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Einen Cent überweist Christin Lahr jeden Tag dem Bundefinanzministerium.
Geben ist seliger denn Nehmen
Die Kunst-Aktion "Macht Geschenke!"
Jeden Tag überweist die Medien- und Aktionskünstlerin Christin Lahr dem Bundesfinanzministerium genau einen Cent und schickt dazu 108 Zeichen aus dem ersten Band des "Kapitals" von Karl Marx. Protest sei das nicht, so Lahr. Sie sieht in "Macht Geschenke!" ein demokratisches Instrument der Artikulation und Meinungsfreiheit.
Zum Bundesfinanzministerium hat die Künstlerin Christin Lahr eine besonders enge Beziehung, denn sie schenkt dem Staat Kunst. Lahrs Werk ist eine Kunstaktion für Krisenzeiten. Sie erfreut den obersten Geldverwalter des Staates mit einer kleinen Hilfe zum Schuldenabbau. Lahr schleust ihre Kritik am Finanzsystem direkt in die Staatsverwaltung ein. "Bürokratie gilt sich selbst als der letzte Endzweck des Staats", schreibt Karl Marx.

Eine Geste des Schenkens
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Christin Lahr überweist: Etwa 157 Euro werden das bis 2052 sein.
"Wenn ich täglich einen Cent mit 108 Zeichen überweise, die dadurch transportiert werden, dann wird das etwa 43 Jahre und drei Monate dauern. Etwa 157 Euro werden das bis 2052 sein. In den Büchern des Finanzministeriums wird dann das Gleiche verewigt sein wie in Lahrs Kontoauszügen. "Macht Geschenke!", heißt die Aktion. Lahr verkauft ihre Kunst nicht. Sie verschenkt sie - völlig unzeitgemäß, anti-kapitalistisch. "Es ist eine Geste des Schenkens", erklärt die Künstlerin, "die eine Gegenbewegung zu einer Gesellschaft, die auf Expansion, Gewinnmaximierung und Steigerung fixiert ist." In homöopathischen Dosen hilft die Leipziger Kunstprofessorin, den Schuldenberg zu verkleinern, und erinnert daran, dass er länger existieren wird als wir selbst.

"Was ich mache, ist eigentlich eine tägliche Interaktion auf Du und Du mit dem Staat", so Lahr, "ein tägliches Pochen, Klopfen, Erinnern daran, dass eigentlich alles, was passiert, eine Relevanz für den einzelnen Menschen hat. Und das bin in dem Sinne stellvertretend ich." Doch der Staat stellt sich taub, schluckt aber das Geld. Auf unsere Anfrage hin will man nichts von Lahrs Aktion wissen. Ein Interview wollen Finanzministerium und Bundeskasse nicht geben. Dorthin überweist Lahr den täglichen Cent. Man lässt uns wissen, man wolle an solcher Kunst nicht mitwirken. Geschmäcker sind verschieden. Doch ob Ministerium und Bundeskasse wollen oder nicht, sie machen mit. Lahr nutzt ihre Verwaltungsstrukturen, in denen ihr täglicher Cent verschwindet.

Ein Schreiben an Herrn Schäuble
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Wirtschaftswissenschaftler Henrik Schütt: "Ich würde mich sehr ärgern."
Wo ihr tägliches Geschenk bleibt, erfährt Christin Lahr nicht. Sie will aber den Finanzminister wenigstens darüber informieren. Deshalb will sie ihm einen Überweisungsbeleg schenken. "Das ist eigentlich nur ein Schreiben an Herrn Schäuble, den ich hiermit von der Schenkung in Kenntnis setze", sagt sie, "dem ich zum anderen aber auch die erste Überweisung schenken möchte." Der Überweisungsbeleg macht den Beschenkten zum Mitwisser der Aktion. Nach langen Debatten mit dem Amt wird Lahr ihn los.

Warum ihre Aktion so nervt, weiß der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Henrik Schütt, der zukünftige Banker ausbildet. "Ich persönlich würde mich auch sehr ärgern, wenn mir jemand jeden Tag einen Cent überweist", sagt er. "Als Privatperson ist es mir egal. Aber wenn ich es verbuchen muss in meiner Buchhaltung und dann meine Buchhalter damit beschäftigen muss, die teures Steuergeld kosten, dann würde ich mich sehr ärgern." "Wir werden ständig mit Dingen konfrontiert, die wir nicht verursacht haben, die wir aber ausbaden müssen", sagt dagegen Lahr. "Das ist eine Kritik daran. Es interessiert mich kein bisschen, ob jemand Kritik haben will. Natürlich will Kritik keiner haben."

Sicherheitslücke bei Staatskonto
Lahrs Kritik nutzt das System selbst. Denn Konten sind für Einzahlungen schrankenlos, stehen für eingehendes Geld immer offen. so wie Marx es im "Kapital" schreibt: "Der Trieb der Schatzbildung ist von Natur maßlos. Qualitativ oder seiner Form nach ist das Geld schrankenlos." Weil die Konten offen sind, lasse sich die Verwaltung durch kostenlose Online-Überweisungen ohne Aktenzeichen lahmlegen, so Lahr. Das ist eine Sicherheitslücke vor allem bei einem Staatskonto. Denn für die Überweisungen aller Bundesministerien gibt es nur ein Konto.

"Jeder Eingang muss behandelt werden, was normalerweise über Aktenzeichen funktioniert", erklärt Lahr. "Wenn Sie aber im Verwendungszweck kein Aktenzeichen haben, muss man sich damit beschäftigen. Und wenn nicht nur ein Cent wie in meinem Fall eintrudelt, dann wäre binnen kürzester Zeit die Verwaltung des Staates nicht mehr arbeitsfähig." Man muss nicht gleich den Teufel an die Wand malen und terroristische Akte befürchten, aber wenn in Zukunft zum Beispiel die Studenten mit Online-Überweisungen statt mit Transparenten demonstrieren, dann hat die Verwaltung ein Problem.

Die Opposition ist begeistert von der Idee
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Gerhard Schick (SPD): "Ich finde, das eine coole Idee."
Lahr will im Bundestag die Politiker direkt mit ihrer Aktion konfrontieren. Die Opposition, die das Problem gerade nicht verwalten muss, ist natürlich begeistert von der Provokation. "Ich finde, das eine coole Idee", sagt Gerhard Schick, Finanzpolitischer Sprecher der Grünen. "Gerade auch, dass eine Künstlerin sich mit dieser Finanzthematik beschäftigt. Das ist auch ein Teil der Auseinandersetzung mit der Krise, die wir jetzt haben, die wir nicht nur technisch und technokratisch bearbeiten können." Nicolette Kressl, Finanzpolitische Sprecherin der SPD, findet es eine "spannende Idee", die in der konkreten Situation nicht schnell helfen könne, aber "noch einmal alle drauf aufmerksam zu machen, die Verantwortung haben, das finde ich gelungen", wie sie sagt.

Schließlich antwortet das Finanzministerium doch noch auf die Frage, wo Lahrs täglicher Cent bleibt. Gemäß Paragraf 8 der Bundeshaushaltsordnung wird er ausgegeben. Christin Lahr - eine Lektion über die Sprengkraft des Geldes - oder warum Geben seliger ist denn Nehmen.

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Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
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