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Auf 1200 Quadratkilometern erstreckt sich die Todeszone rund um Tschernobyl, die heute eine riesiges verstrahltes Naturschutzgebiet darstellt.
Strahlende Natur
Igor Byshnjovs Filme aus der atomaren Todeszone
Traumhaft, alptraumhaft, trügerisch - so sieht das Leben in der Todeszone von Tschernobyl aus. Im menschenleeren Sperrgebiet gibt es nichts als Natur und Radioaktivität. Der weißrussische Biologe und Filmemacher Igor Byshnjov dreht seit Jahren Filme in der Todeszone. Regelmäßig passiert er die Grenze zum Sperrgebiet - immer nur für einen Tag.
Igor hat Angst vor der Strahlung, doch es zieht ihn zu diesem Ort. "Durch die Arbeit mit der Kamera habe ich verstanden, dass dieses Gebiet in der Tat einmalig ist, einmalig für jeden Menschen, der hierher kommt", sagt er. "Eine solche Vielfalt von Emotionen, kann man nirgendwo anders empfinden." Mt dem Jeep fährt er auf huckeliger Piste durch Babchin, einen Ort der einst 728 Bewohner hatte und 1986 evakuiert wurde. Das gleiche Schicksal erlitten auch alle anderen Dörfer in dieser Zone, auf 1200 Quadratkilometern. Jetzt heißt die verlassene Gegend "Staatliches radioaktiv-ökologisches Naturschutzgebiet in Polessje" Igor Byshnjov kennt hier jeden Winkel. Er setzt seine Gesundheit aufs Spiel, um Veränderungen in der Natur zu dokumentieren.

Fragen, auf die es keine Antwort gibt
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Den Filmemacher Igor Byshnjov zieht es seit Jahren ins verstrahlte Gebiet.
Igors Filme laufen auch im weißrussischen Fernsehen. Sie zeigen eine ganz eigene Welt mitten in Europa. Äußerlich sieht alles harmlos aus. Tiere und Pflanzen haben sich zwar rasant vermehrt, aber ein Waschbär ist immer noch ein Waschbär. Doch wie harmlos sind Tiere, die mindestens das 400-fache des radioaktiven Grenzwerts abstrahlen? Wie gefährlich sind diese Wesen, wenn sie das Gebiet verlassen? Wie wirkt die Radioaktivität auf Vögel, die über das Gebiet ziehen? Fragen, auf die es keine Antworten gibt.

Das Dorf Orivichi befindet sich mitten in der Zone des Naturschutzgebiets Polessje. "Früher war es ein großes Dorf, drei oder vier Kilometer lang", so Igor Byshnjov . "Jetzt ist es das Reich der Tiere. Im Winter ist auf jedem Hof eine Herde von Wildschweinen. Im Sommer ruhen sich die Tiere in den Häusern aus. Hier habe ich vor kurzem die Bekanntschaft mit einem Wolf gemacht. Er lag absolut ruhig und fletschte leicht die Zähne. Ich musste dem Wolf weichen, weil nicht ich, der Mensch, Herr in diesem Dorf bin, sondern dieses Tier." Vor der Tschernobyl-Katastrophe lebten auf dem Territorium des heutigen Naturschutzgebiets Polessje ein halbes Dutzend Wölfe, jetzt sind es an die 200.

Die Gefahr lauert überall
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Wie gefährlich ist es, wenn Vögel die Zone verlassen? - Keiner weiß es.
Igor Byshnjov hebt eine sich windende Natter auf: "Diese Schlange ist eigentlich Nahrung für die weißen Störche", sagt er. "Aber die Störche sind verschwunden. Sie sind mit den Menschen gegangen, denn sie siedeln immer in der Nähe des Menschen. Als wir vor fünf Jahren mit den Dreharbeiten zu dem Film 'Der Dschungel von Tschernobyl' begannen, gab es hier noch die beiden letzten Storchennester. Doch knapp zwei Jahre später waren auch sie weg." In Igor Byshnjovs Filmen sieht dieses "Naturparadies" manchmal beinahe romantisch aus. Doch hinter jeder scheinbar harmlosen Aufnahme eine spürbare Warnung. In Tschernobyl hat der Mensch das Zaubern geübt, er hat sich selbst weggezaubert - wohl für immer. Ganz egal also, wie es aussieht: Hier ist und bleibt es einfach nur gefährlich. Und die Gefahr lauert überall.

Die vielleicht größte Gefahr ist das Feuer. Radioaktive, schwarze Asche, erweitert ständig die Kernzone der Verseuchung und es finden sich immer weniger Feuerwehrleute, die ihr Leben riskieren, um die dauernden Brände zu löschen. "Die Menschen, die hier arbeiten, geben sich ihrer Aufgabe zu 100 Prozent hin", sagt Igor. "Aber immer weniger haben den Mut, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Die paar, die hier sind, schaffen es nur, Daten zu erheben, jedoch nicht mehr, sie auszuwerten. Für die Auswertung bräuchten wir die Hilfe von engagierten, kompetenten Leuten. Ich denke, ein solch einzigartiges Gebiet wie dieses Reservat müsste von vielen Forschern aufmerksam beobachtet werden".

Der Westen hat Tschernobyl schon fast vergessen. Auch weil man sich hierzulande einbilden kann, längst alles zu wissen über die atomare Katastrophe. Gerade deshalb sind Igor Byshnjovs Nachrichten aus der Todeszone, seine Bilder von den um die Wette strahlenden Pflanzen und Tieren so erschreckend. Plötzlich ahnen wir: "Im Grunde wissen wir nichts."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
26.04.2010 / Natalia Kasperovich,Titus Richter ("ttt"/MDR) / yg/se