Die Vatikan-Connection
Giuseppe Ferraras Film über "Die Banker Gottes"
Filmszene: Der erhängte Roberto Calvi
So wie im Spielfilm könnte es gewesen sein: Mitten in der Nacht, am 18. Juni 1982, stirbt Roberto Calvi, einer der mächtigsten Banker Italiens, unter der Blackfriars Bridge in London, aufgeknüpft an einem Strick. Ein Mord, so vermuten viele, der zwanzig Jahre danach noch immer nicht aufgeklärt ist. Roberto Calvi ist eine der Schlüsselfiguren in einem der größten Bankenskandale Italiens. Geheimlogen und Geheimdienste sind in ihn verstrickt - und der Vatikan.

Giuseppe Ferrara hat der Fall von Anfang an nicht losgelassen. Ein Drehbuch hat er schon vor langer Zeit geschrieben. Doch dann wurde die Produktionsfirma, die die Rechte erwarb, von Berlusconi gekauft. Und von einem Spielfilm war plötzlich keine Rede mehr. Fünfzehn Jahre kämpfte Giuseppe Ferrara für seinen Film: "In all diesen Jahren haben wir versucht, neue Produzenten zu finden. Aber alle haben sie gesagt: Das ist doch ein zu heißes Thema. Wir werden alle im Gefängnis landen."
Undurchsichtige Devisengeschäfte

Kardinal Macinkus
Foto Der Vatikan und seine Macht, eine endlose Geschichte. In den 70er und 80er Jahren ist das Feindbild noch klar - die Kommunisten. Das IOR - das Instituto per le Opere di Religione, das Finanzinstitut des Vatikans, unterstützt die Solidarnosc in Polen mit Millionen von Dollars. Der kommunistische Block beginnt zu wackeln. Chef des IOR ist Paul Casimir Marcinkus - Amerikaner, Kardinal und einer der mächtigsten Männer unter dem Papst. Er ist der Mann des Geldes, seine Rolle aber bis heute nicht geklärt.

Im Archiv des Regisseurs Ferrara finden sich auch persönliche Aufzeichnungen derer, die damals am Banker-Skandal beteiligt waren.Immer wieder fällt ein Name - Kardinal Marcinkus -, auch in den Aufzeichnungen der Witwe des rätselhaft gestorbenen Bankiers Calvi. Calvi war Chef der Banco Ambrosiano, die in undurchsichtige Devisengeschäfte und Waffendeals verwickelt war. Dennoch machten Kardinal Marcinkus und der Vatikan Geschäfte mit Calvis Bank. Ein brisanter Stoff - und deshalb rechnet Regisseur Ferrara damit, dass auch weiterhin versucht wird, seinen Film über den Bankenskandal zu stoppen: "Man sucht nach Gründen, den Film zu verbieten, wirft uns Verleumdung vor." Ferrara beharrt darauf, sich einfach nur an die Fakten zu halten: "Bei uns stehen die tatsächlichen Ereignisse im Vordergrund". Vielleicht, mutmaßt er, "überschreitet der Film ja eine gewisse Grenze unserer ach so liberalen Gesellschaft. Vielleicht ist sie ja gar nicht so liberal, wie sie scheint und erträgt einfach die Wahrheit nicht."
"Ich besitze und vernichte dich"

Roberto Calvi
Foto Ferraras Film beginnt auf den Bahamas. Auch hier hatte die Banco Ambrosiano eine Dependance. Im Mai 1982 bricht die Bank, verwickelt in schmutzige Geschäfte, zusammen. Ihre Schulden: 1,5 Milliarden Dollar. Vom Hometrainer aus gibt der Papst Anweisungen, wie man Banker Calvi beruhigen soll. Eine Milliarde Dollar hat Calvi an der Solidarnosc zukommen lassen, auf Geheiß des Papstes, so sagt er. Nun will er gerettet werden. Im Film legt Kardinal Marcinkus Calvi seine riesige Hand auf die Stirn, im Sinne von "Ich besitze und vernichte dich".

