Erinnerungskultur im Krebsgang
Günter Grass, die "Wilhelm Gustloff" und linke Tabus
"Warum erst jetzt?" Mit dieser Frage beginnt Günter Grass seine Novelle "Im Krebsgang". Eine Frage, die direkt ins Zentrum führt, wie deutsche Geschichte aufgearbeitet wird. Denn wenn Grass beschreibt, wie im Januar 1945 ein sowjetisches U-Boot das Passagierschiff "Wilhelm Gustloff" torpediert und die etwa 9.000 ostpreußischen Flüchtlinge in der kalten Ostsee sterben, dann greift er nicht nur eine der größten Schiffskatastrophen auf, sondern auch ein seit vielen Jahrzehnten weitgehend totgeschwiegenes Thema.

Grass erzählt das Schicksal der vertriebenen und vergessenen Menschen. Vehement verweist er damit auf einen Paradigmenwechsel in der deutschen Erinnerungskultur. Seine Generation sei nach dem Krieg zuallererst mit den Verbrechen konfrontiert gewesen, für die Deutsche die Verantwortung hatten - nach wie vor das dominierende Verbrechen. "Aber dass dieses Unrecht, das wir verursacht haben, weiteres Unrecht zur Folge hatte, nämlich die Vertreibung, das bleibt am Rande - also ausgeblendet -, ist natürlich auch Thema und gehört dazu."
Ein linkes Tabu
In der Tat: Unter Intellektuellen hat kaum einer das Schicksal der Vertriebenen in den Mittelpunkt gerückt. Zu schnell war der Verdacht da, dass dem Revanchismus ein Forum geboten werde und die Opfer des Holocaust in Vergessenheit geraten würden. Ausnahmen waren Schriftsteller wie Alexander Kluge, Siegfried Lenz, Walter Kempowski oder W.G. Sebald, der 1998 mit der Überlegung, dass der Luftkrieg in der deutschen Literatur keine Rolle spiele, eine heftige Diskussion auslöste.

Zwar meint etwa Marcel Reich-Ranicki, dass es nie ein Tabu gegeben habe und Grass das auch vor 30 Jahren hätte schreiben können. Doch für viele war es eben doch ein Tabu. Auch für Günter Grass. Erst jetzt, nach einer breiten Diskussion über die Verbrechen der Deutschen wird es möglich, über das zu reden, was Deutsche erlitten haben. Bislang war dieser Bereich von den Rechten besetzt. Sie konnten das Schicksal der Vertriebenen für ihre Märtyrerlegenden missbrauchen, weil die Linke das Thema vernachlässigt hat. Grass appelliert, das Thema nicht mehr dem rechten Rand zu überlassen. Das Leid der Vertriebenen muss ins Bewusstsein der deutschen Gesellschaft gerufen werden, behutsam, die Gefahr rechter Vereinnahmung im Blick. Zwei Schritte vor und, wenn es muss, einen zurück - im Krebsgang eben.

Kulturzeit spricht mit dem Historiker Norbert Frei über deutsche Erinnerungskultur.

07.02.2002
Kulturzeit