Religion versus Republik
In Frankreich tobt der Streit um das Kopftuch
Tausende Muslime waren am vergangen Samstag in Paris auf der Straße. Vor allem junge Frauen demonstrieren gegen das neue Gesetz, mit dem Chirac und seine Regierung religiöse Symbole an staatlichen Schulen verbieten will. Am Kopftuchstreit offenbart sich nun, wie es um den Zusammenhalt der Republik bestellt ist.
Das Kreuz mit dem Kopftuch
Mit oder ohne?
Der Islam bildet die zweitgrößte Religionsgemeinschaft im Land. Und dennoch: Die eigene Identität wahren ohne zu provozieren - offenbar eine Gratwanderung. Die Regierung hat vor kurzem eingeräumt, dass junge Moslems in Frankreich nur schwer eine Heimat finden. Das neue Gesetz soll da eine französische Identität schaffen. Doch der Laizismusstreit droht nun die Religionsgemeinschaften zu spalten.

Vertreter des Islam warnen vor einer Radikalisierung des Konflikts. "Es besteht heute mehr denn je die Gefahr, dass sich tatsächlich in der Gesellschaft zwei Fronten bilden", sagt Dalil Boubakeur, Präsident des französischen Islamrates. "Auf der einen Seite die radikalen Islamisten, auf der anderen Seite die französische Gesellschaft, die sich als Reaktion darauf immer mehr den rechtsextremen Parteien zuwendet." Er befürchtet, dass "die aktuelle Situation die Angst vor dem Islam schürt und rassistische Parteien dies ausnutzen".
Viel Unsicherheit

Der Kopftuchstreit
Nicht ohne dein Kopftuch
Über 60 Prozent der Franzosen stehen nach Umfragen hinter dem Gesetz und haben kein Verständnis für den Protest der Muslime. Wie Statements unserer Straßenumfrage bestätigen: "Ich finde, die Regierung hat völlig Recht, der Schleier muss verboten werden. In der Schule, die immerhin vom Staat finanziert wird, haben religiöse Zeichen nichts zu suchen." - "Zu Hause können die Leute glauben, was sie wollen. Aber in der Schule hat das Kopftuch wirklich nichts verloren. So denken alle, die ich kenne." - "Ich bin froh, denn das Gesetz macht endlich Schluss mit dieser Unsicherheit." Die Unsicherheit darüber, wie viel Religion im öffentlichen Leben sein darf: Eine Kundin durfte kürzlich ihre Bank nicht betreten, weil sie das Kopftuch nicht abnehmen wollte. Willkür, für die sich die Bank entschuldigt hat.

Und was wird aus den Schulen? Statt ein Ort der Integration zu sein, könnten sie durch das neue Gesetz zu einem Ort der religiösen Isolation werden. "Wo soll das denn hinführen?" fragt die muslimische Schülerin Lila. "Dann gehen die Juden in jüdische Schulen, die Muslime in muslimische und die Katholiken in katholische Schulen. Das ist doch eine absoluten Spaltung der Gesellschaft."

Also mehr islamische Privatschulen mit staatlich anerkannten Abschlüssen wie das Gymnasium Averroes, jüngst neu eröffnet im nordfranzöischen Lille. Trotz staatlichen Lehrplans hat die Politik kaum Kontrolle, was dort unterrichtet wird. "Solche Schulen könnten jetzt leider tatsächlich mehr Zulauf bekommen, gerade von Mädchen, die das Kopftuch tragen möchten", meint Boubakeur. "Das ist nicht gut. Denn es ist schwer, in diesen Schulen den Einfluss der Radikalen, der Fundamentalisten zu kontrollieren."
Bedrohliches Symbol

Eine Kommission hatte im Auftrag des Präsidenten über die Notwendigkeit eines Gesetzes zu entscheiden. Die Kernfrage: Wodurch wird ein religiöses Symbol zur Bedrohung für die Republik? "Gegen das Tragen des Kopftuches hat keiner was - wenn es dabei bleibt", sagt Alain Touraine, Soziologe und Mitglied der Gesetzeskommission. "Aber wenn dahinter eine Gruppe steht, die die Grundlagen unserer Zivilisation, Werte wie Rationalismus, Freiheit und Gleichheit zerstören möchte, dann sind wir dagegen. Und das ist leider eine Tendenz, die wir im Augenblick beobachten müssen." Ein gesellschaftlicher Prozess, den ein Gesetz jedoch nicht zu stoppen vermag. Zumal muslimische Ansichten von der Kommission kaum berücksichtigt wurden.

Das jedenfalls bemängeln Kritiker wie Jean Baubérot, der als einziger in der Kommission gegen das Gesetz gestimmt hat, weil er das Kopftuch nicht verbieten möchte: "Ich sehe die große Gefahr, dass der Konflikt sich weiter aufheizt und nicht mehr zu kontrollieren ist. Das ist ein Teufelskreis", sagt der Soziologe, der auch Mitglied der Gesetzeskommission ist. "Auf der einen Seite gibt es jene, die das Gesetz befürworten. Auf der anderen Seite stehen die Muslime. Sie könnten sich als Opfer sehen und sich den radikalen Stimmungsmachern anschließen. Das kann dann schnell gefährlich werden."

Am 3. Februar debattiert das Parlament die erste Gesetzesvorlage. Schon zum neuen Schuljahr im September soll das Verbot in Kraft treten. Es bleibt also noch viel Zeit für Verhandlungen, aber auch viel Zeit für Proteste - Sprengstoff für die Grande Nation.

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21.01.2004