Marcinkus, so der Film, hilft seinem Banker nicht. Stattdessen schlägt er ein gemeinsames Gebet vor: Der Herr soll es richten. Wenig später ist der Banker ein toter Mann. Die Erklärung der Polizei: Calvi hat den Skandal nicht ertragen und sich umgebracht. Warum allerdings hat er fluchtartig sein Londoner Hotel verlassen? Warum sich dann den Schnurrbart abrasiert? Sich unter einer schwer erreichbaren Brücke aufgehängt? Fragen, die nie schlüssig beantwortet wurden. "Die transatlantische Sicherheit war in Gefahr", meint Ferrara. "Wenn ein Banker, der - so denke ich - auch ein Spion war, anfängt, seine Geheimnisse auszuplaudern, dann ist das das Ende. Also musste man ihm den Mund stopfen."
Die Kräfte von einst gibt es immer noch

Giuseppe Ferrara
Foto Gianni Cipriani ist in Italien ein bekannter investigativer Journalist. Die verworrene Welt der Geheimdienste, die Verbindungen zwischen Geheimbünden und der katholischen Kirche sind sein Thema. Der Weg zur Redaktion führt ihn vorbei an dem Ort, wo vor wenigen Wochen eine Bombe explodierte. Wieder reden wir über Terrorismus, von einem nebulösen Feind von außen, so sagt er. Ob es ihn tatsächlich gibt, wer weiß es. Vieles erinnere ihn an die Zeit der Bankenskandale, sagt Cipriani: "Damals und auch heute kommt es vor, dass hinter der Fassade der Politik Verbindungen entstehen, die mit der sichtbaren Politik überhaupt nichts zu tun haben. Das sind Mechanismen, die nur eines wollen - Geschäfte machen."

Cipriani schreibt für "Il Nuovo" - einer neuen, ausschließlich im Internet erscheinenden Zeitung. Auch er hat zum Bankenskandal ein Buch geschrieben. Die ganze Wahrheit jedoch, so sagt er ein wenig resigniert, liegt auch nach zwanzig Jahren noch im Dunkeln. Gänzlich aufdecken, so denkt er, wird man diese Welt nie. Auch nicht mit Ferraras Spielfilm. "Sicherlich, man kommt der Welt der Intrigen immer ein Stück näher, kann etwas über die Politik von damals sagen", sagt er. "Aber auch in diesen letzten Tagen gibt es wieder Spannungen, die wir in Italien spüren. Wie der politische Kampf und die Auseinandersetzung geführt werden und plötzlich wieder Terroristen und Bomben im Spiel sind - das beweist für mich, dass es die seltsamen Kräfte von einst auch heute noch gibt."

Der Vatikan musste über 240 Millionen Dollar an die Schuldner der Skandalbank zahlen. Zu seinen Fehlern hat er sich nie bekannt. Nur ein paar hundert Meter vom Markusplatz entfernt, wird ab jetzt eine deutlichere Sprache gesprochen. Premiere für Ferraras "Banquieri di dio" - "Die Banker Gottes". Aufklären soll der Film, so der Regisseur, aber durchaus auch unterhalten. Welcher Krimi sei schon spannender als der, den die Wirklichkeit schreibt. "Das ist ein Film, der außerhalb jeder Norm liegt, außerhalb des Üblichen. Ich glaube nicht, dass in unserer Zukunft noch öfters solche Themen aufgegriffen werden und auch in der Vergangenheit ist das ja nicht häufig passiert. Ihr werdet eine Sprache hören und sehen, die vor allem eines ist - wahrhaftig. Ich habe keinerlei Hemmung, die Wahrheit zu sagen, auch wenn ich den Mächtigen damit gehörig auf die Füße trete."

Ferraras Film erinnert an die Zeit der Einschüchterungen. Und enthält eine Botschaft für die Gegenwart: Auch zwanzig Jahre nach dem Skandal gibt es Fragen, die endlich geklärt werden sollten.

13.03.2002
Kulturzeit