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Der Ex-Terrorist und Osama-Bin-Laden-Bodyguard Abu Jendal
Osamas Schatten
Bin Ladens Ex-Bodyguard im Jemen
Westliche Beobachter befürchten, dass der Jemen zu einer neuen Hochburg militanter Islamisten werden könnte. Der Ex-Terrorist und Osama-Bin-Laden-Bodyguard Abu Jendal weiß um die Verbindung des Jemen zu El Kaida.
Seit Dezember 2009 zeigt die Welt mit dem Finger auf den Jemen. Die USA haben im Jemen nach Afghanistan und dem Irak ihren dritten Kriegsschausplatz gegen den Terror. Sie verüben keine direkten Militärschläge, unterstützen die Regierung aber mit Geld. Das erzeugt Unmut bei der Bevölkerung. Der Einfluss der USA ist auch Abu Jendal ein Dorn im Auge. Als überzeugter Islamist kämpft er in den 1990er Jahren gegen die Ungläubigen - in Tadschikistan, Bosnien und Somalia. 1996 trifft der Islamist in Afghanistan auf Osama Bin Laden. "Osama machte mich zu seinem Bodyguard", berichtet Jendal. "Während mehrerer Jahre habe ich ihn überall hin begleitet. Ich wurde eine Art Schatten von ihm: Wo er war, war ich auch."

Die USA sind die wahren Schuldigen
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Abu Jendal zeigt Bin-Laden-Anhänger.
Abu Jendal zeigt uns Belege für seine Zeit bei den Fundamentalisten. Das Video der Dschihadisten zeigt ein Treffen der Führungsriege. Laut dem ehemaligen Leibwächter sollen unter den Anwesenden auch einige der Drahtzieher des Anschlages auf das World Trade Center gewesen sein. "Da war auch ein Pilot des 11. September dabei", sagt er und zeigt auf ein Foto. "Er hier hat eines der Flugzeuge geflogen. Sein Kampfname war Abu Abdel Rahman." In den Augen des Gotteskämpfers sind die USA die wahren Schuldigen. "Es heißt immer, El Kaida würde einfach Zivilisten töten", so Jendal. "Dabei stimmt das gar nicht. Man muss das anders sehen. Es handelt sich dabei um eine Verteidigung. Die Amerikaner haben doch angefangen, massenhaft unschuldige Muslime zu töten. So ist das doch, nicht anders herum."

Osama Bin Laden ist der Inbegriff für Terror weltweit. Tausende Tote gehen auf sein Konto. Trotzdem ist für Abu Jendal der berühmte Gotteskrieger nach wie vor ein Vorbild. Zurück in Jemen wird der Ex-Bodyguard gefasst und verbringt 13 Monate in Einzelhaft. Dank eines Deals mit der Regierung wird er vorzeitig entlassen. Der Religionsminister Hamoud Al-Hitar hat mitgeholfen, den Dschihadisten aus dem Gefängnis zu holen. Er ist einer der einflussreichsten Männer in Jemen. Seine Unterschrift kann Berge versetzen.

Aussteigerprogramm für El-Kaida-Terroristen
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Religionsminister Hamoud Al-Hitar
2004 gründet Hamoud Al-Hitar ein Rehabilitationsprogramm für El-Kaida-Aussteiger. Der Pakt heißt Freiheit gegen das Versprechen, dem Extremismus abzuschwören. "Terrorismus beginnt im Kopf", sagt der Minister. "Es wäre falsch, die Symptome nur militärisch zu bekämpfen. Viel sinnvoller ist es, tiefer an die Wurzeln zu gehen, den Leuten die Hand zu reichen und so den Terrorismus direkt an den Wurzeln zu packen." 600 El-Kaida-Sympathisanten nehmen inzwischen am Programm des Ministers teil. Im Gegenzug für ihre Rückkehr in die Gesellschaft erhalten sie finanzielle Unterstützung und Hilfe bei der Jobsuche. Bis auf wenige Ausnahmen ist das Programm ein voller Erfolg.

Abu Jendal nimmt uns mit in sein neues Leben. Der Ex-Terrorist hat eine kleine Firma für Industrie-Exporte gegründet und wird heute selbst bedroht. Die junge Generation von Extremisten sieht ihn als Verräter. Für Abu Jendal sind diese Trittbrett-Fahrer die wirkliche Gefahr für die Welt. "Das Ganze gerät völlig außer Kontrolle", sagt er. "Da kommt jetzt eine aggressive neue Generation mit irgendwelchen Ideologien und sagt dann: 'Wir gehören zur El Kaida'. Das läuft jetzt im Jemen genauso. Sie machen Anschläge angeblich im Namen der El Kaida, aber mit der wirklichen Al-Kaida hat das schon lange nichts mehr zu tun." Woher kommen die neuen, radikalen Islamisten, von denen der Bodyguard spricht? Laut USA kommt ein großer Teil aus der islamischen Imam-Universität in Sana'a.

Die Imam-Universität
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In der Bibliothek der Imam-Universität
Für mehrere Tausend Studenten ist diese kostenlose, privat finanzierte Universität die einzige Hoffnung auf Bildung. Der Präsident der Universität gilt als spiritueller Mentor Osama Bin Ladens und wird von den USA offiziell als Terrorist bezeichnet - ein Schatten, der auf die ganze Universität abfärbt. An der Imam-Universität wird eine streng konservative Interpretation des Islam gelehrt. Terror jedoch stößt auf Ablehnung. Tatsache ist: Einige Extremisten der El Kaida waren Studenten dieser Universität. Mohammed Al Duais ist für die täglichen Belange der Studenten zuständig. "Wir haben hier mehrere Tausend Studenten, die friedlich lernen", sagt er. "Man kann nicht das Ganze in den Dreck ziehen wegen einer Handvoll Extremisten und pauschal sagen: 'Diese Uni ist ein Hort von Extremisten.'"

Eine Handvoll Extremisten? Der missglückte Anschlag im Dezember 2009 auf die Delta-Maschine nach Detroit war offensichtlich in Jemen vorbereitet worden. Ein Grund für die USA, die geplante Rückführung von rund 100 jemenitischen Gefangenen von Guantanamo in den Jemen zu stoppen. Die Entscheidung hat im Jemen Zorn hervor gerufen. Hier sind die Guantanamo-Insassen Helden, ihre Porträts hängen in der ganzen Stadt.

Der Jemen am Scheideweg
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Abdelrahman al-Helah (rechts)
Einer, auf den alle warten, ist Abdelrahman al-Helah. Die Familie al-Helah auf dem Weg zum Freitagsgebet. Wie die meisten Jemeniten suchen sie Kraft im Glauben. Es ist ungewiss, wann und ob der Bruder aus Guantanamo nach Jemen zurückkehren darf. Dennoch appelliert Abdelrahman al-Helah an alle Parteien: "Wir dürfen die Tür zum Dialog nicht zuschlagen, was auch immer passiert ist. Letztlich wollen wir doch in Frieden zusammenleben." Ob der Ruf der Gemäßigten wie Abdelrahman al-Helah gehört wird, ist fraglich. Der Jemen ist am Scheideweg: Wird er eine Terrorbasis oder ein Beispiel für dialogbereiten Islam? Das entscheidet nicht die friedliche Mehrheit des Volkes, sondern die Machthaber dieser Welt.

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15.03.2010 / Mitja Rietbrock für Kulturzeit / tm/se