Mystikerin des Lassens
Philosophische Vitamine Teil 13: Teresa von Avila
Teresa von Avila (1515-1582) gilt als die größte Mystikerin aller Zeiten. Sie konnte in der Ekstase kochen und gleichzeitig mit Gelehrten philosophieren. Die spanische Karmeliterin fordert auf zum Loslassen. Nur wenn der Verstand zur Ruhe kommt, kann die Anwesenheit des Anderen - Gottes - gespürt werden.
Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan hat die spanische Mystikerin folgendermaßen beschrieben: "Die heilige Teresa - Sie brauchen sich nur in Rom die Statue von Bernini ansehen gehen, um sofort zu begreifen, dass sie genießt, da gibt es keinen Zweifel. Und wessen genießt sie? Es ist klar, dass das wesentliche Zeugnis der Mystiker ist, dass sie empfinden, aber davon nichts wissen. Diese mystischen Ergüsse, das ist weder Geschwätz noch Wortmacherei, das ist, was man lesen kann, vom Besten!"
Lernen, wie man nicht versteht
Teresa von Avila gehörte zum Orden der Unbeschuhten, den Karmelitern. Sie hat die engen Schuhe des kontrollierenden Verstandes ausgezogen. Die heilige Teresa ist eine Mystikerin des Lassens. Alles, was den inneren Fluss der Ekstase zur Vereinigung mit Gott, mit dem großen Anderen in der Seele, im Wege steht, gilt es zu lassen. Bei der Erfahrung des Anderen in der Seele stören eingefahrene Denk- und Verstehenskategorien. Es ist nach Teresa von Avila sogar zu lernen, wie man nicht versteht. Statt Verstehenszwang ist innere Ruhe und offene Wahrnehmung einzuüben.

"Der Herr schenkte es mir im Gebet, und es gefällt mir sehr. Im Gebet der Ruhe ist die Seele wie ein Säugling, dem seine Mutter eine Freude machen möchte, indem sie ihm Milch in den Mund träufelt, sodass er sich gar nicht anstrengen muss. So dringt auch der Herr ohne Verstandesbemühen in die Seele. Sie soll nur seine Anwesenheit erfassen, die Milch schlucken, die er ihr einflößt und wissen, dass er sie schenkt aus lauter Liebe."
(Teresa von Avila)
Gott kommt auf Taubenfüßen
Wer das Geschenk des großen Anderen in der Seele annimmt, dem wachsen neue, feinere Verstehens- und Wahrnehmungskräfte zu. Um die Anwesenheit des Anderen zu spüren, muss der Verstand zur Ruhe kommen. Gott kommt für die spanische Mystikerin leise, wie auf Taubenfüßen. Mystik ist nichts Anderes als eine Erfahrung der Stille, die nicht willentlich herbeigeführt werden kann. Sie ist ein Geschenk nach langer Übung. Für Teresa von Avila heißt das: "Gott genießen!"

"Wenn seine Majestät will, dass der Verstand seine Tätigkeit einstellt, beschäftigt er ihn auf eine andere Weise, indem er unser Verstehen erleuchtet, wie wir es niemals erreichen können."
Und weiter:
"In diesem Licht geht der Verstand ganz auf, und wir werden ohne sein Zutun besser belehrt, als wir es mit unseren Anstrengungen vermöchten, die ihn verwirren."
(Teresa von Avila)

Das philosophische Vitamin der spanischen Mystikerin: Rufe Deine inneren Engel auf und lerne, mit ihrer Hilfe nicht zu verstehen. Das Neue in der Seele, nenne es Selbst, das Andere oder wie die heilige Teresa "Majestät", ist mit alten Verstehensformen nicht zu erfahren. In der Begegnung mit seiner "Majestät", dem "Gott in uns" verändert sich das Verstehen von uns selbst, von den Anderen und nicht zuletzt von Leben.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Kulturzeit-Serie: Philosophische Vitamine


Theo Roos:
"Philosophische Vitamine"
Kiepenheuer & Witsch 2005
ISBN: 3462034758
8,90 €


Theo Roos im Gespräch über seine Philosophischen Vitamine auf der Leipziger Buchmesse 2005

05.04.2005 / Theo Roos für Kulturzeit / hs
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