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Hostie oder Geldstück? Jedenfalls ist niemand ausgeschlossen.
Grenzenloses Geldvertrauen
Kulturzeit-Reihe "Schuld & Schulden"
Erst die Finanzkrise, jetzt der drohende Staatsbankrott Griechenlands. Die in schwindelerregende Höhen aufgelaufenen Schulden, die zur dramatischen Situation Griechenlands geführt haben, nimmt Kulturzeit zum Ausgangspunkt für eine dreiteilige Reportagereihe.
"Der Dollar ist das verbreitetste religiöse Dokument unserer Zeit", sagt Werner Schneider-Quindeau, Pfarrer der Katharinenkirche in Frankfurt am Main. Ein Dollar-Schein hängt an seinem Altar. "Wir haben [ihn] hier an den Altar gehängt, um gerade in der Kirche über den Zusammenhang von Glauben und Geld zu sprechen. Dass der Dollar selbst davon spricht, zeigt er, wenn er 'In God We Trust', 'Auf Gott vertrauen wir', in die Mitte seines Scheins stellt. Man sieht daran sehr deutlich, ohne Vertrauen sind Geschäfte nicht zu machen."

Zur Jahrtausendwende werden wir aufgefordert, unser Vertrauen zu wechseln - in eine neue Währung. Alle Hoffnungen sollen sich auf den europäischen Dollar richten, der uns einen neuen, riesigen Supermarkt namens Euroland verspricht. "Gottvertrauen bedeutet: Teilhaben an den Gütern, die Gott uns geschenkt hat", so Pfarrer Werner Schneider-Quindeau. Teilhaben, ja. Aber der europäische Markt ist kein Wohltätigkeitsverein. Hier wird hart um Geld gekämpft. Wer nicht so fleißig oder gut aufgestellt ist wie andere, verliert Marktanteile. So ist das nunmal in einer festen Gemeinschaft. Mitgegangen, mitgehangen.

Abgewirtschaftet
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Leere griechische Tasche
Im Mai 2010 steckt Griechenland in der Schuldenfalle. Totaler Sanierungsbedarf. Wie konnte das passieren? Die deutsche Boulevardpresse prangert die Griechen an: "16 Monatsgehälter, gewohnheitsmäßige Steuerhinterziehung, Dauerstreiks, Luxus-Renten." Alles leisten sie sich auf Pump. Unsere Banker haben ihnen Milliarden geliehen, natürlich weil sie daran verdienen wollten. "Volkswirtschaften", so Schneider-Quindeau, "kommen alle aus dem nationalen Hintergrund da rein und bilden so die Gemeinschaft. Die Ausgangsbedingungen jeder dieser Volkswirtschaften sind immens verschieden." Deutschland sei das wahrscheinlich einzige Land, das aus der EU austreten könnte, ohne dass es sofort pleite wäre. "Griechenland ist viel schwächer reingekommen, Spanien und Portugal nach Diktaturen, abgewirtschaftet."

Griechenland hat sich gedacht, die Gemeinschaft wird schon jeden mitnehmen und durchfüttern. Ein Irrtum. Jeder hat das Recht, nur auf seinen Vorteil zu schauen. Dieses grundsätzliche Missverständnis in der Euro-Gemeinde wird sie zerstören, prognostiziert schon seit Jahren Heiner Flassbeck, Chef-Volkswirt bei der Uno. "Da entsteht für mich die Schuld", sagt er. Dass Deutschland jetzt nur auf die Griechen und die anderen Südeuropäer schimpfe und erkläre: Ihr hättet den Gürtel enger schnallen müssen, sei völlig unangemessen. "Wenn die anderen den Gürtel von vorne herein enger geschnallt hätten, hätte Deutschland mit seinem Gürtel enger schnallen nicht erfolgreich sein können." Das sehen wir anders. Deutschland hat alles richtig gemacht. Wir haben die Agenda 2010 eingeführt. Haben uns mit Lohnansprüchen zurückgehalten. Haben uns mit Hartz IV für den Export aufgeopfert und so den Titel Exportweltmeister verteidigt.

Gürtel enger schnallen
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Leihen als Geschäft
"Dadurch, dass man den Gürtel enger schnallt, kann man seine Preise stärker senken als andere", so Heiner Flassbeck. "Bei vergleichbaren Produkten gewinnt man dann Marktanteile. Das lässt sich ganz klar beobachten. Deutschland hat Marktanteile gewonnen und dieser Gewinn von Marktanteilen ist der Verlust der anderen. Marktanteile sind immer ein Nullsummenspiel. Wenn der eine gewinnt, der andere verliert und man auf Dauer Marktanteile verliert, kann man auch nicht mehr importieren, weil man dann nur noch auf Pump lebt." "Denkt an unsere verliehenen 40 Milliarden. Lasst jetzt bei Gott den Euro nicht scheitern. Lasst die Schuldiger an unserem Tisch sitzen", predigt Pfarrer Werner Schneider-Quindeau und erklärt: "Der Altar ist nicht einfach eine Opferstätte, sondern ein Tisch. An diesem Tisch essen und trinken Menschen. Deswegen haben wir hier in der Kirche einen alten Altar im Winter vier Wochen lang verlängert für Bedürftige, vier Wochen Winterspeisung. Damit machen wir deutlich: Wir wissen, warum es notwendig ist, die Bedürftigen als Gäste an diesen Tisch zu laden, weil es dem Gebot und Willen Gottes selbst entspricht."

Sparprogramm als Last
"Wir machen das so", sagen die Banker. "Wir nehmen einen billigen Kredit, sagen wir, für drei Prozent, und geben ihn den armen Griechen günstig für fünf Prozent. Zugleich legen wir ihnen eine Sparprogramm von 30 Milliarden auf drei Jahre als Last auf, damit wir Zeit gewinnen. Sie werden damit nicht auf die Beine kommen, aber auch nicht zu ihren Drachmen zurückkehren." Alle sollen jetzt das Vertrauen in unsere Währung zurückgewinnen und spüren, dass wir das Finanzsystem fest im Griff haben, dass man auf unser Geld bauen kann wie auf einen Fels. "Ohne Vertrauen sind Geschäfte nicht zu machen", sagt Pfarrer Schneider-Quindeau. "Das sagt der Dollar sehr deutlich. Das einzige, dass sie nicht kaufen können, ist Vertrauen. Er setzt etwas voraus, das er selber nicht erwerben kann."

Was bindet einen Schuldner mehr, als wenn man ihm Vertrauen entgegenbringt. Die Rettung muss er freilich zurückzahlen - mit Zins und Zinseszins. Wir führen ihn an der langen Leine, aber strangulieren werden wir ihn nicht.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Reihe
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Falle ohne Ausweg? - Eine Kulturzeit-Reihe in drei Teilen
05., 12. und 19.05.2010,
jeweils ab 19.20 Uhr auf 3sat
Schwerpunkt
© dpaDie Krise der Wirtschaft
"Kulturzeit" zum 3sat-Themenabend
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