Francos Konzentrationslager
Ein Dokumentarfilm arbeitet ein düsteres Kapitel spanischer Geschichte auf
General Franco  © staatliches informationsamt madrid
Dass die spanische Diktatur unter General Franco bei der Unterdrückung des Widerstands Konzentrationslager benutzte, ist in Spanien noch weitgehend unbekannt. Dieses dunkle Kapitel spanischer Geschichte wird nun erstmals in Form eines Dokumentarfilms aufgearbeitet. "Riejas en la memoria" ("Die Erinnerung an die Gitterstäbe") lautet der Titel des Films von Manuel Palacios. Nicht nur in Deutschland unter Hitler, auch in Spanien unter dessen Komplizen Franco gab es Konzentrationslager.
Manuel Palacios Film stützt sich auf die neuesten historischen Untersuchungen. Demnach existierten während der Diktatur insgesamt 104 Konzentrationslager, ein ganzes Netz. Franco ließ dort Regimegegner hinrichten, foltern, verhungern.
Javier Rodrigo, Historiker
Eine halbe Million Menschen war bereits zu Zeiten des Bürgerkriegs in KZs und Straflagern gefangen. Aber es waren nicht nur Spanier, die dieses Schicksal erlitten. "Während des Zweiten Weltkriegs flüchteten viele Menschen vor dem Naziterror Richtung Spanien", erklärt der Historiker Javier Rodrigo. "Aber sie kamen nicht in die Freiheit. Historischen Schätzungen zufolge internierten die Franquisten bis zu 70.000 Flüchtlinge in KZs. Unter anderem Franzosen, Juden, Tschechen, Polen, Amerikaner, Engländer."

Der Diktator kannte keine Gnade. Selbst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sah Franco keine Veranlassung seine Konzentrationslager aufzulösen. Das letzte KZ wurde erst 1962 geschlossen, heißt es im Dokumentarfilm. Zwangsarbeiter aus Straflagern sorgten für den Wiederaufbau des zerstörten Landes. Menschen, die sich für Demokratie und Republik eingesetzt hatten, wurden wie Sklaven behandelt. Beim Straßen, Kanal-, Brücken- oder beim Kirchenbau zum Beispiel.
Archive durchforstet
Manuel Palacios, Filmemacher
Die internationale Staatengemeinschaft wusste offenbar schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von den Konzentrations- und Straflagern des Franco-Regimes, tat aber nichts dagegen. Wie viele KZ-Häftlinge und Strafgefangene bis zum Tod des Diktators im Jahre 1975 exakt starben oder erschossen wurden, ist noch weitgehend unklar. Eine Leidensgeschichte unvorstellbaren Ausmaßes tut sich auf. Palacios fordert mit seiner Dokumentation endlich Aufklärung. "Die Erinnerung an die Menschen, die den Krieg gegen den Diktator verloren haben, die Geschichte der Besiegten wurde in Spanien praktisch ausradiert", sagt der Filmemacher.

Archive und Akten des spanischen Militärs hat der Dokumentarfilmer mit einem Historiker durchgeforstet. Doch es war nur ein bestimmter Teil des Archivs, der eingesehen werden durfte. Tonnenweise Akten aus der Schreckenszeit sind noch unter Verschluss. Spanien tut sich offenbar noch sehr schwer damit das öffentlich zu diskutieren, was wirklich in den 40 Jahren Diktatur geschehen ist. Die mächtige katholische Kirche war mit dem Diktator aufs engste verbündet. Der Staatsterror erhielt sogar den Segen des Vatikans. Selbst nach dem Krieg.

Blockiert wird die Aufarbeitung der Vergangenheit unter anderem von einer franquistischen Nationalstiftung, die das Erbe des Diktators weiterhin feiert. Die Stiftung verfügt über ein Archiv der Francoära, verweigert aber trotz Proteste den Zugang. "Diese Nationalstiftung hat die Archive praktisch gestohlen und konfisziert – im Namen des Diktators", sagt der Historiker Rodrigo.
Massengräber in ganz Spanien
Massengräber wurden im ganzen Land entdeckt. Auch auf dem Gelände von Konzentrationslagern. Die mühsame Ausgrabung und Identifizierung der Opfer hat inzwischen begonnen, so etwa auch in Burgos. Insgesamt sollen 30.000 Leichen in Massengräbern liegen. Die Erinnerung an die Folgen des Staatsterrors stellt die junge demokratische Nation auf eine Zerreißprobe. Die Emotionen liegen blank. Bisweilen werden sogar Drohungen laut. Ein Passant in Burgos meint: "Wenn die so weiter machen mit ihren Ausgrabungen, dann haben wir hier bald wieder einen Bürgerkrieg. Ja, ich glaube es wird wieder wie 1936. Und dann wird alles noch schlimmer kommen."
Franco-Denkmal in Madrid
Symbole, Denkmäler, Straßennamen aus franquistischen Zeiten gibt es im Land noch zuhauf. Im Zentrum Madrids sitzt der Diktator symbolisch noch fest im Sattel. Soll die Statue weg? Oder soll sie bleiben? Die Spanier sind gespalten. In der Bevölkerung herrscht eine große Unsicherheit beim Umgang mit der Franco-Ära. Im Zweifelsfall ist Verdrängung angesagt. Doch viele Spanier wissen einfach nichts, weil in den spanischen Schulen weder Bürgerkrieg noch Francozeit eingehend unterrichtet werden. "In meinen Augen haben die jungen Generationen Spaniens keinen Schimmer davon, was in diesem Teil der Geschichte wirklich passiert ist", meint ein weiterer Passant. "In Spanien wurde nach dem Tod des Diktators ein Pakt des Schweigens geschlossen zwischen den politischen Parteien und in weiten Teilen der Gesellschaft. Kann schon sein, dass der Übergang zur Demokratie noch nicht lang genug zurück liegt."
Betroffene Zuschauer
Der Dokumentarfilm von Manuel Palacios ist gerade in den spanischen Kinos angelaufen. In den Medien ist die Kinopremiere jedoch nur am Rande - wenn überhaupt - erwähnt worden. Auch dies ist ein Zeichen, das Bände spricht. Das Thema KZs in Spanien ist offenbar noch heute für einen Großteil der Bevölkerung tabu. Spanier, die von den Konzentrationslagern durch Familienangehörige erfuhren, durften bisher nicht darüber offen sprechen. Betroffen, konsterniert verlassen die ersten Zuschauer nach der Premiere den Kinosaal. Eine Zuschauerin meint: "Unglaublich, sie haben uns über die ganzen Jahre hinweg mit diesen Nazikonzentrationslagern terrorisiert. Und wir haben das dauernd ignoriert. Offenbar ignorieren wir das noch immer."

Dem Regisseur ist es gelungen, 40 ehemalige KZ-Häftlinge zum Sprechen zu bringen, die zum Teil über mehrere Jahrzehnte interniert waren. Auch namhafte Historiker und Journalisten kommen zu Wort. Der Regisseur will mit seinem einfühlsamen Film erzählen, was passiert ist. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist ein erster couragierter Schritt und höchste Zeit. Denn die Generation der Zeitzeugen stirbt langsam aus und mit ihr droht die Erinnerung an die Gräueltaten in den spanischen Konzentrationslagern für immer zu erlöschen.
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19.11.2004 / Kulturzeit / hs
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