Der Ehrenmord
Ein archaisches Ritual hat überlebt
Demonstration gegen Ehrenmorde in Berlin  © AP
In vielen Ländern ist nach traditioneller Vorstellung die Ehre eines Mannes abhängig von dem ehrbaren oder auch normgerechten Verhalten seiner weiblichen Familienangehörigen. Jedes Jahr werden überall auf der Welt Frauen und Mädchen getötet, meistens von Mitgliedern ihrer eigenen Familie - im Namen der "Ehre". Die so genannten Ehrenmorde nehmen auch hierzulande zu. Allein in Berlin sind in den vergangenen vier Monaten fünf junge Frauen von Familienangehörigen getötet worden, weil sie mit der Tradition gebrochen haben.
Hatun Sürücu musste sterben, weil sie die Ehre ihrer Familie verletzt hatte. Dabei wollte sie nur so leben wie andere Frauen. Der Mörder war vermutlich ihr eigener Bruder. Der Ehrenmord hat Deutschland aufgeschreckt - Mord im Namen von Kultur und Tradition. Was veranlasst Menschen, im Namen der Ehre zu töten?
Selbstjustiz im Namen der Ehre
Werner Schiffauer
"Klassischerweise bezeichnet die Ehre in Anatolien und im ganzen mediterranen Raum die Ehre eines Kollektivs, die Ehre einer Familie, eines Stammessegments", erklärt Werner Schiffauer, Ethnologe und Islamwissenschaftler. "Diese Ehre wird im besonderen Maße symbolisiert durch die Keuschheit der Frauen. Sie steht für die Integrität, für die Unantastbarkeit der Gruppe." Jede Verletzung dieser Keuschheit, ob mit oder ohne das Einverständnis der Frau, sei eine Verletzung der Integrität der Gruppe, so der Ethnologe. "Dann sind diejenigen, die die Stärke der Gruppe symbolisieren, gehalten, die Ehre wieder reinzuwaschen."

Der Ehrenmord der traditionell islamischen Stammesgesellschaften ersetzt zum Teil bis heute das Gewaltmonopol des Staates. Selbstjustiz im Namen der Ehre gibt es aber auch in mediterranen europäischen Gesellschaften. Die italienische Mafia oder albanische Gangs töten im Namen der Ehre. Es herrscht das Gesetz der Blutrache und ein Ehrbegriff, der Ehre und Körper als Einheit begreift.
Synthese von Körper und Ehre
Dagmar Burkhart
Auch wir hatten einmal die Synthese von Körper und Ehre, betont die Kulturanthropologin Dagmar Burkhart. Wir hätten sie durch die Menschenwürde und die Verrechtlichung von Ehrkonflikten überwunden. Doch im Gewohnheitsrecht der Stammeskulturen existiere die Synthese von Körper und Ehre auch noch in der Emigration.

Aber was ist das, "die Ehre", die zum Beispiel in Fontanes "Effi Briest" literarisch bearbeitet und von Fassbinder verfilmt wurde und die der Soziologe Pierre Bourdieu als "symbolisches Kapital" beschreibt? Ehre in Deutschland hat nach Fontane an Substanz verloren. Und doch wird sie scheinbar in Grenzsituationen herangezogen, um einen Ruf in der Öffentlichkeit zu wahren. "Soziologen haben Ehre zwischen Moral und Recht angesiedelt – eine Grauzone", sagt Burkhart. "Vieles, was unmoralisch und ehrlos ist, muss nicht gegen Gesetze verstoßen, im Gegensatz zur Würde."
Mord ist Mord
Auch im Mittelalter waren in Europa Ehre und Körper eins. Im ritterlichen Zweikampf wurde die Ehre durch Tötung wiederhergestellt. Auch die napoleonische Revolutionsarmee kannte noch den Begriff der Ehre. Selbst die Armeen des Ersten Weltkrieges traten noch damit an. In den jahrelangen Materialschlachten wurde der Ehrbegriff endgültig fiktional. Die Propaganda des Dritten Reiches benutzte den Ehrbegriff und versprach dem durch Versailles vermeintlich "entehrten" deutschen Volk seine "nationale Ehre" zurückzugeben. In den 60er und 70er Jahren verschwand der Begriff der Ehre aus der öffentlichen Diskussion. Er stiftete keine Identität mehr - mit Ausnahme des Sports. Sportheroen konnten für die Nation immer noch Insignien der Ehre entgegennehmen.

"Wir denken nicht mehr in den Kategorien der Ehre", sagt Werner Schiffauer. "Wir denken in Kategorien der Integrität, der Würde, des Stolzes. Alles ähnliche Begriffe wie Ehre, die alle andere kulturelle Regeln nach sich ziehen und einen anderen kulturellen Umgang." Im Grundgesetz taucht der Ehrbegriff nicht auf. Artikel 1 schützt die Würde des Menschen, nicht die Ehre. Trotzdem werteten deutsche Gerichte Morde aus Ehrmotiven als kulturbedingte Tat strafmildernd als Totschlag. Es dürfe keine tödliche Toleranz geben", fordert Dagmar Burkhart. "Mord ist Mord."

Die europäischen Gesellschaften haben sich bemüht, archaische Ehrvorstellungen zu beseitigen. Und doch sind sie wieder da. Wenn sie nicht kritisch hinterfragt werden, dann werden dem Mord an Hatün Sürücu weitere folgen. Mörder, auch Ehrenmörder dürfen nicht geduldet werden.
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09.03.2005 / Kamran Safiarian (Kulturzeit) / hs
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