Freiheit statt Vollbeschäftigung
Kulturzeit-Reihe: Hartz-Reise - Teil V
War es nur ein kurzer unerfüllbarer Traum, dass der Beruf mit der Tätigkeit zu tun hat, zu der sich jemand berufen fühlt? Dass Arbeit die Menschen, die sie leisten, erfüllen kann? Dass man eigene Fähigkeiten sinnvoll nutzt und neue wertvolle Fertigkeiten entwickelt?
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Kulturzeit-Reihe "Hartz-Reise"
"Es liegt in der Natur der menschlichen Arbeitskraft, dass sie nur einsetzbar ist und sich als nützlich erweist und brauchbar ist, wenn sie nicht nur arbeiten muss, sondern auch arbeiten will", sagt der Politologe Claus Offe. "Wenn sie die Bereitschaft aufbringt, sich in den Produktionsprozess einzubringen, und für sich die Chance sieht, Anerkennung, Selbstbewusstsein, soziale Integration - all diese guten Dinge, die Arbeitslosen fehlen - daraus zu gewinnen."
Entwertung der Arbeitskraft

Claus Offe
Foto Wird bald aus Arbeitszwang wieder Zwangsarbeit? 40 Prozent der Berufstätigen in Deutschland haben kein normales Arbeitsverhältnis mehr, sondern nur noch "prekäre Jobs": Billigjobs, Minijobs, Kurzarbeit, Leiharbeit, Schwarzarbeit. Nur eines scheint schlimmer: keine Arbeit. Welche Moral entspringt der Entwertung der Arbeitskraft? Wenn Arbeitskräfte zwangsweise durch eine Behörde unter Androhung schwerer Sanktionen - was das Transfereinkommen angehe - mit Aufgaben konfrontiert werden und diese Aufgaben schwer akzeptabel sind, dann sei es kein Wunder, dass "normale Arbeitskräfte" bockig werden, meint Offe.

Nur Maschinen sind perfekte Sklaven für unliebsame Arbeiten. Wenn sie bocken, werden sie repariert oder verschrottet. Rund um die Uhr läuft die Wertschöpfung wie von selbst. Eigentlich könnten wir alle mit diesem technischen Fortschritt gut leben - ohne Arbeitszwang und mit mehr Freiheit statt Vollbeschäftigung. In wirtschaftlich hochentwickelten Ländern wie Deutschland halten einige diese Utopie für verblüffend aber erreichbar.
Arbeitslosigkeit als Folge des Erfolgs

Sascha Liebermann
"Freiheit statt Vollbeschäftigung"
Foto "Wir haben Arbeitslosigkeit, weil wir so reich sind aufgrund der Technologienutzung und der Produktivität", sagt der Soziologe Sascha Liebermann von der Bürgerinitiative "Freiheit statt Vollbeschäftigung". Kaum jemand wolle wahrhaben, dass die Arbeitslosigkeit nicht Resultat eines Versagens, sondern Resultat des Erfolgs sei. "Wir würden jetzt sagen: Daraus muss man die Konsequenz ziehen. Dann muss man das System so umstellen, dass der Erfolg auch belohnt wird, nämlich mit dem Grundeinkommen, und nicht bestraft durch Zwangsmaßnahmen."

Ein Grundeinkommen für alle Bürger, nicht weil sie arbeiten, sondern weil sie Staatsbürger eines reichen und fortschrittlichen Landes sind? Ökonomisch beurteilen einige Wirtschaftsexperten diesen Vorschlag positiv. Aber die Vision einer Gesellschaft ohne den Zwang zur Sicherung der eigenen Existenz weckt tiefe moralische Ängste: Würden wir in Faulheit versinken?
Paradoxie des Kapitalismus

Robert Kurz
Foto "Die Paradoxie des Kapitalismus ist, dass je mehr Arbeit erspart wird, desto mehr man arbeiten soll", sagt der Soziologe Robert Kurz. Das sei ein Widerspruch in sich, der irgendwann nicht mehr gehe. Aber offensichtlich habe diese Gesellschaft keinen gesunden Menschenverstand mehr. "Stattdessen wird gefragt: Wie können wir Arbeit beschaffen? Als wäre das Bedürfnis der Menschen nicht, gut zu leben, interessante Dinge zu tun oder auch sich einfach auf die faule Haut zu legen, sondern als gäbe es ein Urbedürfnis nach Arbeit - und zwar, wie der abstrakte Ausdruck Arbeit schon besagt, egal welche."

Wer jahrelang unqualifizierte Tätigkeiten ausgeübt hat, ist für qualifizierte unbrauchbar. Humankapital wird verschleudert oder gar nicht erst gebildet. Mit den Hartz-Gesetzen soll der Niedriglohnsektor ausgebaut werden. Ist dies ein Ausweg für die sieben bis acht Millionen Arbeitslose, die manche prognostizieren? An sozialen Experimenten führt sicher kein Weg vorbei. Aber Heilsgewissheiten sind fehl am Platz.
Über die Verhältnisse gelebt

"Die Agenda 2010 und auch die Hartz-Gesetze sind nicht als ein experimentelles Programm angelegt, sondern werden auch vom Wirtschaftsminister, vom Kanzler und von vielen anderen Repräsentanten der Regierung angepriesen als etwas, das mit Sicherheit in die richtige Richtung führt", sagt Offe. Dieses Selbstbewusstsein kommt dem Soziologen vermessen und unbegründet vor: "Ich glaube, dass die Bundesrepublik nicht nur finanziell über ihre Verhältnisse lebt, sondern auch intellektuell." Die politischen Eliten behaupten Dinge zu wissen, die sie gar nicht wissen können, so Offe.

Die Arbeit sind wir los, doch der Erwerbszwang ist geblieben. Die Politik klammert sich an die Vollbeschäftigung, die doch nicht wiederkehrt. Der Kragen könnte einem platzen. Aber wir können loslassen. Vielleicht ist die Krise auch ein Grund zum Feiern, denn sie macht uns bewusst, dass die lebendige menschliche Arbeitskraft das Beste ist, was wir haben.

17.03.2004
Kulturzeit