenzten
Richard Sennett
Dieser Stress, die Scham und die Erfahrung, ersetzbar zu sein, erzeugt Wut und Hoffnungslosigkeit. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett sagt dazu: "Was wir nun erleben, ist eine neue Gruppe von Menschen, die sich ausgeschlossen und als Bodensatz der Gesellschaft fühlt." Er betont, dass es aufrechte und anständige Menschen seien, die nicht wie früher durch Fabrikschließungen arbeitslos wurden, und dass sie sich überflüssig fühlen. Die Ausgegrenzten treffen sich in Suppenküchen oder im Jobcenter. Früher war es eine andere Armut. Sie war lebensbedrohlich, heute ist sie es nicht, denn noch hält das Netz. "Das Brisante daran ist, dass sich mehr und mehr Menschen unsicher fühlen, angesichts der Tatsache, dass die Arbeitswelt sich ändert", sagt Richard Sennett von der „London School of Economics“. "Das kommt Menschen wie Immigranten zugute, die von fallenden Löhnen profitieren, von der Unsicherheit und der Arbeitslosigkeit."
Die Globalisierung fordert ihre Opfer, dabei gibt es auch von unten eine Bedrohung: durch billige Arbeitskräfte, die auf den Markt drängen. Deregulierung und Instabilität führen zu Entwurzelung und zur Zerstörung des Selbstwertgefühls, Angst macht sich breit, denn es gibt immer weniger Arbeitsplätze.
Rückzug ins Private
Ulrich Schneider
Ulrich Schneider vom "Paritätischen Wohlfahrtsverband" sieht in dem, was die Menschen als Ausgrenzen erleben, ein schlichtes "sich Zurückziehen". Das erlebe man gerade auch bei Menschen, die sehr unerwartet in die Armut hinein gerieten. Zum Beispiel bei den Menschen, die plötzlich von einem Tag zum anderen auf Beträge des Arbeitslosengeldes II angewiesen seien. Plötzlich sehe man diese Menschen nicht mehr. "Es gibt ein Zurückziehen, eine Form des sich Ausgrenzens als Reaktion darauf, dass man schlicht nicht mehr die Mittel hat, um teilhaben zu können“, sagt Schneider.
Axel Honneth
Gleichheit ist kein Ziel mehr für die Gesellschaft. Denn die Devise heißt: Jeder gegen Jeden. Wer Arbeit sucht, findet sie auch, so lautet das Vorurteil. Axel Honneth vom Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main, folgert daraus: „Im Augenblick hat die Armut die obszöne Seite, dass sie von den kulturellen Deutungssystemen, die existieren, eher als selbst verursacht auch noch interpretiert wird. Daher können die Eltern ihren Kindern keine Geschichte der Verursachung erzählen, die nicht auf sie zuläuft. "Sie sind nicht dazu in der Lage, eine Sozialdiagnose zu geben, eine Interpretation zu liefern, die es den Kindern wiederum vermitteln würde, dass ihre Eltern gar nicht die Verursacher sind."
Nichtstun stumpft ab
In der Suppenküche der Franziskaner in Berlin-Pankow
In der Suppenküche der Franziskaner in Berlin-Pankow "isst" die Armut. Hier ist das Scheitern und die Lebensentwürfe, die am Ende angekommen sind, greifbar. Bruder Antonius aus dem Franziskaner Kloster in Berlin-Pankow stellt fest: "Man glaubt gar nicht, wie schnell Menschen, die wirklich in ihrem Leben ihren Mann gestanden haben, nicht mehr in der Lage sind, irgendwann dann einmal drei Stunden am Stück zu arbeiten. Sie sind nicht mehr dazu in der Lage, ich denke, man stumpft durch Nichtstun sehr schnell ab und dann ist Feierabend."
Einmal unten - immer unten?
Kinder sind vom Abstieg der Eltern nachhaltig betroffen
Der Abstieg in das letzte Drittel der Gesellschaft - bedeutet einmal unten sein, immer unten? Vererbt sich das? Und heißt wenig Bildung wenig Disziplin und keine Perspektive? Dazu meint der Soziologe Paul Nolte von der Freien Universität Berlin: "Die verheerenden Folgen erleben wir im Grunde schon jetzt, und zwar seit einiger Zeit, wir haben ja jetzt schon Menschen in den 20ern und 30ern, die diese Karriere hinter sich haben. Möglicherweise sind sie selbst als Sozialhilfekinder groß geworden und gründen jetzt höchst fragile, der Armut preisgegebene Familien." Nolte fügt hinzu, dass die Neigung, Kinder zu bekommen fatalerweise in diesen Schichten größer sei als bei Akademikern und bei Gutverdienenden, so dass sich hier auch die Armut biologisch und demographisch leichter reproduziere. Wer schon als Kind in den fatalen Kreislauf reingeboren wurde, hatte wie die meisten sozial Schwachen ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch. Für mehr fühlt sich die Gesellschaft nicht verantwortlich.
Paul Nolte
Der Soziologe bezeichnet das als "fürsorgliche Vernachlässigung" und erklärt: "Tatsächlich ist es so, das von der Mehrheitsgesellschaft oder von der Politik, die das zur Verfügung gestellt hat, darin natürlich auch eine bestimmte Bequemlichkeit lag. Man stellte das Geld zur Verfügung und damit war es dann getan und das Problem schien gelöst." Nolte weiter: "Man musste nichts weiter machen, auch nicht genauer hingucken, was sich und wo sich da was vollzieht, aber auch umgekehrt bei den Empfängern, bei den Klienten von Wohlfahrtspolitik hat das auch das Gefühl bestärkt, wir werden ja versorgt." Das funktioniert nun nicht mehr - für beide Seiten. Der sogenannten Unterschichtkultur aus Passivität, Lethargie, Unbildung und Resignation wird der Kampf angesagt, und das birgt sozialen Sprengstoff.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Die Entsorgten - Wenn das Kapital die Arbeiter nicht mehr braucht



Hartz IV und die Folgen

03.08.2005 / Manfred Behrens für Kulturzeit / cj
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / Kulturzeit [E-Mail]